Wo war in den 50rer und 60er Jahren die Heimaufsicht?
Die Aufsicht über Heime existierte so gut wie nicht. Die Träger konnten eine Befreiung von der im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz festgelegten Einzelhalteerlaubnis erhalten und waren damit faktisch ohne Aufsicht. Damit waren Leistungserbringung und die Kontrolle darüber in einer Hand. Erst mit dem Jugendwohlfahrtsgesetz wurde die Heimaufsicht im Jahre 1961 (in § 78) eingeführt. Damit konnte allmählich eine Veränderung und Verbesserung der Bedingungen in der Heimerziehung erreicht werden. Wirklich wurde der alte Zopf der Heimerziehung aus den 50er und 60er Jahren jedoch erst mit der Heimrevolte nach 1968 durch Reformen allmählich verändert. Eine qualifizierte Heimaufsicht, die Beratung und Kontrolle einschließt, wurde mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ab 01.01.1991 eingeführt und den Landesjugendämtern zugeschrieben. Damit lag die Finanzverantwortung und die Kontrolle und Aufsicht nicht in einer Hand. Das Landesjugendamt konnte durch Beratung, Hilfe, Auflagen oder Schließung der Einrichtung Problemen in der Heimerziehung begegnen.
Im Sommer dieses Jahres wurden durch Bundestag und -rat Änderungen im Grundgesetz beschlossen, die für die Heimaufsicht und fachlichen Begleitung der Heimerziehung und der gesamten Kinder und Jugendhilfe große Folgen haben kann.
Folgendes ist an Änderungen beschlossen worden:
Art. 72 Abs. 2 GG schränkt die (konkurrierende) Gesetzgebungskompetenz des Bundes ein. Es bleibt dem Bundesgesetzgeber lediglich die Modernisierung bereits bestehender Regelungen. Innovative und strukturelle Weiterentwicklungen im Kinder- und Jugendhilferecht sind unter diesen rechtlichen Bedingungen nicht zu erwarten.
Die Änderungen in Art. 84 Abs. 1 ermöglicht den Ländern, ab 01.09.2006 von bundesrechtlichen Vorgaben der Aufgabenzuweisung an bestimmte Behörden abzuweichen.
Nach Art. 125b Abs. 2 GG können ab 01.01.2009 die Länder auch Abweichungen bezüglich festgelegter Verwaltungsverfahren in Bundesrechtlichen Stammgesetzen vornehmen.
In Bezug auf die Heimaussicht der Landesjugendämter und die fachliche Begleitung der Heimerziehung durch die Jugendämter heißt das:
Die Länder können die Aufgabenzuweisungen der Jugend- und Landesjugendämter auf andere Behörden verlagern. Sie können sogar beschließen, dass die Kommunen selber festlegen, welche Behörden die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe wahrnehmen sollen. Damit würde dann das Jugendamt als Fachbehörde auch in Bezug auf seine Zweigliedrigkeit (Verwaltung und Jugendhilfeausschuss) und Bündelung aller Jugendhilfeaufgaben zur Disposition stehen.

Der Bund kann auf eine solche Abweichung mit einer neuen bundesrechtlichen Regelung antworten. Die Länder können dann wiederum eine andere Regelung treffen. Im Verhältnis zu Bundes- und Landesrecht hat dann das jeweilige spätere Gesetz Gültigkeit. Ein für die Jugendhilfe vernichtendes hin und her, was auch als Pingpong-Gesetzgebung bezeichnet wird.

In Niedersachsen gibt es bereits den Beschluss, zum 01.01.2007 das Landesjugendamt aufzulösen. In einigen anderen Ländern sind die Landesjugendämter bereits aufgelöst und in Abteilungen der Ministerien oder anderen Strukturen von Behörden eingegliedert worden.
Mit der Zerschlagung der bewährten auf zwei Ebenen bestehenden Behördenstruktur in der Kinder- und Jugendhilfe steht auch die Heimaufsicht zur Disposition. Denn Aufsicht kann nur dort unabhängig funktionieren, wo Leistungserbringung, Finanzhoheit und Kontrolle nicht in einer Hand liegt. In den 50er und 60 er gab es diese Trennung zwischen der Leistungserbringung und der Kontrolle häufig nicht. Das haben wir leidvoll erfahren müssen.
Darum appelliere ich an Sie:
verhindern Sie die Zerschlagung der Jugendämter
Verhindern Sie die Zerschlagung der Landesjugendämter
Verhindern Sie, dass Länder die fatale Zusammenlegung von Heimaufsicht und Finanzhoheit in einer und derselben Behörde regeln.
Mein dringender Appell an Sie: Ändern Sie das Grundgesetz so, dass eine Vermischung und Aushöhlung des Kinder- und Jugendhilferechts mit kommunalen Finanzinteressen nicht auf Kosten eine guten Kinder- und Jugendhilfe insbesondere der Heimaufsicht geht.

Bis zum Jahre 1956 habe ich nur gute Erinnerungen an meine Kindheit.
1956 wurde meine Mutter schwer krank mit einem Hirntumor. Sie war oft im Krankenhaus. Mein Vater hat mir dann erzählt sie müsse am Kopf operiert werden, ein Tumor würde entfernt.
Meine Mutter ist nicht mehr aus der Narkose aufgewacht, im Juni 1957 ist sie gestorben. Ich bin statt zur Schule- jeden Tag mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren, habe dort das Grab meiner Mutter besucht, ich war verzweifelt. Weil mein Vater arbeiten musste kam ich in einen Schülerhort, es hat mir dort nicht gefallen, ich konnte meinen Vater überreden nicht mehr hin zu müssen.
Mein Vater hat eines Abends Papiere für die Lebensversicherung geordnet. Ich saß mit am Tisch und habe auf einem Formular das Wort „Adoption“ und meine Vornamen gelesen. Ich habe meinen Vater gefragte, was das Wort bedeutet, er hat mir keine Antwort gegeben. Er hat alles schnell zusammengeräumt und wieder weggeschlossen. Meiner Freundin erzählte ich davon. Wir konnten dann herausbekommen, dass Kinder adoptiert würden, die keine Eltern mehr hätten.
Ich kann mich nicht erinnern was der Anlass war, als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam stand ein Mann und eine Frau vor der Haustüre, die haben mir erzählt wir würden zu meinem Vater ins Geschäft fahren und uns dort darüber unterhalten, was mit mir geschehen solle.
Wir sind nicht zu meinem Vater gefahren sondern sie haben mich zu Nonnen gebracht. Dort war ich vier Wochen. Ich durfte eine Woche lang ein spärlich eingerichtetes verschlossenes Zimmer, nur zu den Mahlzeiten und um zu beten in der Kapelle verlassen (Ich durfte nicht zur Toilette sondern musste einen Nachttopf benutzen). Es waren schwangere Mädchen und Mädchen die schon Babys hatten, dort. Ich war 12 Jahre, trotzdem haben die Mädchen mich gefragt, ob ich auch schwanger sei.
Eine Frau vom Jugendamt hat mich nach Lahr/Schwarzwald gebracht und mir erzählt, dass mein Vater dieses Heim für mich ausgesucht hätte und es mir bestimmt gefallen würde. Es war das evangelische Waisenhaus in Lahr, überwiegend waren dort Diakonissen. Die Oberin sagte, wenn ich mich anständig verhalten würde, könnte ich auch von meinem Vater besucht werden, aber erst wenn ich mich eingelebt hätte. Auf meine Frage, wann das denn sei, antwortete sie mir, sie würden mir meine Ungezogenheiten schon austreiben, ich hätte nur zu sprechen, wenn ich gefragt würde. Wieder wurde ich eingesperrt und bekam die Mahlzeiten auf das Zimmer. Das Zimmer hatte nur ein Eisenbett, keinen Stuhl und keinen Tisch oder Schrank. Das Licht konnte nur von draußen an- und ausgemacht werden und das vergitterte Fenster, fast ganz oben an der Decke, hatte keinen Griff zum aufmachen, an der Tür war ein Spion. In diesem Zimmer sollte ich noch viele Tage und Nächte verbringen.
Nach einer Woche kam ich dann in einen Schlafsaal mit 12 Betten, alle Mädchen waren älter als ich, die Älteste war damals schon 18 und hatte ein Kind, das auch im Waisenhaus in der Säuglingsabteilung war. Dieses Mädchen war Bärbel und immer, wenn sie bestraft wurde, durfte sie ihr Kind für mehrere Wochen nicht sehen, nachts hat sie immer geweint. Eigene Kleider durften nicht getragen werden, wir hatten alle eine Anstaltstracht (dunkelblaugraue steife Kleider mit gestreiften Schürzen an. Jedes Mädchen hatte eine Nummer, ich die Nummer 61. Nacht´s wurde die Tür im Schlafsaal abgeschlossen, wenn man auf Toilette musste, gab es dafür einen Eimer. Jeden Tag gingen alle 12 Mädchen gemeinsam in den Waschraum und einmal in der Woche konnte man duschen. Für mich war das anfangs ungewohnt und ich genierte mich, als die Schwester, die uns beim waschen beaufsichtigte das merkte, musste ich mich vor allen Mädchen ganz nackt ausziehen und mich waschen und zwar so wie die Schwester es sagte, manche Mädchen haben betreten weggesehen und manche haben gekichert, mir war das sehr peinlich, ich habe geweint.
Im Heim war eine Schule, alle 8 Klassen in einem Raum. Ich ging zunächst in die 5. Klasse, insgesamt waren wir ca. 30 Mädchen von der 1. bis zur 8. Klasse.
Ich hatte keine Probleme mit dem Lehrstoff sondern mit der Lehrerin, sie war keine Diakonisse. Als ein neues Mädchen aus Mannheim kam, ihr Name war Roswitha (auch 12 Jahre alt), sie weinte viel und hatte Heimweh. Sie hat erzählt, ihre Mutter sei in Amerika und würde sie bald holen. Ihre Oma wurde krank und darum hätte das Jugendamt sie abgeholt und nach Lahr gebracht. Das Schlimmste war, sie war Linkshänderin. In Mannheim war das in der Schule wohl kein Problem, aber im Heim sehr wohl. Immer wenn sie den Füllhalter in der linken Hand hatte und erwischt wurde, bekam sie nicht nur Tatzen auf die Hände, nein überall hin, auch auf den Körper und den Kopf. Mit der rechten Hand konnte sie nur langsam schreiben, darum wurde sie auch nie mit uns anderen fertig und musste immer nachsitzen. Oft bekam sie dann nichts mehr zu essen. Mir tat sie leid, ich habe darum etwas für sie abgeschrieben, nicht zu schön, dass man es nicht sofort merken sollte und das wurde mir dann zum Verhängnis. Alle beide haben wir kräftig den Rohrstock zu spüren bekommen und alle beide wurden wir eingesperrt, natürlich getrennt. Die Striemen vom Rohrstock hat man bei mir lange gesehen. Zu mir hat die Lehrerin gesagt ich wäre verlogen und ein durchtriebenes Subjekt (ich wusste gar nicht was das war), weil ich vorgetäuscht hätte, dass Roswitha das selbst geschrieben habe. Ich wäre ein hinterhältiges Früchtchen, sagte die Oberin zu mir und sie hoffe, dass ich im Arrest zur Besinnung käme und bis dahin seien Briefe und Besuche gestrichen. Briefe schreiben waren nur alle vier Wochen und Besuch nur alle viertel Jahr erlaubt. Alle Briefe wurden gelesen und manchmal auch nicht abgeschickt. Eines Abends, als mich eine Schwester zum Waschraum brachte, wurde sie von jemand gerufen und ließ mich alleine im Umkleideraum der nicht abgeschlossen war. Die Schwestern konnte man immer beim gehen hören, weil alle einen großen Schlüsselbund an ihrer Schürze befestigt hatten, der immer klimperte. Ich bin weggelaufen, am Zaun lehnte das Fahrrad von einer Schwester, ich habe es genommen ( gestohlen) und bin durch den Stall hinten um das Haus herum abgehauen. Ich wollte zu meinem Vater nach Karlsruhe, die Richtung kannte ich und habe auch nach Hause gefunden. Mein Vater war nicht glücklich mich zu sehen, aber doch froh, dass mir nichts passiert war.
Er hat mich wieder zurück gebracht. Ich habe ihm erzählt was passiert war, er hat mir nicht geglaubt, er sagte, ich hätte eine blühende Phantasie und so schlimm könne es doch nicht sein.
Ich bin wieder zurück ins Heim gekommen, mein Vater hat mich hingebracht und so lange er dabei war, ist auch nichts passiert. Ich kam aber dann doch wieder für eine Woche in das Zimmer mit den vergitterten Fenstern und in die Schule durfte ich auch nicht, weil ich das Fahrrad gestohlen hatte. Wir haben es natürlich sauber geputzt wieder zurückgebracht und ich hatte mich auch entschuldigt.
Jeder musste ein Amt übernehmen, d.h. nach der Schule in der Küche, Waschküche, in den Ställen oder bei den Kleinkindern und Säuglingen helfen.
Im Sommer mussten wir auf dem Feld helfen, das war anstrengend, aber trotzdem schön. Eines mittags wurde mir so schlecht und ich musste mich übergeben (wir hatten schon seit morgens Heu gewendet und aufgeladen), ich hatte Fieber und ich sollte im Schatten liegen bleiben, man könnte niemand entbehren bei der Heuernte, wenn ich schon nicht mehr arbeiten könnte, solle ich mich wenigstens ruhig verhalten. Offensichtlich habe ich mich ruhig verhalten, ich kann mich erst wieder an den übernächsten Tag erinnern, ich lag im Bett mit Wadenwickeln und ein Arzt war da. Meine Frage, was ich denn hätte und warum ich in dem Zimmer mit den vergitterten Fenstern wäre, wurde mir nicht beantwortet. Erst als ich wieder gesund war, haben mir die anderen Mädchen im Speisesaal erzählt, ich hätte einen Hitzschlag gehabt und wäre ohnmächtig gewesen.
Besuchstag, aber mein Vater kam nicht. Anrufen konnte man damals nicht, wir hatten zu Hause kein Telefon. Ich habe die Schwester gebeten doch bei meinem Vater auf der Arbeit anzurufen, weil er nicht mehr geschrieben hatte, die Antwort war: der wird schon wissen warum er nicht kommt, kein Wunder bei so einem frechen Kind, ich solle kein Theater machen. Die Angst um meinen Vater hat mich wieder veranlasst die Flucht zu ergreifen. Dieses Mal hat mich ein Lastwagenfahrer bis nach Karlsruhe mitgenommen. Als ich nach Hause kam, war eine Frau bei meinem Vater. Er hat mit mir geschimpft und mich wieder zurückgebracht. Für mich brach damals eine Welt zusammen, mein Vater war alles was ich hatte und ich dachte er hat mich nicht mehr lieb. Ich habe erst später verstanden, dass mein Vater nicht alleine leben wollte.
Ich sollte ein Treppenhaus putzen und habe das wohl nicht gut genug gemacht, so dass eine Schwester mich ausgeschimpft und geschlagen hat, dabei bin ich die Treppen runtergefallen, weil sie mich gestoßen hatte, dafür wurde ich wieder eingesperrt. Die anderen Mädchen, vor allem die Älteren, haben einen Plan zur Flucht ausgeheckt. Im Schlafsaal sollten wir nicht sprechen, aber wir taten es trotzdem. Erst wollten die Mädchen mich nicht mitnehmen, aber weil ich so verzweifelt war und weil ich schon mehrmals weggelaufen war, haben sie mich doch mitgenommen. Wir haben uns in einem leer stehenden Winzerhäuschen im Weinberg versteckt, weil die älteren sagten, wir würden auf den Straßen gesucht werden. Beim Äpfel stehlen hat uns wohl ein Landwirt gesehen und es der Polizei gemeldet. Ich habe fast nichts mitbekommen, ich kam mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus und mir wurde eine Metallspäne rausoperiert, die wohl beim Sturz im Treppenhaus in mein Bein gekommen war. Noch im Krankenhaus kam mein Vater. Ich musste nicht mehr zurück, aber nach Hause durfte ich auch nicht. In Lörrach wohnte ein Bruder meines Vaters und dort wäre ein gutes Kinderheim, die Tüllinger Höhe dort würde er mich hinbringen.
Es war ein gutes Heim. Wir hatten einen blinden Hausvater, wenn man sich ordentlich benahm, durfte man ihm vorlesen oder ihn zum Zahnarzt und Friseur begleiten oder einfach mit ihm spazieren gehen. Wir waren 57 Mädchen im Alter von 6 bis 16 Jahren, jedes kannte er an der Stimme. Es gab eine Heimschule, aber wir konnten auch in die Mittelschule und ins Gymnasium nach Lörrach gehen. Morgens wurden wir mit einem VW-Bus hingefahren, aber mittags mussten wir den Weg zu Fuß zurücklaufen. Sonntags durfte ich öfters zu meinem Onkel und manchmal kam auch mein Vater.
Mit 15 wurde ich konfirmiert und habe ich im selben Jahr die Schule abgeschlossen. Ich wollte Hotelkauffrau werden, das ging erst mit 18 Jahren. Alle Erwachsenen erklären mir, es wäre gut, wenn ich noch ein Haushaltsjahr machen würde. Damals konnte man nicht viel dagegen sagen, aber ich fühlte mich wieder einmal abgeschoben. Ich machte bei einer Hauswirtschaftslehrerin für ein halbes Jahr die Hausarbeit und kümmerte mich um ihre drei Kinder, was ich sehr gerne tat. Im Monat habe ich 30.– DM bekommen und Rentenbeiträge wurden abgeführt, die brachte ich damals immer selbst zur AOK. Ich ging in Lörrach in eine Jugendgruppe der ev. Kirche, dort wurde eine Fahrt (für wenig Geld), zu einer kirchlichen Veranstaltung nach Karlsruhe angeboten, dafür habe ich mich angemeldet und konnte dann mitfahren. Ich hatte nicht vor, zu der Veranstaltung zu gehen, ich wollte nach Hause, ich hatte lange nichts von meinem Vater gehört. Um 10.00 Uhr waren wir in Karlsruhe, ich wusste, dass um 16.00 Uhr der Bus zurückfahren würde.
Mein Vater war nicht alleine. Wieder war eine Frau bei ihm. Ich habe meinem Vater Vorwürfe gemacht und er hat mir gedroht, dass er mich wieder in ein Heim bringen würde. Ich habe ihn angelogen und gesagt ich hätte ein Woche Urlaub. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet. Zum ersten Mal hat er mir erzählt, dass (seine verstorbene Frau) nicht meine Mutter, sondern meine Großmutter war und dass er mit ihrer Tochter aus erster Ehe, ein Verhältnis hatte und ich das Ergebnis wäre. Er hätte meine Mutter überredet mich zur Adoption freizugeben und seine Frau hatte er überredet einzustimmen und mich großzuziehen. Für mich war das alles zu viel. Plötzlich war meine Mutter nicht mehr meine Mutter. Wir hatten einen furchtbaren Streit und ich war sehr wütend, ich kam mit der Situation nicht zurecht.
Ich war meinem Vater zu anstrengend. Er hat mich wieder vom Jugendamt abholen lassen und so kam ich nach Leonberg in ein Erziehungsheim für schwer erziehbare Mädchen. Dieses Haus (Margaretenheim) wurde von Diakonissen geleitet und mit solchen hatte ich nur schlechte Erfahrungen gemacht. Ich wurde wieder eingesperrt , Schläge gab es nicht, aber man hatte andere Methoden uns gefügig zu machen z.B. wenn Badetag war, musste man als Zweite in ein Badewasser steigen, in dem vorher schon ein anderes Mädchen gebadet hatte, ich habe mich geweigert, weil mich das geekelt hat. Danach war wieder Arrest angesagt. Ich wurde auch gefragt, ob ich schon Geschlechtsverkehr gehabt hätte, ich habe dies wahrheitsgemäß verneint und trotzdem musste ich zu einer Untersuchung, nicht zu einem Frauenarzt sondern zu einem ganz normalen prakt. Arzt. Er hat mich auf einem Sofa in seiner Praxis untersucht, zu der Schwester hin, hat er nur den Kopf geschüttelt. Man hat mir ganz klar gesagt, je weniger Schwierigkeiten ich mache, um so schneller wäre ich wieder draußen, aber mit einem Jahr müsste ich mindestens rechnen (15.4.61 bis 20.5.62). Ich lag in einem Vier-Bett-Zimmer und war wieder die Jüngste (16 Jahre). Eines Nachts bin ich aufgewacht, weil ein anderes Mädchen zu mir in mein Bett kam und mich streicheln wollte. Ich habe so lange Radau gemacht bis eine Schwester kam. Darauf hin kam ich dann in ein 6-Bett-Zimmer und man hat mir vorgeworfen, ich hätte das Mädchen wohl zu seinen Handlungen ermuntert. Danach hatte ich noch ein paar unschöne Begegnungen mit anderen Mädchen, die mich auch belästigt und bedroht haben.
Im Heim war eine Näherei, Wäscherei und eine Bügelstube, die Aufträge für Kundschaft erledigten. Ich wurde der Näherei zugeteilt. Erst lernte ich Herrenhemden nähen, danach kam ich zum Weißzeug sticken. Ich bin ganz sicher, dass ich Aufträge für Kundschaft erledigen musste, weil ich mehrere ganze Aussteuern gestickt habe. Es war immer gut, wenn ein Mädchen einen Auftrag alleine bearbeitete, weil jedes Mädchen seine eigene Art zu sticken hatte. Manchmal, besonders in der Vorweihnachtszeit wurde vorgelesen, ich habe mich auch einmal zum Vorlesen gemeldet, da hat Schwester Margarethe gesagt : “Nein, nein Heidelore, dich kann ich nicht lesen lassen, dein Auftrag muss noch vor Weihnachten fertig werden“. Ich habe auch Monogramme in Bettwäsche, Handtücher und Taschentücher gestickt. Die Taschentücher waren von einem Textilgeschäft in Leonberg, für deren Kunden haben wir die Monogramme gestickt. Meistens wurde die Bettwäsche auch im Nähsaal genäht, das musste man immer am Anfang machen, weil man da nicht viel falsch machen konnte, es waren ja nur gerade Nähte. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber an den 28. Oktober 1961 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war der Tag an dem mein Vater gestorben ist. Ich musste zur Schwester Oberin ins Büro, sie hat mir erzählt, dass mein Vater von einem Auto auf dem Zebrastreifen erfasst worden wäre und bewusstlos liegen geblieben wäre, der Fahrer hätte Fahrerflucht begangen und später sei noch ein Lastwagen über ihn gefahren, der Fahrer hätte wegen Nebel nichts gesehen. Mein Vater war sehr schwer verletzt, man musste beide Beine amputieren er hatte auch innere Verletzungen. Das Krankenhaus hatte gebeten, dass ich komme. Natürlich durfte ich nicht zu meinem Vater nach Bühl. Mein Vater starb dann noch in derselben Nacht. Jetzt war ich ganz alleine und sehr verzweifelt. Getröstet hat mich niemand, sondern wieder einmal eingesperrt, weil ich mit meiner Weinerei die anderen gestört hätte. Zur Beerdigung durfte ich nicht.
Meine richtige Mutter schrieb mir einen Brief. Wenn ich wollte könne ich zu ihr, ihrem Mann und ihren Kindern kommen, sie würden für mich eine Arbeit in der Fabrik finden und ich könnte ihr unter die Arme greifen, weil sie wieder ein Kind erwartete (das 4.).
Man hat mir dann erzählt, dass ich einen Vormund vom Jugendamt Karlsruhe hätte und nur der hätte zu bestimmen. Meine Mutter kannte ich nicht, ihren Mann auch nicht und in eine Fabrik wollte ich auch nicht. Ich durfte einen Brief an meinen Vormund schreiben. Im Dezember habe ich den Brief geschrieben, im Januar kam mein Vormund ins Heim. Ebenfalls im Januar kam ein Mädchen (20 Jahre) mit Namen Elfriede nachts ins Krankenhaus. Nur sie und eine Schwester erledigten den Pfortendienst für die Kunden (der war ganz extra eingerichtet, dass die Kunden uns nicht sehen konnten). Nachts hatten wir schon Unruhe auf den Gängen vernommen, die Schlafräume waren alle abgeschlossen, wir haben auch das Martinshorn des Krankenwagens gehört, mussten uns aber bis zum Morgen gedulden bis wir etwas erfahren konnten. Dies war zunächst sehr spärlich, man hat erzählt, Elfriede sei ohnmächtig geworden, man habe sie ins Krankenhaus bringen lassen. Erst später haben wir so nach und nach erfahren, dass sie sich mit Rattengift vergiften wollte, warum konnten wir nicht erfahren, es gab nur Spekulationen, sie hätte sich vielleicht beim Kirchgang oder den Chorproben verliebt. Sie hat überlebt, ich habe sie nie mehr gesehen, als ich Ende März 19962 entlassen wurde, war sie noch immer nicht zurück im Heim. Da fragt man sich doch, was muss sie wohl erlebt haben, dass sie nicht mehr leben wollte, sie war doch erst 20 Jahre alt. Was war dabei, wenn sie sich vielleicht verliebt hatte, mit 20 war das doch ganz normal – oder? Wenn ich mir das heute überlege, bin ich ja vergleichsweise noch gut davon gekommen.
April 1962 habe ich dann in Stuttgart meine Lehre als Großhandelskauffrau begonnen. Ich wohnte in einem Lehrlingsheim, war aber für die damalige Zeit o.k.. Ich habe noch während meiner Ausbildung geheiratet, meinem Mann habe ich erzählt das Margaretenheim in Leonberg sei eine Haushaltsschule gewesen, weil ich mich geschämt habe. Ich habe trotz früher Heirat meine Lehre zu Ende gemacht, Gott sei Dank, denn ich musste immer arbeiten. Ich habe später mit meiner Mutter Kontakt aufgenommen und wir haben zusammen – bis zu ihrem Tod – ein gutes Verhältnis hinbekommen. Auch heute stehe ich mit meinen Halbgeschwistern in enger Verbindung.
Wenn ich heute über mein Leben nach den Heimen nachdenke, stand bei mir immer im Vordergrund es allen recht machen zu wollen und wenn etwas nicht gut gelaufen ist, immer die Schuld bei mir zu suchen. Ich bekomme heute noch manchmal Gänsehaut wenn ich Schlüsselgerassel höre und es gibt in meiner Wohnung keine geschlossenen Türen.
Meine Ehe war bestimmt nicht schlechter als viele andere, aber sie war nicht annähernd so, wie ich mir eine Ehe vorgestellt hatte. Ich musste immer der Motor der Familie sein, alles musste von mir geregelt werden. Ich habe viele Jahre nachts gearbeitet, damit ich am Tage für meine Jungs Zeit hatte. Meine beiden Schwiegereltern haben beide in unserem Haushalt gelebt, weil beide so krank wurden, dass sie sich alleine nicht mehr versorgen konnten. Ich habe darum nur halbtags gearbeitet. Für meine Jungs waren die Eltern meines Mannes sehr wichtig, sie liebten sie sehr. Für mich waren sie ebenfalls wichtig, weil sie mir oft, als sie noch gesund waren, auf meine Jungs aufgepasst haben. Mein Mann hat neben uns, sein eigenes Leben gelebt. Nach 22 Jahren habe ich einen Schlussstrich unter meine Ehe gezogen und meinen Mann verlassen . Meine Söhne waren 21 und 18 Jahre alt, der jüngere Sohn hat noch 7 Jahre bei mir gelebt, der ältere blieb zunächst bei meinem Mann und ist dann zu seiner Freundin gezogen.
Meine Jugend war ab meinem 12. bis zum 17. Lebensjahr alles andere als schön und ich fühlte mich mehr als einmal misshandelt und das von Diakonissen, in deren Obhut ich mich zu einem lebenstüchtigen Menschen hätte entwickeln sollen. Dass mein Leben dennoch lebenswert geworden ist, habe ich wohl meiner Veranlagung und der liebevollen Erziehung bis zu meinem 12. Lebensjahr zu verdanken. Und später waren es immer wieder meine Kinder, für die ich gerne gesorgt habe, um ihnen das zu ersparen. Was mir in den beschriebenen 5 Jahren passiert war.
Heute bin ich 61 Jahre alt, habe zwei Kinder erzogen, meine beiden Schwiegereltern in meinem Haushalt betreut, versorgt und gepflegt, dabei 17 Jahre von meinen 39 Berufsjahren halbtags gearbeitet, um wieder einmal, dieses Mal wegen meines Alters, aus dem Berufsleben abgeschoben zu werden, natürlich mit legalen, gesetzlichen Mitteln, wie z.B. der Altersteilzeit, zu der ich vom Arbeitgeber genötigt wurde.

Ich bin 1946 in Lage/Lippe Kreis Detmold geboren. Ich kam in der Familie Wilhelm Kowalewski zur Welt. Ich war ein sogenanntes ungeliebtes Besatzungskind vom Engländer. Zuerst glaubte Herr Kowalewski, weil er im Krieg war, ich wäre ein Kind von ihm – es hätte ja sein können, während des Fronturlaubs. Wie er aber feststellte, dass ich nicht sein Kind war, weil ihn meine Mutter nach der Gefangenschaft am Bahnhof abholte und schon wieder mit einem Mädchen schwanger war, also noch ein zweites Kuckucksei – da hat er den Vaterschaftstest beantragt und man bestätigte ihm, dass ich nicht sein Kind war.
1949 wurde ich durch das Landgericht Detmold zurück gestuft zu „Focke“ nicht mehr „Kowalewski“. Ein Jahr später wurde mein Bruder Günter, der immerhin 13 Jahre Kowalewski hieß, zu „Focke“ zurückgestuft. Er war das 3. Kuckucksei. Im Jahre 1949 wurde die Ehe auch geschieden. Er schmiss uns alle raus, also landeten ich und meine anderen Halbgeschwister im Paulinenheim in Detmold, wo ich bis ca. 7 Jahre blieb.
Ich kann heute sagen, ich bin zur Welt gekommen für einen Zentner Kartoffeln oder Speckschwarte, um meinen anderen 4 Geschwister zu ernähren, denn mein englischer Erzeuger hatte immer zu Essen und brachte auch mit. So hatte mein Dasein wenigstens einen guten Sinn gehabt. Danach sind wir irgendwo in die Stadt Detmold gezogen, da kann ich mich nicht so genau erinnern.
Mit ungefähr 9 Jahren bin ich mit meiner Mutter und einem gewissen Otto Böthel, der er neue Liebhaber meiner Mutter war, später wurde er ihr Ehemann, nach Hiddessen zum Schlepperhof mitten im Teutoburger Wald gekommen. Es gab nur einen einfachen Pferdefuhrweg, den der Bauer mit seinem Gespann benutzte. Sonst gab es da niemanden und da kam auch keiner hin. Es war also nur die Familie des Bauern da und wir. Ich konnte also niemandem etwas böses tun oder unangenehm auffallen. Meine Spielgefährten waren eine alte Sandgrube oder Bäume im Teutoburger Wald.
Es gab noch einige Onkels im Leben meiner Mutter. Also, neben dem Böthel erinnere ich mich an Onkel Güse besonders gut. Er brachte immer etwas für mich mit und ich wurde in den Wald geschickt, heute weiß ich warum, um das Schäferstündchen nicht zu stören. Es war besonders schön, wenn es in seinen Schrebergarten ging, der war in der Birken-Allee, dann durfte ich mir Erdbeeren oder Stachelbeeren nehmen, soviel ich wolle, denn in unsere eigenen Gärten durfte ich nicht rein. Während ich mich an den Früchten ergötzte, ergötzte sich meine Mutter mit Güse in der Laube.
Otto Böthel, ihr Mann, hatte jemand schuldig tot gefahren. Bekam dadurch einen Paragraph 20 oder 21, also nicht ganz zurechnungsfähig. Er bekam manchmal Tobsuchtsanfälle, schlug mit dem Beil alles kaputt. Wenn es wieder einmal so weit war, sagte meine Mutter zu mir: „Leg dich angezogen ins Bett.“ Dann wusste ich, laufen wir wieder durch den Teutoburger Wald nach Detmold zur Oma. Am anderen Tag gingen wir mit meinem Opa zurück und der Böthel kriegte eine Tracht Prügel. Das war für mich eine Genugtuung, weil er mich für eine geringfügige Sache, mir war die Jacke runtergefallen, mit einem Wehrmachtsgürtel krankenhausreif geschlagen hat, meine Mutter war auf dem Feld, meine Schwester haute ihm von hinten den Stuhl auf den Kopf, so dass er umkippte und von mir abließ, sonst hätte er mich vielleicht totgeschlagen, so war ich nur ein paar Wochen im Krankenhaus. Wenn ich alles aufschreiben würde, was mir auf dem Schlepperhof passiert ist, würde ich in 10 Jahren noch schreiben. Ich hatte einfach Angst vor diesem Mann. Mein Plus war, ich war schneller als er und meine Sicherheit war dabei der Teutoburger Wald, der nur 10 m von uns entfernt war.
Da das keine Zustände waren und meine Oma wiederholt das Jugendamt informiert hatte, griffe es ein. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war, denn durch das Jugendamt, denn jetzt fing mein Elend erst richtig an. Meiner Mutter wurde die Vormundschaft aberkannt. Ich bekam einen Vormund: Christa Schröder. Beim Lesen meiner Akte, die ich mir besorgt habe, musste ich feststellen, ganz wichtig wurde immer wieder erwähnt: Mein Vormund sei Mitglied des Bundestages (MdB). Für mich kein Vorteil, ich ging ab ins Heim nach Loher-Nocken. Ich war 12 oder 13 Jahre. Das erste, was ich im Heim feststellen musste, du warst ein Zögling ohne irgendwelche Rechte. Beschwerdemöglichkeit gab es überhaupt nicht, die wurde mit Prügel für uns beseitigt. Es war ganz klar für die Schwestern und Brüder der Diakonie: wer bei ihnen landete, war Schuld, der musste mit aller Härte erzogen werden, koste es, was es wolle.
Heute weiß ich vom Landesjugendamt Münster, das damals zu schnell in die Heime gesteckt wurde, ohne vorher zu prüfen. Heute bestätigt mir die Leitung desselben Amtes: Wenn die Vormundschaft aberkannt wird, die Schuld nicht bei dem Zögling liegt, sondern bei den Eltern.
Aber was half mir das damals, ich musste spüren, was es heißt, mit aller Härte erzogen zu werden. Zu dieser harten Methode gehörte z.b.: Wenn irgend etwas nicht nach dem Willen von Schwester Gertrud lief, gab es einen Lehrer mit Namen Wiesekopsieker, der hatte seine Wohnung gegenüber unserer Abteilung, der kam, man kriegte 2-3 Ohrfeigen und dann sagte er. „Damit ich nicht so schnell wiederkommen muss und du alles bedingungslos tust, was Schwester Gertrud will, machen wir wieder unsere bekannten Übungen!“ Das hieß, er packte mein Ohr, drehte es, ein höllischer Schmerz durchfuhr einen und er zog uns vom Stuhl hoch und drückte uns nieder, das Ohr blutete, immer dann hörte er auf aber nicht, ohne uns vorher noch eine Ohrfeige zu versetzen. Er kam sehr oft wieder. Er war der beste Freund der Schwester Gertrud und er zeigte gerne seine Macht.

Dann kam der sexuelle Missbrauch.
Zuerst von älteren Zöglingen, man konnte sich nicht wehren, denn es galt das Gesetz des Stärkeren. Wenn ich gesagt habe: „Ich will das nicht mehr“ oder „Ich sage es der Schwester“, dann kam ein zweiter Zögling dazu, einer legte einem seine Arme vor die Brust, der andere zwang einen, 10x tief Luft zu holen, dann drückte der andere zu und man verlor das Bewusstsein, dann wurde man in einen Spind gesperrt, wenn man wieder zu sich kam und man panische Angst hatte, weil man nicht wusste, wo man war, dann machten die beiden den Schrank auf und sagten: „Du kannst dir überlegen, ob du etwas verpetzen willst. Den Schrank kennst du ja jetzt, das nächste Mal lassen wir dich darin verrecken.“
Erinnern kann ich mich noch gut dran, dass der damalige Heimleiter zur Bestrafung immer gern am Duschtag kam, wenn wir nackend waren. Er packte uns ans Geschlechtsteil, fummelte daran herum, bis das Ding etwas steif wurde, was mit 13 Jahren normal war und er sagte dabei: „Ich muss doch mal kontrollieren, ob du auch nicht wieder am Puscher gespielt hast.“ Dann nahm er einen übers Knie, man kriegte mit der Hand auf den nackten Po.
Denn ich war wieder einmal entwichen, vor 3 Tagen zurückgebracht, aber die Bestrafung gab es erst, wenn wir nackend unter der Dusche standen. Der gleiche Mann rief eine halbe Stunde später in sein Büro, nahm einen auf den Schoß und sagte: „Ich wollte das ja nicht, aber Strafe muss sein“ und es gab ein Stück Schokolade.
Und das alles im Namen der Kirche und der Nächstenliebe, wenn das nicht pervers war, weiß ich es nicht.
Der Sohn des Heimleiters war damals vielleicht 18 Jahre und arbeitete als Schuster in der Schuhmacherei. Wenn wir Schuhe hinbrachten und wir sein Typ waren – ich hatte Pech, ich war sein Typ – wurden wir von ihm sexuell missbraucht. Zum Schluss sagte er immer: „Vergiss nicht, ich bin der Sohn des Heimleiters. Wenn du etwas sagst, glaubt dir sowieso keiner.“
Es gab einen Bruder Hahn, der hatte die Angewohnheit, wenn etwas nach seiner Meinung nicht in Ordnung war, haute er einen immer mit dem Schlüssel auf den Kopf, dass es ordentlich schmerzte und sofort blutete, das war seine Art die Sache zuklären.
Schwester Gertrud hatte die Pflicht, nach dem Mittagessen in den Klassenraum zu gehen, ich war damals schon in der Sonderschule, weil ich so oft durch die Heime die Schule gewechselt hatte. Da überall die Unterrichtsstoffe unterschiedlich waren, hatte ich große Probleme, überhaupt etwas zu begreifen. Genau nach 1 Stunde machte die Schwester Schluss, ob man fertig war oder nicht, für sie war jetzt Kaffeepause und für uns begann die Arbeit in der Gärtnerei. Am anderen Morgen bei Schulbeginn legte der Lehrer seine Aktentasche aufs Pult, aus der Seite zog er den gelben Onkel aus Amerika, das war der Rohrstock. Wir mussten einzeln vortreten und unsere Schulaufgaben vorzeigen, natürlich waren ich und andere in der einen Stunde, die wir hatten, nicht fertig geworden, dann gab es Prügel, weil es ganz klar war, wir hätten es schaffen können, wir waren nur zu faule Zöglinge.
Später wurde ich nach Dorlach verlegt, da wurde ich aus der Schule entlassen, konnte weder Schreiben noch Lesen, so gut haben mich die Pädagogen aus dem Heim unterrichtet.
In Dorlach war unserer Gruppe direkt über der Kirche, wenn die Glocken läuteten, platze einem fast das Trommelfell.
Ich wurde verlegt auf einen Bauernhof, der zu dem Heim gehörte. Musste jeden Tag 10 Stunden hart arbeiten, war einem super Gutsverwalter unterstellt, der vor der Sprache das Schlagen gesetzt hat. Er scheute auch nicht mit dem Forkenstiel nach mir zu schlagen. Ein Anlass war z.b., wenn ich auf eine entfernte Wiese guckte, wo die anderen etwas jüngeren Zöglinge spielten. Nach seiner Ansicht sollte ich arbeiten und nicht gucken. Mein Glück war, dass er ein Holzbein hatte und ich mir in den Misthaufen so eine Art Stufen gebaut hatte und ich ruckzuck oben war, er stand dann und konnte mir nicht folgen. Er hatte einen komischen Dialekt und schrie dann immer. „Kommst n’unter, du Latsche, du dumme, dann kriegst’e die Backe n’uff, du kriegst so die Backe nuff, das es ordentlich schmerzt, du Latsche, du dumme.“ Auf diesem Bauernhof war ich ca. 3 Monate.
Da dieser Hof zu dem Heim Dorlach gehörte, wurde ich da auch konfirmiert. Dann wurde ich verlegt, den Grund teilte man uns sowieso nicht mit, weil wir waren ja Freiwild.
Ich kam zum Buchenhof im Kreis Herford, aber was sollte es, es war wieder ein christlich geführtes Heim (Diakonie), also konnte es nicht schlechter werden, wie vorher auch. Denn Verständnis und Nächstenliebe hatten die Schwestern und Brüder nur in der Bibel gelesen. Auch in diesem Heim musste ich erfahren, das man nur ausgenutzt und ausgebeutet wurde. Zum Anfang arbeitete ich in der Nähstube, das war Gott sei Dank keine so schwere Arbeit. Ich musste unter anderem einmal in der Woche mit eine Wäschekarre zum Eickhof, wo die Mädchen waren und da war logischer Weise auch die Waschküche. An einem Tag, wie ich wieder mit der Karre drüben war, nahm ein Mädchen meine Wäschekarre und lief damit weg, ich hinterher. Ich wollte nur meine Karre wieder haben, doch an der Werre, die in der Nähe des Heimes vorbeifloss, angekommen, fragte mich das Mädchen, sie hieß Bärbel – auch der Nachname ist mir bekannt, aber ich lasse ihn hier weg -: „Willst du mit mir abhauen?“ Und wie ich wollte. Man muss sich vorstellen, wir wurden immer von den Mädchen fern gehalten und jetzt konnte ich mit einem Mädchen zusammensein, solange ich wollte! Was für ein Glück. Und außerdem hatten wir beide von dem Heimleben die Schnauze so voll. Noch am selben Tag der Flucht, wie wir so 20 km vom Heim weg waren, sagte Bärbel zu mir: „Setz dich mal hierhin und warte bis ich wieder da bin.“ Es dauerte Stunden, ich hatte schon Angst, sie hat mich sitzen lassen. Da kam sie und hatte 30 DM. Damit haben wir unsere Flucht finanziert, das wiederholte sich immer so, wenn das Geld alle war. Als ich sie danach frage, wo sie das Geld her hat, sagte sie: „Was bist du blöde, ich schlafe natürlich mit Männern!“
Eine Zwischenbemerkung von mir dazu, hier wurde ich das erste mal mit der Zuhälterei in Kontakt gebracht, womit ich in meinem späteren Leben noch öfters zu tun hatte.
Anschließend möchte ich dazu sagen, wie schön, was man in diesem Heim alles gelernt hat. Aber sie haben es nicht geschafft, aus mir das zu machen, was sie eigentlich wollten, einen brauchbaren, normal denkenden Menschen.
Natürlich hatte man uns, Bärbel und mich, nach kurzer Zeit wieder gefasst und zurück gebracht, mich zum Buchenhof, Bärbel zum Eickhof. Damit begannen für mich noch härtere Zeiten auf dem Buchenhof. Erst Schläge, dann Besinnungszelle. Und dann sagte man mir ganz klar: „Deine Abhauerei werden wir dir schon austreiben, du wirst so hart arbeiten, bis du auf dem Zahnfleisch kriechst und keine Kraft zum Abhauen hast.“
Ich habe dann in einer Kolonne von 8 Jungens in der Wurst- und Fleischfabrik Niebel gearbeitet, angeschlossen war auch noch das Schlachthaus. Unser Arbeitstag war 8 Stunden, jeden tag die einzige schöne Erinnerung daran war, dass wir endlich mal was vernünftiges zu essen bekamen, denn in dieser Firma gab es auch eine Küche, in der Gulasch, Rouladen – was man so in Dosen macht – gekocht hat. Aber dafür war es auch sehr harte Arbeit. Wir mussten die gekochten Dosen aufstapeln, anschließend polieren, dann in Kartons verpacken und auf Paletten stapeln. Und niemand soll von dem Heim sagen, das wären nur geringe Hilfstätigkeiten gewesen, nein, es war richtige Arbeit. Die von der Firma angestellten Arbeiter machten das gleiche und wurden dafür richtig bezahlt. Und die Heimleitung kann mir nicht erzählen, sie hätten uns nur aus Erziehungsgründen hingebracht, ansonsten wären sie der Firma gegenüber sozial eingestellt und hätten nichts dafür genommen. Ich dagegen sagen, sie werden die Hände schon aufgehalten haben. Wie heißt es nach der Bibel so schön: „Wenn du gibst, lasse die Rechte nicht wissen, was die Linke tut“ (Matthäus 6, 3).
Die dreckigste und ekligste Arbeit war in der Tötungsbucht. Nach dem die Schlachter ihre Arbeit – das Töten der Tiere – beendet hatten, mussten wir das Blut, das an die Wände gespritzt war und Zentimeter dick auf dem Boden lag, entfernen. Das war so ekelig, das man bald das Kotzen kriegte, es stank überall nach Tod.
Dann habe ich des öfteren in der Landwirtschaft gearbeitet. Daher weiß ich auch, dass der Bauer dem Heim die Kartoffeln geliefert hat. Es lässt sich darüber streiten, ob der Heimleiter die bezahlt hat oder ob er sie bekommen hat, weil er dem Bauern so billige Arbeitskräfte, wie uns, gestellt hat.
Des weiteren habe ich für eine Margarine Fabrik Meier-Lippinghausen gearbeitet. Die hatten einen eigenen Forstangestellten mit Namen Opa Wehmeier. Wir mussten Bäume fällen, entästen, schälen und aufstapeln. Aber das war alles nix gegen das, was nachts passierte. Das sogenannte Autobahnkommando, zu dem auch ich gehörte. Wir mussten bei verunglückten LKWs die heile Ware aussortieren und auf Ersatz-Fahrzeuge umladen. Da es besonders nachts auf der Autobahn gefährlich war, war sehr viel Polizei da. Aber niemand von den Beamten wäre auf die Idee gekommen zu sagen: „Das ist eigentlich gar nicht statthaft, dass Jugendliche zu dieser Nachtzeit hier arbeiten!“ Aber im Sinne der Erziehung war wohl alles erlaubt. Ich bin davon überzeugt, dass das Heim sehr viel Überschuss mit uns erwirtschaftet hat. Mit Aufräumungsarbeiten verdienen die Firmen auch heute noch das meiste Geld. Eines Abends, als wir wieder draußen waren, hatte der Heimleiter im umgeladenen LKW von Kaisers Kaffee wahrscheinlich billig eingekauft. Der LKW ging direkt von der Autobahn zum Buchenhof und wir hinterher. Wir waren wirklich erschöpft und kaputt von diesem Nachteinsatz, aber für uns war noch kein Feierabend, wir mussten diesen LKW noch leer machen und die Sachen in den Keller bringen. Aber so einfach war das nicht. Es mussten erst noch genug Brüder zusammengetrommelt werden, die dann eine Kette vor uns bildeten, so alle 2 m stand einer, aber nicht zum Entladen, das mussten wir machen, sie mussten vielmehr aufpassen, da es ja jetzt Eigentum des Heims war, dass wir Zöglinge irgendein Bonbon oder irgend etwas anderes, was wir schon lange nicht gehabt haben, einstecken. Nach ungefähr 1 ½ Stunden hieß es, Kommando zurück. Aus versicherungstechnischen Gründen wollte Kaisers Kaffee ihre Ware zurück. Und nun geschah das, was ich so schnell nicht vergessen werde. Alle Brüder waren verschwunden bis auf einen, der den Rest organisierte. Der sagte zu uns: „Jungs steckt euch ein, was ihr wollt, so schnell kommt ihr da nie wieder dran!“ Unsere Schränke liefen über.
Wenn ich zurück denke, frage ich mich, waren das die Menschen, die uns eigentlich immer ein Vorbild sein sollten und uns zum gerechten Verhalten erziehen sollten. Bei solchen Lehrmeistern war es für uns schwer zu verstehen, was ist Recht und was ist Unrecht. Aber wir haben gelernt, du darfst dich nur nicht erwischen lassen.
Auch in diesem Heim bin ich von älteren Zöglingen gezwungen worden, sexuelle Handlungen an mir vollziehen zu lassen und an ihnen zu vollziehen. Es gab auch da wieder eine Dusche, wo alle 15 Jungen runter passten. Man wurde beobachtet. Wenn einer der Jungen das Gefühl hatte, ich wäre schon reif genug, dann war man abends dran. Aus Sicherheitsgründen hatte man Dreibettzimmer, aber das nutzte gar nichts, wenn der Bock hatte, lief das Ding. Die anderen wurden mundtot gemacht.
Man wurde auch mal von der Nachtwache erwischt, dann wurde Meldung gemacht bei einem gewissen Bruder Borgard, Spitzname Schnüffelnase. Nicht weil er viel geschnüffelt hat, das hat er auch getan, aber wenn er über den Hof ging, zog er die Nase immer so komisch hoch, man sah ihn noch nicht, aber man hörte ihn. Er trug immer eine Franzosen-Kappe. Und dieser Bruder muss daran gefallen gehabt haben, denn er ließ uns einzeln ins Büro kommen, wir mussten ihm erklären, wie wir es denn und warum wir es gemacht haben und wer die treibende Kraft war. „Habt ihr es bis zum Erguss getrieben? Wer ist zuerst gekommen? Habt ihr nur gewichst? Habt ihr das Ding auch in den Mund genommen oder zwischen die Beine?“ Ich hatte das Gefühl, wenn er mit den Fragen sich genug aufgepeitscht hatte, kriegten wir zum Schluss noch welche auf den Arsch und sein Schlusskommentar war: „Beim nächsten Mal geht vier Wochen ab in die Zelle!“
Es gab einen Anstaltsschuster, der hatte eine Tochter mit Namen Adelheid, das einzig weibliche Wesen in unserer Nähe. Ich hatte mich etwas mit ihr befreundet und wir trafen uns ab und zu im Maisfeld hinterm Sportplatz. Wir hatten uns dann verabredet, dass ich eine Leiter besorgen sollte und abends zu ihr ins Zimmer kommen sollte. Man war so happy, dass man auch mit anderen Jungens darüber gesprochen hat. Der Bruder Grothe hatte davon Wind bekommen und wusste, dass ich um 22.00 Uhr mit fliegendem Nachthemd – unsere anderen Sachen waren ja weggeschlossen – zur Adelheid wollte. Er hätte es ja von Anfang verhindern, nein, er tat es nicht. Er ließ mich erst aus dem Fenster klettern und dann begann die Jagd mit Bruder Tech gemeinsam. Es muss ihnen einen Heidenspaß gemacht haben. Wie sie mich dann gefasst hatte, gab es natürlich Prügel, 14 tage Besinnungszelle, denn das war ja so ein großes Vergehen, dass ich es versuchen wollte, mal ein anderes Geschlecht kennen zu lernen und mit diesem sogar ins Bett zu gehen. Von dem tag an, wenn Bruder Tech mich gesehen hat, das passierte logischerweise jeden Tag, aus lauter Freude sang er: „Adelheid, schenk mir einen Gratenzwerg, ein kleinen Gartenzwerg für mein Rosenbeet.“ Daran kann man doch sehen, wie diese Leute sich daran aufgegeilt haben. Als ich aus der Besinnungszelle wieder herauskam, waren unter meiner Kleidung die Schläge, die ich bekommen hatte, noch zu sehen, nach außen hingegen nichts. Denn wenn die Brüder der Nächstenliebe eins gelernt haben, dann intelligent zu schlagen, mittlerweile waren die Schlagattacken grün und blau.
Bei der nächsten Gelegenheit haute ich natürlich ab, um irgend jemanden zu zeigen, wie man mich misshandelt hatte und in der Hoffnung, nicht wieder in die Hölle zurück zu müssen.
Nach Hause, was ein Irrglaube von mir, ich hatte ja gar kein Zuhause, heute weiß ich das. Aber ich hatte damals einen Vormund, wie schon einmal erwähnt, war sie Mitglied des Bundestages. Die hatte meine Mutter angerufen, oh, was ein Wunder, sie kam, beguckte mich und sagte: „Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass man dich so im Heim zugerichtet hat, egal aus welchem Grund.“
Ich musst zurück ins Heim, aber sie sagte, sie kümmere sich drum. Im Heim angekommen, ab in die Besinnungszelle, alles wie gehabt. Nur diesmal gab es keine Prügel. Nachdem ich ungefähr eine Woche drin war, änderte sich alles schlagartig. Ich bekam das normale Heim-Essen, was es sonst in der Besinnungszelle nicht gab, sonst gas während der Einsparphase nur Brot und Muckefuck. Ich bekam sogar Micky-Maus-Hefte. Ich konnte die Welt nicht mehr verstehen. 1 Tag später habe ich es verstanden. Es war ein Brief eingegangen mit dem Pleitegeier (Bundesadler) drauf. Christa Schröder hatte ihr Kommen angesagt. Da habe ich das erstemal gemerkt, was für Macht Politiker haben. Am tag ihres Erscheinen war meine Einsperrzeit vorbei. Ich würde sagen, ich hatte ein paar Wochen ein etwas leichteres Leben auf dem Buchenhof, aber dann verlief alles wieder im Sand und die Brüder hatten mich wieder fest in ihrer Hand.
Dazu gehörte z.B. ohne mich zu fragen ein neue Verlegung. Diesmal ging’s nach Eben-Ezer in Lemgo. Eben-Ezer war eine Einrichtung für Geisteskranke, Körperbehinderte aber zu der Zeit mehr mit Schwachsinn befallene. Man uns auch Schwachsinnige oder Pfleglinge. Die beiden Brüder, die mich dahin gefahren hatten, die Behinderten rückten ein von der Arbeit, es war Mittagpause und sie sagten zu mir: „Mein Gott, wo haben die dich bloß hingebracht?“ Die beiden Brüder warne erstaunt beim Anblick dieser Leute. Ich bekam Angst, die beiden konnten wieder wegfahren, ich musste in Zukunft unter diesen Leuten leben. Aber auch hier musste ich jeden Tag, den der Herrgott geschaffen hatte, 8 Stunden lang arbeiten. Denn die Diakonie Eben-Ezer war ja im Aufbau, dazu gehörte der Meierhof. Wenn wir in der Kolonne in den Meierhof einmarschierten, um zu arbeiten, fehlte nur noch eine Überschrift wie bei Adolf Hitler. „Arbeit macht frei“ Die Erziehungsmethoden standen den von Adolf Hitler in nichts nach. „Was uns nicht weich macht, macht uns hart!“ Der einzige Unterschied war hier, es geschah alle im Namen Gottes, der Nächstenliebe und der Diakonie. Um noch einmal kurz den Ablauf der Arbeit zu schildern. Im Sommer 8 Stunden Landwirtschaft auf dem Meierhof. Im Herbst im Steinbruch mit primitiven Mitteln, 10 kg Hammer von Hand betrieben, Brechstange, Eisenkeile. Wir mussten große Felsbrocken aus der Wand brechen, andere mussten sie zu Schotter verarbeiten, sie wurden dann mit dem Trecker vom Meierhof abgeholt. Ich vermute einmal, es waren die Straßenunterlagen für die Straßen zwischen Neu-Eben-Ezer, Meierhof und Lurheide. Im Winter wurden 8 Stunden lang Pferdeleinen gedreht. Es gibt einen alten Pfleger Bruder Thierbach, der schon sehr alt ist. Ich habe ihn aufgesucht, er hat mich wiedererkannt und hat mir sofort gesagt, dass er damals schon gesehen hat, dass ich nicht in die Klapsmühle gehöre, um auch etwas positives zu erwähnen, dieser Mann hat mir mein Dasein unter den Geisteskranken etwas erträglicher gemacht. Es war ein Geben und Nehmen. Wenn er mir Arbeitsanweisungen gegeben hat, wurden die ordnungsgemäß ausgeführt. Was bei den anderen Kranken nicht möglich war, die konnten nicht selbstständig arbeiten, man musste ihnen jeden Handgriff ein paar Mal zeigen.
Wenn dieser Bruder am Wochenende Dienst hatte, durfte ich zu meiner Schwester, die in Talle wohnte, gehen.. Weil es offiziell nicht sein durfte und meine kranken Mitbewohner etwas mitbekommen konnten, sagte er zu mir: „Hier nimm mal die zwei leeren Flaschen Bier und bring mir zwei neue Flaschen.“ Ich kam dann sonntags Abend zurück und gab ihm 2 leere Flaschen zurück und alles war in Ordnung. Es war ein großes Risiko für diesen Bruder, denn er hätte niemals zulassen dürfen, dass ich die Anstalt verlasse und zu meiner Schwester gehe, es ist, Gott sei Dank, immer gut gegangen.
Ganz schlimme Erinnerungen sind für mich, wenn es schon mal Fleisch, Soße und Kartoffeln gab, es gab kein Messer und Gabel, es musste alles mit dem Löffel gegessen werden, denn es bestand ja die Gefahr, wenn die Kranken ihre Anfälle bekamen, dass sie sich mit Gabel und Messer verletzten. Was ja öfters vorkam, dass sie Anfälle bekamen, dann flogen die Kartoffeln samt Teller durch die Gegend, man konnte sich nur noch in Sicherheit bringen. Jeder, der das nicht miterlebt hat, wie man empfunden hat, wenn man als normaler Mensch darin leben musste, kann das nicht verstehen.
Auch hier bin es öfters entwichen, weil ich mich gefragt habe, was hast du bloß gemacht, dass du auch in dieser Klapsmühle gelandet bist . Der damalige Direktor merkte natürlich ganz schnell, dass ich nicht in dieses System passte und versuchte, mich unbedingt wieder los zu werden. Das war nicht so einfach, denn damals waren die Einrichtungen alle voll, denn mit uns konnte man ja gutes Geld machen. Er wurde vom Landesjugendamt in Münster immer wieder vertröstet und man sagte ihm, er solle zusehen, wie er mit mir klar käme. Er sagte immer wieder, ich müsste für meine eigene Sicherheit in eine geschlossene Einrichtung. Woher hatte der Mann bloß diese Erkenntnis? Ich würde, wenn ich entweiche, immer andere Leute mitnehmen. Ich frage mich, wen denn, die Kranken? Nein, ich bin immer alleine abgehauen. Durch meine Akte, in deren Besitz ich heute bin, konnte ich lesen, es gab immer ein hin und her mit dem Jugendamt. Ich sollte nach Niedermarsberg oder zum Wittekindshof oder ins Landerziehungsheim Benninghausen – aber kein Platz frei. Also hieß es, etwas anderes machen, auf jeden Fall musste ich nach Ansicht des Direktors aus seiner Klapsmühle raus.
Er schickte mich in die sogenannte Familienpflege. Auf gut Deutsch hieß es, beim Bauern für billiges Geld zu ackern. Mein Arbeitstag war morgens 5.30 Uhr im Kuhstall zu melken, dann ging es weiter Tiere füttern und pflegen und alles, was anfiel. Mein 4-Sternezimmer war über dem Kuhstall, deswegen hatte ich kein Problem, ich brauchte kein Parfum, es stank unten im Stall genauso wie in meinem Zimmer. Aber ich habe das damals nicht so wahrgenommen. Im ganzen Dorf stank es nach Lippischer Landluft. Wenn ich das Fenster aufmachen wollte, war es noch eine größere Frischluftzufuhr, der Misthaufen lag genau unterm Fenster. Ich hatte auch hier keine Möglichkeit, mich arbeitsrechtlich zu wehren. In der Steckrübenpflanzzeit ging die Arbeitszeit erst abends los, nach der anderen getanen Arbeit, denn die Steckrübenpflanzen durften erst gesetzt werden, wenn die Sonne weg war. Feierabend war gnädigerweise ca. 22.00 Uhr, wenn auch der Bauer kaputt war. Diese Pflanztage hatten für mich eine Arbeitszeit von 14 Stunden.
Am 1.6. 1964 unterschrieb der Landwirt Bunte eine Erklärung, dass die Richtlinien für einen Familien-Pflegling von Eben-Ezer ihm bekannt sind und eingehalten werden. Damit verpflichtete er sich – wie großzügig-, dafür zu sorgen, dass ich alle 14 Tage einmal gründlich Baden konnte. Ich kann mich nicht daran erinnern, in welchem Tümpel ich gebadet habe. Und dann das Wichtigste, die kirchlich diakonische Einrichtung Eben-Ezer forderte von dem Bauern, mich alle 14 Tage anzuhalten, in die Kirche zu gehen. Wozu? Meinen Glauben an die Kirche und ihre Einrichtungen hatte ich sowieso schon verloren. Des weiteren sollte ich 70,00 DM bekommen, davon 20,00 DM für mich und 50,00 DM an die Anstalt zu entrichten. Wenn ich die 20,00 DM jemals bekommen habe. Es ist schlecht zu rechnen, aber nach meiner Rechnung 5,00 DM in der Woche. Von den 50,00 DM, die nach Eben-Ezer gingen, habe ich sowieso nie etwas gesehen.
Aber in dieser Erklärung hieß es weiter: Schriftverkehr, auch wenn es privat für den Pflegling war, ging weiter über Eben-Ezer und gemeldet wurde ich auch in der Anstalt. Also weiterhin Eigentum der Klapsmühle. Unter Nr. 7 in der Erklärung heißt es: Als Glied eines landwirtschaftlichen Betriebes ist der Pflegling in die Unfallversicherung der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft einzureihen. Also ganz klar, sollte mir arbeitsmäßig etwas passieren war ich für Eben-Ezer abgesichert, was sie also damals schon nicht vergessen haben, also gab es ja schon Versicherungen.
Unter der Nr. 8 der Erklärung, wo es um meine Zukunft ging, steht Kranken- und Invalidenversicherung kommt nicht in Betracht, dass nicht war sogar noch unterstrichen.
Der Landwirt Bunte schrieb damals an Eben-Ezer: Ich wäre ein fleißiger Arbeiter mit stolzen 16 Jahren, aber ich wäre unbotsam, frech, es wollte bald niemand mehr mit mir arbeiten. Ich sage dazu: Kein Wunder bei den Arbeitsbedingungen.
Es kam, wie es kommen musste. Nach 3 Monaten hatte ich die Faxen dicke, ich haute ab. Was ein Problem für den Direktor der Anstalt war. Wohin mit mir, kein Heimplatz frei. Da kam dem Direktor die rettende Idee. Er hatte doch eine Schwester und einen Schwager in Jöllenbeck, die den Wolfgang Focke schon einmal besucht hatten. Also nahm die Anstalt mit den beiden Kontakt auf. Was für ein Glück für den Direktor, meine beiden Verwandten wollten mich und ich dachte auch, Glück für mich. Welch ein Trugschluss. Ich küre die ganze Sache ab, auch die beiden benutzten mich nur und nahmen mich aus. Ich hatte Arbeit in einer Spedition gefunden. Das Geld für die Arbeit bei der Firma musste ich abliefern. Wie ich zu meinem Schwager mal gesagt habe: das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Ich dachte, ich wäre in den Schoß der Familie zurückgekehrt und mein Elend hätte ein Ende. Ich kriegte ein paar Ohrfeigen mit der Bemerkung: „Du undankbarer Kerl!“
Das war zu viel, das erstemal in meinem Leben wehrte ich mich und haute ihm eine auf die Fresse. Oh Wunder, ich stellte fest, ich hatte ja Kraft. Mein Schwager hob ab und blieb liegen. Von dem Tag an habe ich mich gewehrt. Ich habe im Laufe meines weiteren Lebens sogar den Spitznamen „Kamikaze“ bekommen, das waren japanische Todesflieger. Aber was nützt das alles. Er rief die Polizei, die griff mich auf und es ging ab ins Landeserziehungsheim Benninghausen. Vergessen hätte ich bald zu erwähnen, dass meine Schwester am 30.9.1964 erstmalig in Eben-Ezer war und dort fragte, ob sie für mich kein Geld kriegen könnten, mein Schwager zurzeit krank wäre und nur 100,00 DM in der Woche Krankengeld kriege. Wolfgangs Schwester fragte telefonisch an, ob sie nicht 50,00 DM vom Guthaben ihres Bruders zur Zeit der Stand 276,40 DM. 50,00 DM wurde an meine Schwester überwiesen. Ich selber vermute, dass mein Schwager am 6. 11. 1964 in Eben-Ezer war, denn an dem Tag ging mein letztes Guthaben von fast 4 Jahren Arbeit weg. 256,40 DM in bar ausgezahlt, aber nicht an mich, wahrscheinlich an meinen Schwager, denn er hatte ja Verantwortung für mich übernommen. Die Kassenanweisung besagt, Betrag dankend erhalten. Aber nicht habe unterschrieben, sondern da steht: gez. W. Focke. Ich frage mich heute noch, wo das Geld geblieben ist.
In Benninghausen angekommen war das erst einmal ein Schock für mich, nie mehr im Leben habe ich so dicke Gitter vorm Fenster gesehen wie da, selbst auch nicht später im Knast. Dafür war der Tagesablauf der gleiche. 8 Stunden am Fließband für die Firma Hella-Werke in Lippstadt arbeiten. Wir montierten Rücklichter für den VW-Käfer. Auch hier ist es nötig zu erwähnen, dass wir vollwertige Arbeit gemacht haben, die schon damals in der freien Wirtschaft sozialversicherungspflichtig gewesen ist. Es gab auch zwei private Meister aus der Firma, die darauf achteten, dass alles richtig montiert wurde, die kriegten volle Gehälter und Sozialversicherung, es schreit schon zum Himmel. Da arbeiten Leute für die gleiche Firma, einen werden mit Geld bezahlt, die anderen mit Prügel. Wenn ich daran denke, was für Essen wir für die Arbeit bekommen haben. Vom Frühstück und Abendbrot wollen wir erst gar nicht reden, das war so gering, dass man abends immer mit Hunger ins Bett ging. Das Mittagessen war so eine Katastrophe, immer nur Suppe, Suppe, Suppe, die wurde im tragbaren Wärme-Container gebracht.
Direkt dem Heim angeschlossen war eine Schwachsinnigen-Anstalt, da sich dort die Küche befand, wurde da auch gekocht. Wenn dieser Kessel aufgemacht wurde, stank es im ganzen Haus so ekelhaft und wenn man sich die Suppe beguckt hatte, das durfte man nicht tun, da war man trotz Hunger schon satt, so dicke abartige Speckstücke – so richtig schwabbelig. Ich weiß nicht, wer auf die Redensart kam, man hat immer wieder gesagt: „Wahrscheinlich ist wieder ein Schwachsinniger gestorben!“
Meine schlimmste persönliche Erfahrung war auch hier wieder der sexuelle Missbrauch. Ich lag in einer Krankenzelle mit noch zwei älteren Zöglingen, die ihre sexuelle Gier an mir vollzogen. Während dieser Vergewaltigung ging die Tür auf, der Erzieher guckte rein, der Kommentar: „Ihr perversen Drecksäue, ihr Schweine, ihr abartigen…“ Die Tür flog zu, nach fünf Minuten ging sie wieder auf. Der Erzieher schlug mit dem Knüppel in der Hand wahllos auf uns ein. Da lag ich nun, ich arme Sau, vor 10 Minuten sexuell missbraucht jetzt für eine Sache, die ich garantiert nicht wollte und dort über mich ergehen lassen musste, kriege ich von dem Erzieher, von dem ich mir eigentlich Hilfe erwartet hätte, noch Schläge obendrein. Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich feststellen, dass in allen Heimen mein sexuelles Leben total durcheinander gebracht wurde. Auch später leidet man darunter, denn immer wenn man später etwas mit Sexualität zu tun hatte, spielte die Angst immer mit: Machst du jetzt etwas normales oder unnormales?
Ich möchte noch einmal ausdrücklich erwähnen, dass in allen Einrichtungen stets darauf geachtet wurde, dass wir nicht mit Mädchen zusammen kamen. Also kein Wunder, das manche Zöglinge, die in der Pubertät waren, sich an Schwächeren vergriffen haben. Der sexuelle Drang war ja nun mal da. Und wenn wir damals besser ausgebildete Diakone, Diakonissen oder Erzieher gehabt hätten, wären diese Probleme vielleicht ganz anders angepackt worden und viele der Zöglinge wären als ganz normale junge Leute groß geworden.
Aber von der Leitung wurde darauf damals nicht geguckt, wichtig war nur das Personal war hart genug zu uns, nach der Qualität wurde nicht gefragt.
Um noch einmal zu erwähnen, dass die irgendwie alle pervers waren, denn Mädchen gab es ja nicht, aber dafür erfolgte an jedem Abend, bevor wir in die Schlafsäle gingen, Antreten im Nachthemd auf dem Flur. Aus Sicherheitsgründen waren unsere anderen Sachen weggeschlossen. Jeder einzelne von uns musste in einer Kachel stehen. In der Ecke steckte ein Wimpel. Der Leiter Herr Scholz schritt vor uns auf und ab und dann ertönte das Kommando: „Singen!“
Ich kann nur noch etwas von diesem Lied. „Warum scheint heut der Mond so auf dieser Welt, zu meinem Mädel bin ich heut bestellt, zu meinem Mädel. Junge, Junge muss ich gehen, vor ihrem Fensterlein, da bleib ich stehn…“
Jeden Abend dasselbe Lied und andersrum eine Todsünde für uns, nur an Mädchen zu denken. Wenn das nicht pervers war, die Antwort lass ich offen.
Obwohl Benninghausen je eine geschlossene Einrichtung war und auf uns aufgepasst wurde als wären wir in Fort Knox, gelang es mir trotzdem abzuhauen. Weil mein vermeintliches Zuhause immer weiter entfernt war, habe ich ein Fahrrad und ein Moped geklaut. Kaum zu Hause angekommen hatte meine sogenannte Mutter nichts anderes zu tun, als im Heim anzurufen. Die haben mich wieder abgeholt. Das alte Spiel begann wieder – Prügel und Zelle.
Eines Tages bekam die Anstalt einen Brief zwecks Vernehmung meiner Straftat nach Detmold zu Richter. Die mich begleitenden Erzieher sagten zu mir: „Mach die keine Sorgen, da du nicht vorbestraft bist, gibt es nur einmal Wochenendarrest!“ Diese Glück hatte ich nicht. Wie in meinem ganzen bisherigen Leben, das Glück hatte nur der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Ich wurde verhaftet, ging ab in die U-Haft, die Begründung des Richters, da ich soviel abgehauen war, musste er das mit der U-Haft unterbinden. Verurteilt wurde ich später zu 2 Jahre 9 Monte ohne Bewährung und ich höre den Staatsanwalt noch heute. „Trotz seines langen Heimaufenthaltes hat er es sich nicht zur Warnung dienen lassen, er muss de volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.“
Was dieser Staatsanwalt nicht wusste oder wissen wollte, mein ganzes vorher gegangenes Heimleben war die volle Härte.
Man hat mich dann doch nach 2 Jahren 6 Monaten entlassen, um mir noch drei Monate Bewährung zu geben und eine Bewährungshelferin zu geben, damit diese noch mich beobachten kann. Was macht sie? Sie schickt mich wieder in die Landwirtschaft, wo ich jahrelang vom Heim aus war und ausgebeutet wurde.
Ich gab auf und ging. Wieder auf der Flucht. Was macht man? Nirgendwo kann man sich offiziell sehen lassen oder arbeiten. Man erinnert sich, was man im Heim gelernt hat. Man betrügt, man stiehlt. Um es abzukürzen, ich war nachher vorbestraft: Kuppelei, Zuhälterei, Heiratsschwindler, Verstoß gegen Paragraph 175, Nötigung, Verführung Jugendlicher.
Und wieder wurde ich verurteilt und immer wurde es mehr, es ging hier gar nicht mehr um die eigentliche Straftat, sondern um mein Erscheinen vor Gericht. Für jedes Erscheinen gab es vorweg schon einmal 1 Jahr. Man nannte es damals Rückfall, strafverschärften Rückfall, Atom-Rückfall. So habe ich im Ganzen viele Jahre unter Staatsaufsicht verbracht. Diesmal nannte sich die Einrichtung nicht mehr Heim, sondern Knast.
Eines Tages sagte es: „Klick“. Ganz besonders trug dazu ein höherer Justizbeamter, der in mir nicht nur den Zögling oder Knacki, sondern den Menschen Wolfgang Focke gesehen hat. Er sagte mir: „Sie sind ein außergewöhnlicher Knacki und doch kein Knacki, ich werde jetzt ihre vorzeitige Entlassung beantragen du durchsetzen. Wenn Sie aber nur noch ein einziges Mal hier erscheinen, dann wünschen sie sich, nie da gewesen zu sein!“
Ich antwortete: „Ich gehe jetzt in Rente und zwar nur von meinem Zögling- und Knacki-Dasein!“
Das habe ich vor 19 Jahren gesagt du seitdem habe ich meine Teil der Schuld gefunden und ihn abgebaut. Heute kämpfe ich nur noch dafür, den Staat dazu zu bewegen, dass er seinen Teil der Schuld einlöst, indem man mir für das an mir vollzogene Unrecht eine Wiedergutmachung in Form von Geld für die geleistete Arbeit in den Heimen, in die der Staat mich rein gesteckt hat und keine Sozialleistungen bezahlt hat und dadurch den kirchlichen Einrichtungen die Möglichkeit gegeben hat, so mit mir aber auch an den anderen Leidensgenossen zu verfahren.
Aber betonen möchte ich noch, die Kirche ist nicht viel unschuldiger. Wenn diese einer Lesen sollte und sich das nicht vorstellen kann, dann versuche ich demjenigen klar zu machen: Wenn jemand einen Beruf lernt, dann übt er ihn aus, sowie er es gelernt hat und überlegt nicht lange, ob sein Meister ihm das Richtige oder das Falsche gelehrt hat. Bekommt er dann Zweifel, macht er eine Umschulung. Das habe ich auch gemacht, nichts anderes.
Und nun bin ich auf dem richtigen Weg. Sollte Gott mir noch ein paar Jahre auf dieser Erde geben, werde ich kämpfen für die Gerechtigkeit und gute Sache. Und wenn es ist, um anderen Leuten zu helfen, um ihnen einen so langen Leidensweg wie den meinigen zu ersparen.
Wenn ich das Geschrieben noch einmal lese, fallen mir noch so viele Sachen ein, die man eigentlich noch erwähnen müsste. Aber ich lass es sein, denn ich bin davon überzeugt, dass die meisten sagen, der will sich nur von seiner Schuld frei reden. Und deswegen erwähne ich hier noch einmal: mit drei Jahren in die kirchliche Obhut, in dem Alter kennt man noch keine Sünde. Und was ich zu der Zeit noch nicht gelernt hatte, lernte ich eben später im Heim. Wie ich das erstemal wieder aus dem Paulinenheim kam, war ich 11 Jahre. Da wurde ich von meiner Mutter dazu angehalten, Unrecht zu tun. Was mir natürlich da noch nicht bewusst war. Da wir ja am Rande des Teutoburger Waldes wohnten, musste ich hoch in die Tannen. Kein Problem für mich, ich war sowieso flink wie ein Wiesel, hatte eine Säge dabei, musste oben auf der Spitze die Tannenzweig, wo die Tannenzapfen dran waren, absägen und nach Hause bringen. Meine Mutter schärfte mir nur ein: „Wenn der Förster kommt, schmeiß die Säge weg!“ Denn dann wäre es nicht so schlimm gewesen, was für ein Irrglaube. Heute weiß ich, wäre der Förster gekommen, hätte er an Hand der Äste ja gesehen, dass die gesägt waren. Meine Mutter hatte eine Tante in Großzimmern, die hatte ein Lebensmittelgeschäft, da gingen die Tannen hin. 14 Tage später kam ein Lebensmittelpaket zurück, von dessen Inhalt ich nie etwas gesehen habe – alles für Mutter und den Stiefvater. Und wenn ich nun schon mal dran bin, dann lohnt es sich auch noch zu erwähnen, dass ich ach so böser Junge Wiesenschaumkraut – es waren so blaue Blumen -, die habe ich gepflückt auf dem Detmolder Markt für 10 Pfennig das Bund verkauft. Die Leute haben mir tatsächlich aus Mitleid abgekauft. Auf dem Markt gab es einen Stand, der hatte Eintagsküken pro Stück 10 Pfennig, das waren Küken, die nicht so gut sortiert waren, meistens waren es Hähnchen, aber von den 15 Stück wären mindestens 4 Legehühner dabei. Mein guter Stiefvater sah das natürlich gerne, dass ich diese Küken groß zog. Wenn eines gestorben ist, habe ich es beerdigt – mit meiner schmutzigen Kinderseele und dann kam wieder die Gewalt, wenn sie groß waren, Eier legten oder die Hähnchen fett waren, nahm mein Stiefvater sie mir weg und ich konnte nicht dagegen tun. Aber im Unterbewusstsein habe ich hier schon gemerkt, es gibt immer das Recht des Stärkeren. Selbst in den vielen Knästen, die ich durchlaufen habe, konnte man an eine Gerechtigkeit nicht glauben. Denn selbst die Justizbeamten hielten sich nicht an Gesetz und Ordnung. Wenn ich das alles erzählen wollte, dass sich sogar einige Beamte im Dienst des Staates strafbar gemacht haben. Aber wenn das wirklich einen interessiere sollte, bin ich gern bereit auf Einzelheiten einzugehen. Zur zeit wir soviel geschrieben und gesagt. Man erkennt an, dass man uns Unrecht getan hat und man will alles aufarbeiten. An erster Stelle hat das die Kirche (Diakonie) gesagt. Ein Diakonie-Präsident mit Namen Gohde hat mir sogar am Telefon persönlich zu gesagt, wir werden etwas tun. Es hat sich was getan, er hat sein Amt niedergelegt, weil andere Diakoniegrößen – wörtlich geschrieben Spitzenvertreter – ihm, dem Herrn Gohde, das Vertrauen des Verbandes entzogen. Wann fangen diese Spitzenvertreter der Kirche und der Diakonie in ihren Einrichtungen an, mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit uns gegenüber aufzuräumen.
Ich sage es hier noch einmal:
arbeitsmäßig ausgenommen, seelisch und moralisch kaputt gemacht.
Wir wollen auch nicht den sexuellen Missbrauch vergessen, ja sogar Vergewaltigungen und alles im Namen des Herrn.
Der Staat wäre auch dran, uns entgegenzukommen, denn das, was ich und andere erlebt haben unter ihrer verstandenen Gerechtigkeit…
Ich kann hier nur sagen, der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen.
Da ich in den Heimen mit der Bibel groß geworden bin. Es macht ja nichts, dass die Bibel immer mit Fäusten festgehalten wurde: Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr den Balken in deinem Auge. Du Heuchler, gehe hin und entferne zuerst den Balken aus deinem Auge und dann den Splitter aus deines Bruders Auge.
Ich habe meinen Balken entfernt. Wann entfernt die Kirche, Diakonie, der Staat seinen Balken?
Ich hoffe nur, dass es so bald geschieht, dass ich es noch erleben werde.