Sehr geehrte Damen und Herren des Bundestages,

mein Name ist Eleonore Fleth. Ich bin 57 Jahre alt, habe 4 Kinder und lebe mit meinem Mann in Elmshorn, in der Nähe von Hamburg.

Von 1963-1965 lebte meine Mutter mit drei Kindern getrennt von unserem Vater in Merklinghausen bei Attendorn im Kreis Olpe. Mein Vater zahlte unregelmäßig Unterhalt und meine Mutter reichte die Scheidung ein. Aus einem mir nicht bekannten Grund bestand schon aus der Vergangenheit Kontakt zum Jugendamt. Weshalb, ich weiß es nicht. Es geht aus meiner Akte auch nicht hervor. Es gab auch den „ bösen „ Nachbarn, dem es nicht gefiel wie wir lebten. Vorweg, meine Eltern ließen sich erst nach 27 Ehejahren scheiden. Meine Geschichte und Erfahrungen mit der Heimunterbringung in den 60er Jahren, von der ich Ihnen gleich berichten werde, erzähle ich auch im Namen meiner inzwischen verstorbenen Schwester Heidi, die das gleiche Schicksal erleiden musste wie ich. Vorweg sei auch noch erwähnt, dass dies natürlich nur ein Bruchteil dessen ist, was ich in dieser Zeit im Heim erlebt habe. Meine Schwester war gerade 14 Jahre alt und ich 15.
Am 19. Februar 1965 wurden wir in die Bodelschwingsche Anstalten Bethel in das evangelische Mädchen und Frauenheim Ummeln gebracht, dass der Fürsorgeerziehung des Landschaftsverbandes Westfalen –Lippe unterstellt war, bis zum 06.03.1969, also mehr als 4 Jahre wurden wir in dem Heim, das ein geschlossenes Haus für schwer erziehbare Mädchen war, festgehalten. Unterbringungsgründe waren z.B. Straffälligkeit, nicht zu arbeiten, usw. Doch meine Schwester und ich waren nie straffällig, noch haben wir sonst irgend etwas getan, was eine Unterbringung hätte rechtfertigen können. Für uns war es völlig unverständlich was hier geschah. Erst heute weiß ich, dass §64 des Jugendwohlfahrtgesetz angewandt wurde. Dieser Besagt, dass er erst zur Anwendung kommen darf, wenn vorher alle anderen Möglichkeiten von Seiten des Jugendamtes ohne Erfolg blieben. In unserem Haus habe ich nie eine Fürsorgerin gesehen oder gesprochen, auch gab es keine richterliche Anhörung. Im Folgenden werde ich Ihnen in sehr kurzen Auszügen erzählen wie es in dem Heim zuging.
Die Bedingungen, die ich dort vorfand, sind unvorstellbar. Nach der Aufnahme wurden mir, ohne das ein Arzt mich untersucht hat, Beruhigungsmittel verabreicht. Dies ist aktenkundig und somit belegbar. Untergebracht war ich, wie alle anderen auch, in einer Einzelzelle mit gekalkten Wänden. Dort befand sich ein Bett, ein Stuhl, eine Blechschüssel zum Waschen und als Toilette diente ein Kindernachttopf. Die Fenster waren verschlossen und es gab nur eine kleine Lüftungsmöglichkeit von 20 x 10 cm. Die Zellentür hatte von innen keine Klinke und es gab auch keine Klingel für den Notfall.
Täglich musste ich 12 Stunden in der Großküche arbeiten, sieben Tage die Woche. Später arbeitete ich in der Großwäscherei, in der die Wäsche von Kunden geliefert wurde. Einmal in der Woche musste ich in einem Privathaushalt im Dorf Ummeln arbeiten. Vor jeder Mahlzeit mussten wir beten und sonntags zur Kirche gehen.
Post wurde zensiert. Einmal im Monat durfte ich einen Brief nach Hause schreiben, dieser Verließ das Haus, wenn überhaupt nur nach Zensur. Es gab keinen Ausgang, kein Taschengeld oder etwa neue Kleidung.
Für versuchtes Ausbrechen, Regelverstöße oder Taten die den Diakonissen missfielen, wurde man in eine so genannte „Klausur“ gesperrt, zur Besinnung, für mindestens drei Tage: Kein Fenster durch das man schauen konnte, am Tag nur auf dem Stuhl sitzen. Schalldichte Wände und Türen. Es war grausam.
In der gesamten Zeit des Heimaufenthalts hatten wir nur einmal Besuch von unserer Mutter.
Während der Heimzeit Ich habe keine Schule oder Berufsschule besuchen können, jegliche Bildung wurde mir verwehrt. Ohne irgendeine Vorbereitung auf ein selbständiges Leben wurde ich nach einem Arbeitsurlaub und mehr als vier Jahren im Alter von 19 nach Hause zu meinen Eltern entlassen.
Diese qualvolle Zeit der Einsperrung, die grauenhaften Bedingungen der Unterbringung und die menschenunwürdige Behandlung haben mein weiteres Leben sehr stark geprägt. Meine Familie ist daran zerbrochen. Meine jüngste Schwester hat eine starke Persönlichkeitsstörung und drei missglückte Suizidversuche hinter sich.
Folgen dieser beschriebenen traumatischen Ereignisse sind schwere physische und psychische Auswirkungen. Seit dreißig Jahren leide ich an massiven Schlafstörungen und an Fibromyalgie, ich habe qualvolle Schmerzen im ganzen Körper. Die Schmerzen waren oft so stark, dass ich meinen Alltag kaum bewältigen kann. Außerdem habe ich seit 30 Jahren Herzrhythmusstörungen und muss bei starken Anfällen Beta – Blocker einnehmen.
Ich leide an Ängsten, vor allem wenn es Dunkel wird. In geschlossenen Räumen gerate ich in Panik. Körperliche Nähe kann ich nur schwer ertragen. Ständig laufe ich mit dem Gedanken umher für alles Verantwortlich zu sein.
Versagensängste und das Gefühl ständig allen etwas beweisen zu müssen, bloß keine Fehler zu machen und über das Maß hinaus zu arbeiten begleiten mich seit der Unterbringung im Heim.. Eine Therapie brachte keinen Erfolg.
Trotz alledem bin ich nicht an dieser Zeit zerbrochen. Mein fester Wille hat mir die Kraft gegeben diese schlimme Zeit zu überstehen und es mir ermöglicht eine tolle Familie zu haben, meinen vier Kindern eine gute Schul- und Berufausbildung mit ins Leben zu geben und drei abgeschlossene Berufe zu haben. Nicht zuletzt deshalb arbeite ich wahrscheinlich im sozialen Bereich und leite seit vielen Jahren eine Wohnunterkunft für Obdachlose und Zuwanderer und zurzeit das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg, um diesen Menschen Verständnis entgegenzubringen und sie ein wenig unterstützen zu können.
Ich fordere für die qualvollen Jahre der Heimunterbringung:
1. eine Entschädigung wegen Freiheitsberaubung und Menschenrechtsverletzung
2. Wiedergutmachung,
3. die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen,
4. Lohn und Gehaltnachzahlung für die Zeit im Heim,
5. eine Rehabilitation sowie
6. eine Bestrafung der Personen, die damals diesen Beschluss gefasst haben.
Erst wenn Sie mir diese Forderungen erfüllen, habe ich überhaupt eine Chance meinen Frieden zu finden, um mit diesen schrecklichen Erlebnissen abschließen zu können.
Vielen Dank.

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