Langeweile bei Heimkindern ist häufig

Wer es beobachtet hat, langweilen sich Kinder viel zu schnell! Es gibt jedoch viele sinnvolle und lustige Möglichkeiten Kinder zu beschäftigen. Sei es in Gruppen oder für sich allein.

Das erste wäre ein Kreuzworträtsel. Ja genau, ein Kreuzworträtsel! Der erste Gedanke ist langweilig, doch wir sind hier um Langeweile zu stoppen. Wie es ein Kreuzworträtsel schaffen kann? Ganz einfach! Nicht jedes Kind wird sofort zu einem Kreuzworträtsel greifen, weil es erwartet es nicht zu schaffen! Die meisten Rätsel enthalten schwierige und knifflige Fragen. Doch es gibt auch Rätsel, die für Kinder gemacht sind! Interessiert sich das Kind für Autos, gibt es Rätsel dazu. So eignet man sich wissen an und hat noch Spaß dabei. Übrigens spicken ist erlaubt (siehe https://www.wort-spielereien.de/kreuzwortraetsel-hilfe/)

Auch Gesellschaftsspiele fördern nicht nur den Zusammenhalt, aber auch den Spaß! Kein klassisches Mensch-Ärger-Dich-Nicht, sondern neue und moderne Spiele. Was für Erwachsene eher nach Blödsinn aussieht, wird meistens geliebt bei den Kindern. Auch Blödsinn vertreibt die Langeweile, im Kinderheim herrscht schließlich kein Zölibat, also warum nicht so? Natürlich könnte man den Kindern die alten traditionelle Spiele zeigen, die früher gespielt worden sind. Anders als früher ist der Unterschied, was die Erwachsenen damals gespielt haben und jetzt viel zu unterschiedlich. Die Kinder werden gespannt sein!

Nicht zu vergessen können Wettbewerbe gehalten werden. Etwas zu gewinnen kann lustig sein und Aufgeben ist keine Option. Anstatt Drinnen Trübsal zu blasen und an Couperose behandeln zu denken, ist im Freien Action pur! Insbesondere wenn das Wetter draußen gut ist, kann viel veranstaltet werden. Bewegung und noch einen Preis treibt die Kinder voran und an Langeweile ist nicht zu denken! Ob ein Wettrennen, Schatzsuche oder doch lieber ein Parkour, da kann die Fantasie mitspielen und es sind keine Grenzen gesetzt. Der Gewinner bekommt einen großen Preis, doch um Streit zu vermeiden sind auch Trostpreise zu vergeben.

Gemeinsame Aktivitäten gegen Langeweile

Wie wäre es mit einer Putzaktion, die auch noch Spaß macht? Ob allein oder mit einer Gruppe, es kann klappen. Mit einem Wasser und Schwamm kann nicht nur Spaß erzeugt werden, sondern auch etwas Ordnung. Es werden Autos oder Puppen sauber gemacht oder auch Schränke können zur Putzaktion dazu kommen. Wenn die Sonne scheint, kann auch das Putzen nach draußen verlegt werden. Fenster oder auch Tische werden hier sauber gemacht.

Köche aufgepasst. Backen kann auch lustig werden. Lebensmittelfarbe kann Wunder bewirken, da es nicht üblich ist, dass ein Teig blau ist. Kinder können dann aus einfachen Keksteig Regenbogenkekse backen. Im Nachhinein dann verzieren, denn Puderzucker kann auch die Farbe wechseln. Mit Streuseln oder Esspapier kann der Keks nicht langweilig werden. Auch hier mit dem verzieren kann ein kleiner Wettbewerb entstehen.

Das wichtigste am Langeweile vertreiben ist, dass sich das Kind wohlfühlt bei der Sache. Nichts ist schlimmer, wenn es zu was gezwungen wird. Solange man die Interessen des Kindes vertritt, sollte es einfach sein etwas zu finden, was Spaß macht. Die Wünsche und Anregungen können auch vom Kind umgesetzt werden.

Meine Damen und Herren, in meinem Vortrag beziehe ich mich

–        auf veröffentlichte und nichtveröffentlichte Berichte von ehemaligen Heimkindern

–        auf eine erste kritische Durchsicht von dreißig Jahrgängen der wichtigsten Fachzeitschriften in kirchlicher und nichtkirchlicher Herausgeberschaft (Sozialpädagogik / Evangelische Jugendhilfe / Jugendwohl / Pädagogischer Rundbrief des Caritasverbandes Bayern / Unsere Jugend / Nachrichtendienst / Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt / Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie / Soziale Arbeit), auf Rundbriefe, Stellungnahmen und Resolutionen von Dachorganisationen (AFET / DV / DPW / IGFH), auf einschlägige Monografien und auf Verlautbarungen der öffentlichen Träger der Jugendhilfe (vor allem Länderministerien, Landschaftsverbände und Landesjugendämter)

–        und nicht zuletzt auf eine mittlerweile fünfzigjährige Erfahrung in Praxis undTheorie der Sozialpädagogik, davon fünfundzwanzig Jahre in Heimerziehung, Bewährungshilfe, Offene Jugendarbeit und Drogenarbeit und fünfundzwanzig Jahre in Lehre und Forschung.

 Von 1959 bis 1974 war ich insgesamt acht Jahre als Sozialpädagoge in Heimen tätigund sechs Jahre in der Fort- und Weiterbildung und der Supervision vonHeimerzieherInnen. Unter anderem konzipierte und leitete ich die berufsbegleitendeAusbildung von ErzieherInnen der zentral verwalteten Heime desLandesjugendamtes West-Berlin und beteiligte mich an der Initiierung derHeimkampagne der späten sechziger und der siebziger Jahre.

Die Heimerziehung der vierziger bis siebziger Jahre der alten Bundesrepublik und ihre Wirkungen/Folgen für das Leben der Menschen, die Zeiten ihrer Kindheit und Jugend in Säuglings-, Kinder- und Fürsorgeerziehungsheimen verbringen mussten, kann ohne eine zeitgeschichtliche Einordnung/Kontextualisierug nicht zutreffenddargestellt, analysiert und beurteilt werden. Von entscheidender Bedeutung ist daher wie, das heißt auf welchen empirischen Grundlagen, mit welchen analytischen Kriterien und welchen fachlichen Maßstäben diese „Einordnung“ erfolgt.

In meinem Referat werde ich Inhalte skizzieren und Wege aufzeigen, wie diese Inhalte meines Erachtens am Runden Tisch in ihrer Bedeutung für die Fragen der Genugtuung/Rehabilitierung und der Entschädigung ehemaliger Heimkinder aufgeklärt werden können.

Zuerst bedarf einer zeithistorischen Einordnung der Heimerziehung eine Verständigung über den historischen Zeitrahmen, der als ökonomischer, politischer und sozialkultureller Kontext der Heimerziehung die Folie für deren „Einordnung“ sein muss.

In der Einladung zur heutigen Sitzung wird dieser Zeitraum auf die fünfziger und sechziger Jahre begrenzt. Ich schlage vor, den Zeitraum um die vierziger und siebziger Jahre zu erweitern. Begründung: Ich bin 1940 geboren und hätte als Kleinkind und Vorschulkind bereitswährend der NS-Zeit in einem Heim leben können und danach, als Schulkind in einer der vier Besatzungszonen bis zur Gründung der Bundesrepublik im Herbst 1949 usw., bis ich mit der Erreichung der Volljährigkeit 1961 hätte aus der öffentlichen Erziehung entlassen werden müssen. Tatsächlich ist es Frauen und Männern aus der Gruppe der ehemaligen Heimkinder so ergangen. Ich selbst habe in meinem ersten sozialpädagogischen Praktikum in einem Heim 1960 solche Jugendlichen kennen gelernt. Für sie wäre 1950 eine willkürliche Festlegung, die mit ihrer Heimbiografie nichts zu tun hat.

Ebenso verhält es sich mit den siebziger Jahren. Die Heimkampagne der späten sechziger und siebziger Jahre brauchte ein ganzes Jahrzehnt des Skandalisierungen der Heimmisere – die in Fachkreisen immer bekannt war – bis Ende der siebziger Jahre die Jugendhilfe auf breiter Ebene daran ging, die schon in den Besatzungszonen notwendig gewesenen Reformen zu realisieren. „Der alltägliche Skandal der Heimerziehung“ – so der Titel einer Großveranstaltung mit circa achttausend TeilnehmerInnen auf dem Jugendhilfetag 1978 in Köln – begleitete die siebziger Jahre. Die großen Heimskandale: Isenbergheim/Bremen, Birkenhof/Hannover, Diakoniezentrum Heiligensee/Berlin, Mädchenaufnahmeheim der Diakonie/Köln – um hier nur einige zu nennen – wurden 1977/78 aufgedeckt. Die staatlichen Fürsorgeerziehungsheime Fuldertal für Mädchen (Hessen) und Glückstadt für Jungen (Schleswig-Holstein) wurden 1973 aufgelöst. Die brutale Erziehungspraxis in Freistatt/Bethel wurde Mitte der siebziger Jahre eingestellt und das Katholische Vincenz-Heim in Dortmund (Fürsorgeerziehungsheim für Mädchen) sorgte während der ganzen siebziger Jahre für Schlagzeilen. Auf dem 6. Deutschen Jugendhilfetag 1978 in Köln mussten wir eine bittere Bilanz für das Jahrzehnt nach Beginn der Heimkampagne ziehen: „Die Hintergründe dieser Skandale zeigen, dass es in allen Fällen immer um zentrale Grundrechtseingriffe und Menschenrechtsverletzungen gegenüber den betroffenen Jugendlichen geht. Die Verantwortlichen für diese von Menschenverachtung und Ignoranz gezeichneten Unterdrückungspraktiken finden wir sowohl in den Spitzenverbänden der ‚freien’ und privaten Wohlfahrtspflege (vor allem Caritasverband, Diakonisches Werk) als auch den aufsichtführenden Landesjugendbehörden. Die konfliktlose Zusammenarbeit zwischen den Landesjugendämtern und den großen Heimträgern ist ein System für das gemeinsame Interesse von Staat und Kirche an der Aufrechterhaltung eines Erziehungszustandes in Fürsorge-Erziehungsheimen, der die Kinder und Jugendlichen zur Unterordnung unter Hausordnungen, Anweisungen, Befehle, Verbote und Strafe zwingen will.“ (Damm/Fiege u.a. 1978. 153) 1977 veröffentlichte Hans Thiersch den Klassiker der Sozialarbeitsliteratur „Kritik und Handeln – interaktionistische Aspekte der Sozialpädagogik“. Zur Situation der Heimerziehung in den späten siebziger Jahren schreibt Thiersch: „Kritik wird notwendig, wo die Diskrepanz von Möglichkeit und Realität in einer konkreten historischen Situation unerträglich wird; dass die Institution Heimerziehung gegenwärtig zunehmend heftiger, verzweifelter und aggressiver kritisiert und attackiert wird, resultiert aus offenkundigen Widersprüchen zwischen gesellschaftlichen Postulaten und Praxis und Theorie der Heimerziehung (…).

Erfahrungen und Empirie belegen übereinstimmend, wie oft Heimerziehung nur als Abbruch von Lebensmöglichkeiten, als Einengung und Entindividualisierung realisiert ist. Die Frage nach der Heimerziehung als Frage nach einer totalen Institution ist die denkbar härteste Herausforderung an die Heimerziehung, die Frage nämlich nach einer ihr eigenes Ziel unterlaufenden und desavouierenden Gegenstruktur (…).

Die Armut, die Dominanz der Verwaltung und Entindividualisierung in der Totalen Institution sind für den Heranwachsenden nicht nur deshalb so fatal, weil sie ihn direkt in der Entfaltung der Selbstkompetenz hindern, sondern auch indirekt, weil der Heranwachsende in ihnen spürt, dass man eine solche Selbstkompetenz von ihm nicht erwartet. Die kläglichen Verhältnisse etwa demonstrieren ihm, dass er nichts wert ist, die Dominanz der Verwaltung macht evident, dass er nur als Objekt zählt, die Totale Institution, dass man Möglichkeiten der Individualität und Kreativität in ihm nicht voraussetzt. Indem er solche institutionalisierten Verhaltenserwartungen übernehmen muss, verfestigt sich bei ihm das entmutigende Bewusstsein von seiner Wertlosigkeit. Nicht nur die unmittelbare Erfahrung der Heimerziehung wirkt stigmatisierend auf den Heranwachsenden, sondern ebenso das öffentliche Renommee, die Vorstellung also, die Außenstehende mit der Heimerziehung verbinden und unter denen Heranwachsende ins Heim kommen. Bürger und Eltern drohen mit der Heimerziehung (…).

Eine solche Heimerziehung pervertiert den pädagogischen Schonraum, um in ihm jene gesellschaftlichen Bedingungen und Zwänge zu wiederholen, ja zu intensivieren, vor denen sie, ihrer Intention gemäß, die Heranwachsenden zu schützen hätte.“ (75ff.)

Thiersch beschreibt und kritisiert die Regelpraxis, wie sie 1977 in der Bundesrepublik bestand. Man kann auch die seit 1970 entstandenen Alternativen beschreiben, die als praktische Kritik an der Regelpraxis entwickelt wurden. Aber das waren eben noch die Ausnahmen, von denen nur wenige Kinder und Jugendliche etwas hatten. Die siebziger Jahre primär unter dem Fokus der Alternativen und Reformen zu betrachten, würde den bitteren Erfahrungen der großen Mehrheit der Heimkinder nicht gerecht. Diese Alternativen und neuen Formen der Heimerziehung wurden erst in den achtziger Jahren allmählich zur Regelpraxis. Obwohl ich in Theorie und Praxis an der Entwicklung solcher Alternativen beteiligt war, würde es mir nicht in den Sinn kommen, die Heimerziehung der siebziger Jahre von dieser Seite her als gelungene öffentliche Erziehung zu interpretieren.

Die vierziger bis siebziger Jahre bilden meines Erachtens den historischen Untersuchungszeitraum, in den die Heimerziehung eingeordnet werden muss. Ich werde mich in meinen Ausführungen auf diesen Zeitraum beziehen. In sich sind diese dreißig Jahre natürlich stark gegliedert. Sie umfassen so unterschiedliche Epochen wie Kriegsende und unmittelbare Nachkriegszeit, die für sehr viele Menschen bis etwa 1955 die Lebensbedingungen und den Alltag bestimmten, dann die Phase des sogenannten Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders von 1955 bis 1965, die gleichzeitig die Zeit der sogenannten Halbstarken-Krawalle und der jugendkulturellen Selbstbestimmungsversuche war, im Kontext beinahe erreichter Vollbeschäftigung und bescheidenem Massenwohlstand, dann die zweite Hälfte der sechziger und die siebziger Jahre mit dem einschneidenden Regierungswechsel, der Achtundsechziger Bewegung mit ihren weite Bereiche der Gesellschaft liberalisierenden Wirkungen, das Jahrzehnt der „großen Reformen“, aber schon begleitet von der ersten Wirtschaftskrise mit aufkommender Arbeitslosigkeit und Ausbildungsnotstand für Jugendliche. Erinnert sei daran, dass noch um 1970 über siebzig Prozent eines Jahrgangs mit fünfzehn Jahren die Schule verlassen mussten und einen Platz im Erwerbsleben suchten.

Diesen gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen entsprachen jeweils unterschiedliche epochale Sozialerfahrungen. Mit diesen Veränderungen und ihren Wirkungen auf Kinder und Jugendliche müssen die Lebensbedingungen und Perspektiven der Heimkinder jeweils abgeglichen werden, wenn eine zeithistorische Einordnung der Heimerziehung gelingen soll. Der Ausgangspunkt für diesen Vergleich muss das durchschnittliche Reproduktionsniveau der bundesdeutschen Gesellschaft sein, auf der Basis der vorgeschlagenen Periodisierung, in Zehnjahresschritten: 1945 bis 1955 / 1955 bis 1965 / 1965 bis 1975. Dieser Vergleich wird die schon von Siegfried Bernfeld in den zwanziger Jahren als „Tantalus-Situation“ beschriebene permanente Bedürfnisrestriktion von Kindern in öffentlicher Erziehung deutlich machen.

Verglichen werden müssen:

–          die räumliche Situation und die Raumaneignungsmöglichkeiten in Heimen

–          Essen und Esskultur

–          Kleidung

–          Körperpflege

–          medizinische Versorgung

–          jugendkulturelle Bedingungen (Ausgang, frei gewählte Beziehungen mit Gleichaltrigen, Kino, Fernsehen, Jugendgruppen außerhalb des Heims, Tanz, Reisen und Erholung, Musik etc.)

–          Strafpraxis vom Entzug sogenannter Vergünstigungen über körperliche Züchtigung bis hin zu Isolierung in Arrestzellen

–          Arbeit zur Aufrechterhaltung der Binnenstruktur der Heime und produktive Arbeit in heimeigenen oder Fremdbetrieben einschließlich der Taschengeld- und Entlohnungsregelungen Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten

–          Umgang mit sogenannten Auffälligkeiten wie Bettnässen, Schlafstörungen, „Essensverweigerung“, sogenannter Lügenhaftigkeit, Onanie, Weglaufen aus dem Heim, sogenannte Arbeitsscheu etc.

–          und schließlich ständige Kontakt- und Beziehungsabbrüche durch Personalwechsel, Wechsel der Kinder und Jugendlichen in der Erziehungsgruppe, Verlegungen in andere Heime.

Weitere Vergleichspunkte bezogen auf die Situation von Kindern und Jugendlichen in durchschnittlichen Erziehungsverhältnissen und solchen in der Heimerziehung werden sich aus den Berichten der Ehemaligen ergeben.

Zur zeithistorischen Einordnung der Heimerziehung gehört auch eine Gewichtung der Rechtsstellung von Kindern und Jugendlichen, die in Heimen lebe mussten im Vergleich mit solchen, die im Rahmen uneingeschränkter Elterlicher Gewalt/Elterlicher Sorge in Familien oder Familienverbänden aufwachsen konnten.

„Heimkinder als Träger von Menschenrechten“ / „Die Grundrechte von Minderjährigen in Fürsorgeerziehungsanstalten“ – das waren Themen, die je größer der Abstand zum NS-System wurde, je heftiger der „alltägliche Skandal der Heimerziehung“ empfunden wurde, an Bedeutung gewannen.

„Die Zeiten waren nun mal so…“

Ich beginne mit Zitaten aus LeserInnen-Briefen und Stellungnahmen in den zurückliegenden Monaten.

Während der Anhörung von Sachverständigen durch den Petitionsausschuss des Bundestags im Januar 2008 sagte ein Abgeordneter sinngemäß: Er könne nicht verstehen, warum die ehemaligen Heimkinder heute, dreißig, vierzig oder mehr Jahre nach ihrer Zeit im Heim, mit solcher Dramatik über ihre Erfahrungen reden. Ob es denn überhaupt möglich sei, nach so langer Zeit sich so bestimmt an einzelne Handlungen von Erzieherinnen und Erziehern und an Einzelheiten des Heimalltags zu erinnern.

In der Frage des Abgeordneten im Petitionsausschuss und vielen ähnlichen Fragen von Bürgerinnen und Bürgern werden mehr oder weniger offen die erinnerten Erfahrungen von Ehemaligen der Heim- und Fürsorgeerziehung bezweifelt. Dieser Zweifel resultiert aus dem Vergleich der eigenen Lebenserfahrungen, vor allem natürlich bei AltersgenossInnen, beziehungsweise der Anlegung der Folie der für sich selbst in Anspruch genommenen bürgerlichen Normalbiografie, an die Lebenserfahrungen von in der Heimerziehung traumatisierten Menschen. Dieser Zweifel kann sich bis zum Verdacht und zum Vorwurf des Sozialschmarotzertums steigern.

Ein Beispiel dafür ist ein Kommentar des Redakteurs des Württembergischen Evangelischen Gemeindeblatts in der Ausgabe 4/2009 und durch ihn provozierte und mitgeteilte LeserInnen-Briefe. Der Kommentator will die Bewertung der Arbeit von Kindern und Jugendlichen in der Heim- und Fürsorgeerziehung der Nachkriegsjahrzehnte als Zwangsarbeit nicht gelten lassen. Er schreibt, es sei „geradezu primitiv, vom hohen Ross der Gegenwart aus Geschehnisse beurteilen zu wollen, die vierzig Jahre zurück liegen“ und erhebt den Vorwurf, es „gehe zu vielen in der nun begonnenen Debatte nicht um Gerechtigkeit, sonder um Geld“. Ich zitiere aus den Briefen von Lesern und Leserinnen, die auf den Kommentar antworten:

„Volle Zustimmung zu dem Kommentar! Es ist völlig abwegig, von heutigen Erziehungsgrundsätzen aus die damalige Praxis zu verurteilen. Harte Methoden (Prügelstrafe als Selbstverständlichkeit) waren doch bis in die 50er Jahre, zum Teil noch bis in die 60er Jahre in allen Schulen gang und gäbe! Da müssen die allermeisten 70- oder 80Jährigen Entschädigung verlangen, nicht nur die Zöglinge (christlicher) Heime! Ist es denn so sehr von Übel, wenn Kinder zur Gartenarbeit herangezogen werden? Welcher Bauernsohn, welche Bauerntochter hat nicht schon in jungen Jahren auf dem Feld mitgeholfen? Es ist ganz abwegig, derlei als ‚Zwangsarbeit’ zu bezeichnen.“

„Demnächst werde ich wohl gegen das Kultusministerium klagen müssen wegen ‚Misshandlung’ und Schmerzensgeld fordern. In meinen Schulen in der Kriegs- und Nachkriegszeit waren nämlich Ohrfeigen, ‚Tatzen’ und ‚Hosenspanner’ an der Tagesordnung. Wegen geringer Anlässe wurden wir ‚übergelegt’. Es war bisweilen schon schlimm. Dass ich aber deswegen schwer geschädigt sei und Anspruch auf Wiedergutmachung habe, das wird mir erst heute – 65 Jahre danach – klar. Auch meine eigene Mutter, die nach dem Krieg als Alleinerziehende uns vier Kinder durchzubringen hatte, werde ich wohl posthum verklagen müssen: ‚Zwangsarbeit’ hatten wir Kinder zu leisten im Haushalt, im Garten und in einer Handweberei. (…)“

„(…) Jetzt beklagen sich die inzwischen 60-jährigen Erwachsenen darüber dass sie schwer arbeiten mussten und behaupten, sie seien traumatisiert, sie klagen über zu wenig Zuwendungen. Die Erzieher konnten ja damals nicht jedem Kind tägliche Schmeicheleinheiten geben. Der Höhepunkt ist ja wohl, dass jetzt um Entschädigungen und Vergebung gebeten wird. Die Zöglinge sollten sich in erster Linie fragen, warum sie auf die Karlshöhe kamen und was für eine bessere Alternative es gegeben hätte. Es wäre erfreulich, wenn sich auch jemand zu Wort melden würde, der heute noch dankbar dafür ist, dass er auf der Karlshöhe aufgenommen wurde und dort einen guten Start in sein ferneres Leben erfahren hat.“

Die SchreiberInnen dieser Leserbriefe setzten ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen mit harten Erziehungsmethoden, der Mithilfe in Haushalt, Garten und Familienbetrieb gleich mit den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen, die in Heimen leben mussten. Die gehässigen und empörten Zwischentöne, die zeigen, wie die Stigmatisierung von Heimkindern bis in die unmittelbare Gegenwart weiterwirkt, will ich hier beiseite lassen. Es geht um den Vergleich der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in proletarischen und kleinbürgerlichen Familienverhältnissen einerseits, und in der Heim- und Fürsorgeerziehung andererseits.

Um diesen Vergleich geht es auch dem Autor der „Sachstandserhebung zur Situation von Heimkindern in katholischen Einrichtungen zwischen 1945 und 1975“, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erarbeitet wurde. Diese 117 Seiten starke Stellungnahme wurde im Mai 2008 vom Sekretariat der Bischofskonferenz dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags zugeleitet. Ich zitiere aus der Sachstandserhebung:

„Die gesamte Haltung gegenüber Kindern war eine andere. Dies bedeutete, dass ein Erzieher, der Kinder in Heimen schlug, meist auf Verständnis stoßen konnte, wenn er nicht gewisse Grenzen überschritt, da den Jugendlichen auch zu Hause Prügel, Arrest und vergleichbare Strafen drohten; im Einzelfall forderten Eltern die Heimerzieher bei Besuchen ihrer Kinder sogar auf, diese auch zu schlagen, falls sie nicht gehorsam ein sollten.“

Der Autor behauptet, es gäbe „keine Quelle, aus der sich mit Sicherheit entnehmen lässt, ob in einem Heim geschlagen wurde oder nicht“. Und dann schreibt er auf derselben Seite: „Zumindest in den fünfziger und sechziger Jahren erwarteten die Kinder und Jugendlichen, dass sie nach einer Verfehlung auch bestraft wurden. Sie akzeptierten dies, da mit der Strafe auch die Tat ‚verbüßt’ war und keine weiteren Sanktionen folgten. Sie kannten dies meist auch aus ihrem Elternhaus“.

Wenn Erzieher und Erzieherinnen in den Heimen geschlagen hätten, schreibt der Autor, konnten sie davon ausgehen, „dass sie den Kindern nicht schaden würden, da Schläge nach den damaligen Vorstellungen auch außerhalb der Heime nicht verpönt waren. Es bringt wenig aus der heutigen Erkenntnis heraus, Personen einer weit zurückliegenden Zeit zu beschuldigen, nicht so gehandelt zu haben, wie dies heute üblich sein sollte. Selbst Entschuldigungen scheinen unangebracht, denn warum soll sich jemand für eine Handlung entschuldigen, die unter damaligen rechtstaatlichen Verhältnissen nicht anfechtbar waren, nur weil dies heute anders gesehen wird.“

Der Autor bedauert zwar, dass es in den fünfziger bis neunziger Jahren keine andere Haltung zu den Problemen gab, hält es aber für verfehlt, „aus heutigen Überzeugungen heraus eine generelle Schuld derjenigen Personen anzunehmen, die gezüchtigt haben, da es für diese, innerhalb gewisser Grenzen, die allmählich seit den sechziger Jahren immer stärker eingeengt wurden – ein Recht zur Züchtigung gegenüber den Kindern und Jugendlichen gab, die ihnen anvertraut waren: Sei es, dass dieses bei den Eltern lag, oder sei es, dass dieses bei einer angeordneten Erziehung ausgeübt wurde (Schule oder Heim)“.

Das Fazit dieser Forderung lautet:

„Allgemein gilt wohl, dass die Heimerziehung in den fünfziger und in den sechziger Jahren auf Methoden und Vorstellungen der damaligen Zeit zurückgriff und – vielleicht abgesehen von geschlossenen Heimen und den daraus resultierenden Einschränkungen – nicht grundsätzlich autoritärer waren. Denn in Schulen, Internaten, aber auch im Elternhaus galten Disziplin, Gehorsam und Unterordnung als notwendige Mittel, um aus dem Kind und späteren Jugendlichen einen in der Gesellschaft brauchbaren, das heißt in der Arbeitswelt einsetzbaren Erwachsenen zu machen.“

Abschließend resümiert der Autor bezogen auf die gegen die Heimerziehung in kirchlichen Heimen erhobenen Vorwürfe:

„Es ist daher nicht korrekt, wenn bei den Beschuldigungen gegen konfessionell geführte Heime für die fünfziger bis siebziger Jahre von rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen ausgegangen wird, wie sie am Ende des zwanzigsten beziehungsweise zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland herrschen.“

Im September 2006 verteilte das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz an katholische Einrichtungen und Organisationen ein Papier mit dem Titel „Wahrscheinliche Fragen an die Kirche mit Bezug zur Problematik der ehemaligen Heimkinder und Antworten dazu (im Sinne von Sprachregelungen im kirchlichen Bereich)“. Darin wird vorgeschlagen, auf den Vorwurf der Zwangsarbeit von Jugendlichen in kirchlichen Erziehungsheimen folgendermaßen zu antworten: „In den damaligen Heimen waren Kinder und Jugendliche nicht als Arbeitskräfte eingesetzt. Es war jedoch üblich, dass die in den Heimen lebenden jungen Menschen in der Garten- und Landwirtschaft mitgeholfen haben. Das entsprach in aller Regel dem Maß, wie es zu dieser Zeit auch in den Familienhaushalten üblich war.

In den damaligen Erziehungsheimen, in denen Jugendliche untergebracht waren, gab es eine Arbeitstherapie. Das Ziel war, Jugendlichen (ab vierzehn Jahre) zu helfen, einen Arbeitsplatz zu bekommen beziehungsweise ihren Arbeitsplatz behalten zu können. Damit diese Arbeitstherapie möglichst realitätsgerecht geschah, wurden auch Aufträge der Industrie ausgeführt. Im Übrigen zählte damals – auch in Familien – mehr noch als heute die Eingliederung in einen Tagesablauf mit regelmäßigen Arbeitszeiten zu den pädagogischen Mitteln im Rahmen der Erziehung.

Die Heime waren keine Wirtschaftsbetriebe, sie verfolgten vielmehr pädagogische Zwecke, die man heute im Rahmen der Gemeinnützigkeit ansiedeln würde. Die von den jungen Menschen erarbeiteten Erträge dienten ausschließlich der Finanzierung ihres Heimaufenthalts.“

Der Autor der Sachstandserhebung (ein Historiker) und die Deutsche Bischofskonferenz benutzen in quasi wissenschaftlicher Sprache die gleiche Argumentation wie die Leserbrief-SchreiberInnen aus dem Württembergischen Evangelischen Gemeindeblatt. Diese Argumentation, die ich als rechts- und geschichtspositivistisch bezeichnen möchte, kann nur entwickelt und durchgehalten werden, weil die Stimmen der Ehemaligen, ihre veröffentlichten und auf anderen Wegen mitgeteilten Erfahrungsberichte, ihre Berichte im Rahmen der Anhörung im Petitionsausschuss ausgeblendet werden. An keiner einzigen Stelle der Sachstandserhebung werden die berichteten und dokumentierten Erfahrungen der Ehemaligen ernst genommen. Sie gehören für diesen, die Heimerziehung der vierziger bis siebziger Jahre erforschenden Historiker nicht zu den empirischen Grundlagen seiner Forschung. Im Gegenteil: Dort, wo an den Aussagen Ehemaliger nicht vorbeizukommen ist, werden diese durchgängig als unglaubwürdig infrage gestellt und in bestimmten Wendungen sogar diskriminiert. Dagegen werden die Stimmen solcher Ehemaligen, die über ihre Erfahrungen in der Heimerziehung positiv berichten, als glaubwürdig hervorgehoben.

In einer Sprachanalyse dieser bislang von katholischer Seite umfangreichsten Stellungnahme zur Heimerziehung der vierziger bis siebziger Jahre bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass der Autor der Sachstandserhebung Punkt für Punkt das „Sprachregelungspapier“ des Sekretariats der Bischofskonferenz vom September 2006 entlang der dort vorgegebenen Antworten abarbeitet. Ein klassischer Fall von Auftragsforschung. Darüber hinaus wird bei der Lektüre dieses Textes deutlich, dass der Autor sich weder mit der Theorie noch mit der Praxis der Heimerziehung des von ihm untersuchten Zeitraums auseinander gesetzt hat. Die Argumentation in der Sachstandserhebung ist von Anfang an darauf ausgerichtet, die kirchenoffizielle Sprachregelung „vom bedauerlichen Einzelfall“, mit der dem Vorwurf umfangreicher Menschenrechtsverletzungen und der Missachtung der Würde von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung begegnet werden soll, wissenschaftlich zu legitimieren.

Mit der Argumentation „Die Zeiten waren nun einmal so…“ wird im ersten Schritt versucht, das an Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung begangene Unrecht zu relativieren und zu minimieren, um im zweiten Schritt die Verantwortung für dieses Unrecht vom eigenen Handeln auf den „Zeitgeist“ übertragen zu können – den schließlich niemand für irgendetwas wirklich verantwortlich machen kann. Dabei ergibt sich allerdings ein nicht auflösbarer Widerspruch. In den Publikationen beider Kirchen beziehungsweise ihrer Trägerverbände zur Heimerziehung wird zu jedem Zeitpunkt betont, dass in kirchlichen Heimen aufgrund der an christlichen Werten orientierten Erziehungspraxis, Kindern, die in ihrem Herkunftsmilieu vernachlässigt und geschädigt worden sind, besonders wirksam und nachhaltig geholfen werden kann und „verwahrlosten“ Jugendlichen Orientierung, Halt und Zukunftsperspektiven gegeben werden könne. Mit dieser Begründung wurde das Subsidiaritätsprinzip verteidigt, die absolute Vorrangstellung in der öffentlichen Erziehung begründet und die staatliche Heimaufsicht über Jahrzehnte erfolgreich zurückgewiesen. Freilich kann man an diversen, die besonderen Qualitäten kirchlicher Heimerziehung anmahnenden Beiträgen in der konfessionellen Fachpresse auch erkennen, dass der Widerspruch zwischen religiös-theologischem Anspruch und erzieherischer Wirklichkeit durchaus bekannt und bewusst war. Mit dem Versuch, die Erziehungspraxis in kirchlichen Heimen dem „Zeitgeist“ anzulasten, wird nun das immer behauptete „Proprium“ oder „das Spezifische“ dieser Erziehung gerade geleugnet. Auf die rhetorische Frage in dem Sprachregelungspapier der Deutschen Bischofskonferenz „Wodurch unterschieden sich Heime in kirchlicher Trägerschaft von anderen?“ wird empfohlen zu antworten:

„Die Frage ist schwer zu beantworten, weil zum Einen die damaligen Heime weit überwiegend in kirchlicher Trägerschaft standen, zum Anderen oftmals auch die nicht von kirchlichen Trägern vorgehaltenen Heime von Ordensleuten geleitet waren. Es kommt hinzu, dass ethische Vorstellungen das handlungsleitende Bild vom Menschen – wie dann eben auch die daraus resultierende pädagogische Praxis – in den 1940ern bis Ende der 1960er Jahre in nahezu allen Bevölkerungskreisen, auch konfessionsübergreifend, in etwa gleich waren.

Daraus kann man den Schluss ziehen, dass in kirchlichen Heimen nicht anders erzogen und mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wurde, als in der damaligen Gesellschaft sonst auch. Die den Heimen heute oft zur Last gelegten strengen Erziehungsmethoden waren allgemein üblich und nicht besonders kennzeichnend für kirchliche Heime.“

Würde man dieser rechts- und geschichtspositivistischen Argumentation folgen, wäre eine Auseinandersetzug mit den Wirkungen und Folgen der Heimerziehung, mit der Vergangenheitsschuld der Jugendhilfe, weder nötig noch möglich. Die von mir zitierten Texte sind allerdings nur exemplarische Beispiele. Viele Verantwortliche der Kinder- und Jugendhilfe auch von öffentlichen Trägern benutzen in der Abwehr der Kritik und der Forderungen ehemaliger Heimkinder gleiche oder ähnliche Argumentationen. Auch darf bei der berechtigten Kritik an der Heimerziehung in kirchlicher Trägerschaft nicht vergessen werden, dass die Verhältnisse in staatlichen Heimen meist anders waren und der Staat die Gesamtverantwortung für die Heimerziehung hatte.

Die Kritik an den Verhältnissen und Zuständen in der Heimerziehung war zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte bekannt

Wer den skizzierten Weg der Legitimation von Versagen und Vergangenheitsschuld der Jugendhilfe der vierziger bis siebziger Jahre wählt, darf nicht zur Kenntnis nehmen oder muss aktiv unterschlagen, dass es seit den Anfängen organisierter und professioneller öffentlicher Erziehung von Kindern und Jugendlichen eine entwickelte Kritik an menschenunwürdigen und unter sozialpädagogischen Gesichtspunkten kontraproduktiven Verhältnissen, Sichtweisen und Methoden der Heimerziehung gegeben hat. In dem langen Jahrzehnt der Weimarer Republik waren die Heimerziehungs-Skandale ein Dauerthema. Ich erinnere an das von Piscator inszenierte Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“, an Peter Martin Lampels „Jungen in Not“, an Justus Erhardts „Straßen ohne Ende“, an Brandts „Gefesselte Jugend“, an die Debatten im Reichstag. Diese Kritik führte Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre zu einer beeindruckenden sozialpädagogischen Theoriediskussion und zu ersten Versuchen einer neuen Praxis. Zur historisch belegten Genugtuung der dominanten Erziehungskräfte in Staat, Kirchen und Verbänden wurde der Reformdiskurs und die ihn begleitende neue Praxis dann von den Nationalsozialisten mit einem Schlag beendet. Das autoritäre und menschenverachtende Anstaltssystem mit seinen die Menschen nach Brauchbarkeits- und Nützlichkeitskriterien selektierenden Klassifikationen erfuhr noch einmal, gegenüber der Zeit vor 1933, eine Verschärfung. Die Akteure dieser Zwangserziehung unter nationalsozialistischen Vorzeichen blieben nach dem Ende des NS-Systems ganz überwiegend in ihren Positionen in der Jugendhilfe, im gesamten Fürsorgesystem, in der Justiz, im Gesundheitswesen und auch in den einschlägigen Wissenschaften. Hinter den Anstaltsmauern arbeitete weitgehend dasselbe Personal mit denselben Sichtweisen und erzieherischen Praktiken wie vor dem 8. Mai 1945.

Die Forschung zur Geschichte der Sozialen Arbeit in Deutschland nach Nationalsozialismus und Krieg hat seit Mitte der achtziger Jahre die Gründe für diese von heute aus gesehen bestürzende Kontinuität umfangreich und in vielen Facetten untersucht. Eine ernstzunehmende zeithistorische Einordnung der Heimerziehung kann nicht von einer „Stunde Null“ in der Jugendhilfe ausgehen. Die jahrzehntelange Verweigerung notwendiger tiefgreifender Reformen im System der Heimerziehung werden, bei aller Bedeutung weiterer zeithistorischer Bedingungen und Tendenzen, ohne die Berücksichtigung dieses spezifisch deutschen Kontextes nicht zu verstehen sein.

Die 1933 durch Vertreibung, Berufs- und Publikationsverbote und anderen Formen existentieller Bedrohung mundtot gemachten Kritiker und Reformer, soweit sie überlebt hatten, äußerten sich nach 1945 mit Kritik am System und mit weitgehenden Reformvorschlägen. Ihnen ist es zu verdanken, dass es schon bald in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine entwickelte Kritik der Heimerziehung, als dem Kernstück der Jugendhilfe, gab. Zu jedem einzelnen Kritikpunkt wurden Verbesserungsbeziehungsweise Veränderungsvorschläge entwickelt, und es gab schon in den fünfziger Jahren alternative Praxis und einige als Modelleinrichtungen zur Reform der Heimerziehung konzipierte Heime. Die Landesjugendämter als „Fürsorgeerziehungs-Behörde“ waren seit Gründung der Westdeutschen Bundesrepublik gesetzlich verpflichtet, die Minderjährigen, für die Fürsorgeerziehung angeordnet war oder Freiwillige Erziehungshilfe vereinbart wurde, während der ganzen Zeit ihres Heimaufenthalts persönlich zu begleiten und sich über ihr Wohlergehen ständig zu informieren. Die kommunalen Jugendämter, die Kinder auf der Grundlage der Paragraphen 5 und 6 des Jugendwohlfahrtsgesetzes in Heimen „unterbrachten“, waren verpflichtet, sich über die Wirkungen der Heimerziehung auf diese Kinder auf dem Laufenden zu halten. Die Vormünder, die ihre Zustimmung zur „Unterbringung“ gaben, waren verpflichtet, ihre Mündel auch während ihres Heimaufenthalts zu begleiten, sich um ihr Whlergehen zu sorgen und sie vor Schädigungen zu schützen. Da alle „unehelich geborenen“ Kinder bis in die siebziger Jahre hinein automatisch einen Amtsvormund bekamen und diese Kinder eine sehr große Gruppe in der Heim- und Fürsorgeerziehung bildeten, trug das „Vormundschaftswesen“ insgesamt eine große Verantwortung für sehr viele Kinder und Jugendliche. 1961 hat die AGJJ mit ihrer Studie „Kinder ohne Familien – das Schicksal des unehelichen Kindes in unserer Gesellschaft“ darauf aufmerksam gemacht. Die Vormundschaftsrichter, die Fürsorgeerziehung anordneten, sollten die Jugendlichen anhören und sich ein umfassendes Bild von ihrer Situation machen. Die Jugendrichter, die im Wege eines Jugendstrafverfahrens Fürsorgeerziehung verhängten, waren verpflichtet, zu prüfen, ob die Anstalten, in die die Jugendlichen eingewiesen wurden, dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht gerecht werden konnten. Die öffentlichen und freien Träger der Heime waren verpflichtet, für optimale Rahmenbedingungen (Zustand und Einrichtung der Gebäude, leibliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen, einschließlich medizinischer Hilfen, Möglichkeiten zur Schul- und Berufsausbildung) und für eine das Wohl der Kinder achtende und die Belastungen aus ihrer Vergangenheit überwindende Erziehung durch ausreichendes und qualifiziertes Personal Sorge zu tragen. Die Heimleitungen waren verpflichtet, für die Umsetzung der entwickelten erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Standards durch ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu sorgen und darauf zu achten, dass die Würde der Kinder und Jugendlichen durch „harte Erziehungsmaßnahmen“ nicht verletzt wurde. Die Erzieherinnen und Erzieher waren verpflichtet, in ihrem unmittelbaren Umgang mit den Kindern und Jugendlichen eine unterstützende und behütende Pädagogik zu praktizieren, im Geiste des Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar…“ und der Leitnorm im RJWG „Jedes deutsche Kind hat ein Recht…“. Auf allen diesen Ebenen von Verantwortlichkeit haben sich Verantwortliche unverantwortlich verhalten. Das geltende Jugendrecht und die in der Kinder- und Jugendhilfe auch damals schon entwickelten Standards wurden in der Praxis der Heimerziehung und der „Wege ins Heim“ – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht verwirklicht.

Fazit: An den entscheidenden Stellen des Jugendhilfesystems, bei öffentlichen und privaten Trägern, fehlte die Einsicht und der politische Wille, die Kritik anzunehmen, sie ernst zu nehmen und die auf dem Tisch liegenden fachlich qualifizierten Vorschläge zu realisieren. (Vgl. dazu meine Stellungnahme als Sachverständiger im Petitionsausschuss vom Januar 2009)

Zur zeitgeschichtlichen Einordnung der Heimerziehung gehört eine Analyse und Bewertung dieses nicht zu übersehenden großen Widerspruchs zwischen fachlich auf hohem Niveau geführten Reformdebatten und den übermächtigen Beharrungstendenzen in der Administration, der materiellen Ausstattung der Heimerziehung bis hin zur alltägliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen und der auf Zwang setzenden Erziehung, die auf absoluten Gehorsam und Unterordnung setzte und mit einer bis in die letzten intimsten Bereiche eindringenden Fremdbestimmung, Demütigung und Erniedrigung bewirkte.

An dieser Starrheit des Systems arbeiteten sich über dreißig Jahre engagierte PädagogInnen, PsychologInnen, TherapeutInnen, TheologInnen aus allen Bereichen und Organisationen der Jugendhilfe ab. Wenn man ihre Beiträge, vor allem in den Periodika, aber auch in einer beachtlichen Reihe von Monographien chronologisch liest, fällt erstens auf, dass ihre Analysen und Veränderungsvorschläge in diesem über drei Jahrzehnte reichenden Zeitraum immer um die selben Punkte kreisen und im Laufe der Zeit, je länger die Reformverweigerung anhält, immer dringender von den „längst überfälligen“, „seit langem geforderten“, „endlich zu realisierenden“ Reformen geredet wird.

Man muss diesen Diskurs als fachlich entfaltete Kritik an einer schon seit Gründung der Republik einer demokratischen Gesellschaft, die in ihrer Verfassung auf die Menschenwürde setzt und sich als Alternative zu dem gerade überstandenen Schreckenssystem verstehen wollte, unwürdigen und von Anfang an nicht zu verantwortende Praxis lesen.

In dem jetzt laufenden Diskurs über die Heimerziehung der vierziger bis siebziger Jahre fällt mir auf, dass die in der Fachliteratur publizierten Reformvorschläge oft mit ihrer Realisierung in der Praxis gleichgesetzt werden – so, als hätten Administration, eimorganisation und Erziehungspraxis, nicht zu vergessen die am Anfang jeder Heimkarriere“ stehenden „Wege ins Heim“, nur auf diese Vorschläge gewartet, um sie umsetzen zu können. Das Gegenteil war der Fall. Eine wesentliche Voraussetzung wären haushalts- und jugendpolitische Entscheidungen von Bund, Ländern und Kommunen gewesen, die für systemverändernde Reformen notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen und mit jugend- und fachpolitischem Druck die Reformen einzuleiten und zu verstetigen. Das geschah nicht. Eine andere wesentliche Voraussetzung wären weit- und tiefreichende Bewusstseinsänderungen und entsprechende Veränderungen von Handlungskompetenzen beim Personal der Heime gewesen. Dazu kam es nicht, weil mächtige ideologische Barrieren dem entgegen standen, nicht in die sozialpädagogische Ausbildung investiert wurde und in der Folge die gesellschaftliche Stellung des Berufsstands „Heimerzieher“ so schlecht blieb wie eh und je. In der Fachliteratur jener Jahrzehnte wiederholt sich immer wieder die Klage über den großen Bruch von Theorie und Praxis und die am erzieherischen Personal (einschließlich der Heimleitungen) scheiternde Vermittlung von Theorie und Praxis. Zur Personalfrage, die jahrzehntelang im Mittelpunkt der Klagen über die „Heimmisere“ stand – und bis heute nicht befriedigend gelöst ist – gehörte nicht nur die Qualifikation und die Arbeitsbedingungen der sozialpädagogischen ErzieherInnen, sondern auch die der ArbeitserzieherInnen und der Wirtschafts- und Verwaltungsangestellten in den Heimen. Auch die Qualifikation der für die „Wege ins Heim“ verantwortlichen Fachleute in den Jugend- und Landesjugendämtern, im gesamten Vormundschaftswesen einschließlich der Gerichte und in der Jugendstrafrechtspflege war auf einem von heute aus gesehen bestürzend niedrigem Niveau, was Bewusstsein und nach fachlichen Standards gemessene Professionalität anbelangt.

Nach der Umwandlung der Fachschulen für Wohlfahrtspflege in Höhere Fachschulen für Sozialarbeit 1960/61 waren die SozialarbeiterInnen die in Deutschland bestausgebildeten Fachkräfte in allen Bereichen der Wohlfahrtspflege. Unter den AbsolventInnen dieser Ausbildungsstätte war eine ausgeprägte Ablehnung gegenüber einer Arbeit in der Heimerziehung verbreitet. (Vgl. dazu Kappeler/Keune 1964)

1972 veröffentlichte der Beltz-Verlag eine empirische Untersuchung über „Das Berufsbild des Heimerziehers“ in Heimen für „erziehungsschwierige Jugendliche“. Ich zitiere aus dieser Studie:

„Auf die Unhaltbarkeit des derzeitigen Ausbildungsniveaus der Erzieher – gemessen an den Anforderungen der Praxis – ist von verschiedener Seite hingewiesen worden. Hans Pfaffenberger stellt in diesem Zusammenhang die Frage, ‚ob nachweisbare Unterschiede in Größe, schwere oder Umfang der schulpädagogischen und der sozialpädagogischen Berufsaufgabe die bestehenden Unterschiede der Ausbildung rechtfertigen können oder ob nicht vielmehr der sozialpädagogisch-soziale Sektor als ,unterentwickelter Beruf einen ähnlichen Entwicklungsweg wie der Lehrer noch vor sich hat und alles daran setzen sollte, ihn möglichst schnell zu beschreiten, um der Vergleichbarkeit der Berufsaufgabe entsprechend eine vergleichbare Ausbildung jenseits des berufsbildenden Fachschulwesens zu erreichen.’

Curt Bondy zieht den Vergleich mit dem Lehrer, der eine dreijährige Ausbildung hat, und dem Arzt. der noch viel länger geschult werden muss, und fährt fort: ‚Es ist wirklich nicht zu verstehen, dass (…) der Heimerzieher, der mir Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die meistens sowohl körperlich als auch seelisch nicht in Ordnung sind, keine oder nur eine sehr geringe Ausbildung erhält’. Ebenso die internationale Gesellschaft für Heimerziehung; sie forderte auf ihrer Tagung über die Aus- und Fortbildung für Erzieher im Heim im Februar 1970: ‚Die Tätigkeit des Erziehers im Heim ist an der pädagogischen Aufgabe gemessen der des Lehrers gleichzusetzen. Dem ist sowohl hinsichtlich des Status wie der Besoldung Rechnung zu tragen’. Erklärungen dieser Art, die die Entsprechung der Tätigkeit des Heimerziehers und des Lehrers artikulieren, ließen sich noch weiter fortsetzen. – Interessanter scheint jedoch die Frage, wieso Ausbildungsstand und Besoldung in den Heimen noch immer katastrophal ungenügend sind. Bei dieser Fragestellung wird man das ganze Spektrum pädagogischer Arbeit mit Jugendlichen im Blick haben müssen. Es fällt auf, dass die Ausbildung der Erziehenden umso besser ist, je günstiger die Ausgangssituation der Jugendlichen ist. Das Kontinuum reicht vom Hochschullehrer über den Gymnasial- und Hauptschullehrer bis zum Heimerzieher und zum Vollzugsbeamten im Jugendstrafvollzug, dessen Qualifikation meist gleich Null ist, der seine überaus anspruchsvolle erzieherische – eigentlich therapeutische – Arbeit ausführt ‚ohne oftmals auch nur eine Ahnung von den Voraussetzungen jugendpädagogischer Arbeit zu haben’.“ (31f.)

Zur zeithistorischen Einordnung der Heimerziehung schlage ich zwei Wege der Annäherung vor:

1. Die Reformdebatte nicht als Reformvollzug, sondern als Kritik am Bestehenden zu lesen und

2. diese Kritik in Verbindung zu setzen mit den Berichten ehemaliger Heimkinder, die aus allen Bereichen der Heim- und Fürsorgeerziehung inzwischen zu Hunderten mündlich und schriftlich vorliegen und im Verlauf der Arbeit dieses Gremiums weiter anwachsen werden. Diesen Berichten gegenüber haben die Erinnerungen ehemaliger HeimleiterInnen, ErzieherInnen und JungendamtsmitarbeiterInnen weniger aufklärerisches Gewicht.

Diese brisante These will ich etwas genauer begründen.Der Psychoanalytiker und Traumatologe Prof. Gerion Heuft, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster, berichtete im Petitionsausschuss über Langzeitfolgen traumatischer Erfahrungen. Im Unterschied zu anderen konflikthaften Erfahrungen würden solche realitätsnäher, das heißt ohne sekundäre Bearbeitung, im Gedächtnis aufbewahrt und können offensichtlich auch  nach Jahrzehnten plötzlich wieder „vor Augen stehen“. Er belegte diese Mitteilung mit Beispielen aus seiner Praxis.Die Traumaforschung hat seit den achtziger Jahren beeindruckende Erkenntnisse über auslösende Situationen für dieses plötzliche, oft schockartige Reaktionen bewirkende, „Auftauchen“ traumatisierender Erfahrungen aus lange zurückliegenden Lebensabschnitten erbracht. Traumatisierendes Erleben wird, um weiter leben, um überleben zu können, gleichsam psychisch eingekapselt, abgedichtet und, psychoanalytisch gesprochen, im Vorbewussten aufbewahrt. Es wird nicht, wie neurotische Konflikte, verdrängt und damit ins Unbewusste geschoben, wo sie bekanntlich virulent bleiben, sondern eher wie ein gründlich verlegtes Fotoalbum, scheinbar „zufällig“ wiederentdeckt. Ein ganzes Arsenal von Erinnerungen wird damit geöffnet. Allerdings erfolgt dieses plötzliche Auftauchen der Bilder nicht so zufällig, wie es den von ihren Erinnerungen buchstäblich „Heimgesuchten“ selbst und Außenstehenden erscheinen mag. Situationen, Begegnungen, Bilder, Gebäude, die jetzt die oft dramatischen Erinnerungen bewirken, haben diese Wirkung über Jahrzehnte nicht gehabt. Sie werden erst in Schwellensituationen des Lebens, mehrheitlich in der zweiten Lebenshälfte an der Schwelle des Alters oder im Alter zu auslösenden Faktoren. Wir Älteren wissen aus eigener Erfahrung, dass im Rückblick auf ein langes Leben Fragen nach dem Sinn des Lebens zunehmen und Bilanzierungen versucht werden. In unserem Langzeitgedächtnis entdecken wir dann, wenn wir es zulassen, längst vergessen geglaubte Bilder, Erlebnisse, Ereignisse, sinnliche Erfahrungen mit einer verblüffenden Schärfe und Genauigkeit.

Aber für die meisten älter werdenden Menschen handelt es sich dabei nicht um Bilder aus dem überlebensnotwenigen, bislang hermetisch verschlossenen psychischen Bereich für traumatisierende Erfahrungen und den ihnen entsprechenden Gefühlen von Ausgeliefertheit, Hilflosigkeit, Verlassenheit, Entblößung, Beschämung und Scham – sondern um in der Regel zwar ambivalente, aber überwiegend positiv besetzte Erinnerungen, die, nach allen retrospektiven Begradigungen – nach dem frommen Motto „Vom Ziel her gesehen sind Gottes Wege immer gerade“ – unterm Strich eine positive Lebensbilanz zulassen.

Die Vorbereitungsgruppe des „Tags der Erinnerung“ in der Diakonischen Anstalt „Karlshöhe“ (Ludwigsburg) hat im Februar 2009 einen Fragebogen entwickelt, in dem zu wichtigen Fragen des Heimalltags ehemaliger „Zöglinge“ (Jungen und Mädchen) und ehemaliger ErzieherInnen gleichlautende Fragen gestellt wurden.

An den Antworten der ehemaligen Heimkinder und der ehemaligen ErzieherInnen der Karlshöhe in den ausgewerteten Fragebögen hat mich dieser Unterschied am stärksten berührt. Die Bilanz der ErzieherInnen bezogen auf die Bedeutung der Karlshöher Zeit für ihr Leben, ist „im Ganzen“ deutlich positiv. Die Bilanz der Heimkinder und Jugendlichen ist dagegen ebenso „im Ganzen“ negativ. Das schließt die auf beiden Seiten geäußerten Ambivalenzen mit ein. Die Bilanz der ehemaligen Heimkinder und Jugendlichen bleibt auch nicht, wie bei den Erzieherinnen und Erziehern im Allgemeinen, sondern geht mit einer teilweise beeindruckenden Klarsicht ins Einzelne und Konkrete.Der Unterschied in den Lebensbilanzen der ehemaligen Heimkinder zeigt, bei allen subjektiven und individuellen Akzentuierungen, nicht zufällig so große Übereinstimmungen bis in die Details des täglichen Lebens. Diese Übereinstimmungen haben objektive Gründe und lassen Rückschlüsse auf Strukturen zu. In den Bilanzen der ErzieherInnen dominieren, aus vielerlei Gründen, andere Erinnerungen mit anderen Bearbeitungsformen, die die Verhältnisse der Heimerziehung, unter denen sie arbeiten mussten und ihre in diesen Verhältnissen praktizierte Erziehungsarbeit in der Regel als „bestandene Bewährungsprobe“ interpretieren, in der sie sich, trotz großer Belastungen durch die Arbeitsbedingungen und die Kinder „behauptet“ haben.

Aber auch ErzieherInnen haben in der Heimerziehung der vierziger bis siebziger Jahre traumatisierende Erfahrungen machen müssen. Für sie ist es sehr schwer, heute offen und selbstkritisch über ihre Sichtweisen und Handlungen im Berufsalltag jener Jahre zu reden. Wie vielen ehemaligen Heimkindern schließt auch ihnen die Scham den Mund und möglicherweise sogar die Erinnerung.

Aber die Scham der Erziehenden ist eine andere als die der „Zöglinge“. Während die der „Zöglinge“ aus verinnerlichten Schuldzuschreibungen und gesellschaftlichen Unwert-Urteilen resultiert, hat die Scham der Erziehenden ihre Wurzeln im „pädagogischen Gewissen“ und im Erschrecken vor dem Leiden, das sie den ihnen zur Unterstützung, zu Hilfe und Geborgenheit anvertrauten Kindern und Jugendlichen angetan haben. Dieses Versagen sich selbst, den ehemaligen Heimkindern und möglicherweise in der gegenwärtigen Auseinandersetzung einer breiteren Öffentlichkeit einzugestehen, erfordert große Selbst-Aufrichtigkeit und sehr großen Mut. Ein solcher Schritt ist in jedem Fall ein Wagnis und wird nicht ohne seelische Erschütterungen möglich sein. Man kann dieses Wagnis durchaus mit dem der ehemaligen Heimkinder – wenn sie über ihre Erfahrungen zu reden beginnen – vergleichen, wenn auch die Hintergründe und die Folgen sehr verschieden sind.

In den Kinderheimen und Fürsorgeerziehungsheimen der vierziger bis siebziger Jahre wurden vor allem solche Erzieherinnen und Erzieher traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt, die mit pädagogischem Eros oder gar mit dem Vorsatz, diese Verhältnisse zu ändern, in diesen Totalen Institutionen ihren berufliche Weg begannen. Am 22.1.2009 widmete der Deutschlandfunk die Sendung „Hintergrund Politik“ (18.40 Uhr bis 19 Uhr) dem Schicksal der ehemaligen Heimkinder. In der Sendung wurde auch auf die Situation der ErzieherInnen eingegangen:

„Dennoch ergriffen junge Erzieherinnen und Erzieher manchmal auch für jene Partei, die ihnen anvertraut waren. Eine Chance hatten sie jedoch nicht. Das System Heimerziehung funktionierte nur, indem auch Mitarbeiter, die andere Vorstellungen von ‚Fürsorge’ hatten, gebrochen wurden. Dietmar Krone erzählt, wie junge, freundliche Erzieher sehr schnell, von heute auf morgen, verschwanden. Und Hans Bauer (der ehemalige Leiter des Evangelischen Erziehungsverbandes wurde von der Niedersächsischen Landesbischofin Käßmann mit einer Untersuchung über die Fürsorgeerziehung und Heimerziehung in kirchlichen Einrichtungen beauftragt, M.K) hat in seinen Ermittlungen auch mit ehemaligen Mitarbeitern in Heimen gesprochen, unter anderem mit einer heute Siebzigjährigen, die Anfang der sechziger Jahre in einem Heim für Mädchen tätig war. Sie erzählt, dass sie morgens ‚Unruhe in der Gruppe hatte und dann kam der Pastor, der der Leiter dieser Einrichtung war, und hat das moniert und hat dann ihre Hand genommen und gesagt: Und diese Hand kann hier keine Ruhe schaffen? Dann hat er dem Mädchen, das da ein bisschen laut war, einen Pantoffel ausgezogen und es kräftig zusammengeschlagen, dass das Mädchen wimmernd auf dem Boden lag, hat einem anderen Kind befohlen, einen Eimer kaltes Wasser zu holen, hat das Wasser über das Kind gekippt und hat die junge Erzieherin angeguckt und gesagt: Und das konnten Sie nicht’!?“

Ehemalige Erzieherinnen und Erzieher haben mir berichtet, dass sie gegen ihre pädagogische Überzeugung und ihre ethischen Norme bereits nach wenigen Monaten ihrer Arbeit im Heim angefangen haben, Kinder zu schlagen. Ich zitiere aus dem Bericht einer Ordensschwester:

„Ich habe als junge Nonne Heime gesehen, in denen kleine Kinder untergebracht waren, ausgestoßen und allein gelassen. Ich war damals erschüttert, und ich schwor bei Gott, dass ich diesen Kindern helfen wollte. Sie sollten sich im Heim wohl fühlen, das Heim sollte für sie ein Zuhause sein. Ich wollte ihnen helfen, im Namen Gottes, im Namen der christlichen Nächstenliebe. Bei meinen Besuchen in katholischen Heimen habe ich Nonnen und weltliche Erzieher erlebt (…). Ich sprach damals mit ihnen, bevor ich selbst im Heim arbeitete. Sie redeten alle von Nächstenliebe, aber ich hatte den Eindruck, dass sie davon nur redeten und gerade das Gegenteil von dem praktizierten: Sie schlugen aus nichtigen Anlässen auf kleine Kinder ein oder verhängten Strafen. Sie waren einfach sehr autoritär, und was mir besonders auffiel: Sie waren alle fast nicht in der Lage, Kinder wirklich zu lieben!

Als ich dann selbst im Heim arbeitete, wollte ich nicht dieselben Fehler machen. (…) Doch schon bald hatte ich meinen Vorsatz aufgegeben. Ich verhielt mich den Kindern gegenüber ebenso wie die anderen Nonnen. Auch ich fing an, Kinder zu schlagen, zu bestrafen, sie mit Sanktionen zu belegen. Und ich wusste – wie alle Nonnen und Erzieher auch – dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns, unseren Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert!

Wir haben alle bei den Kindern eine große Angst verbreitet. Die Angst beherrschte ihre Seele und ihren kleinen Körper und ihr junges Leben. Ich hatte geglaubt, diese Mittel einsetzen zu dürfen, weil ich mit der ganzen Situation nicht mehr fertig wurde.Wir konnten nicht anders; wir hatten einfach keine anderen Möglichkeiten, ihnen zu helfen, wir hatten ja auch keine pädagogische Ausbildung. Wir dachten: Wenn wir die Kinder einer strengen religiösen Erziehung unterwerfen, so wäre das tatsächlich die beste Hilfe, die man ihnen zuteil werden lassen kann. Doch ich muss sagen: Ich war wie alle anderen Nonnen und Erzieher einem großen Irrglauben, ja einem Wahnsinn verfallen. Wir alle glaubten, dass das die beste Erziehung ist. Wir dachten uns nichts dabei, die Kinder streng anzufassen, auch mal zuzuschlagen, sie zu irgendetwas zu zwingen. Wir haben den Kindern immer wieder gesagt, dass wir sie im Namen von Jesus Christus erziehen und ihnen helfen wollen. Doch in Wirklichkeit haben wir – auch wenn diese Erkenntnis schmerzlich ist! – gegen diese christlichen Grundsätze verstoßen. Wir sind nicht auf die Kinder zugegangen wie Menschen, sondern wir haben sie innerlich irgendwie abgelehnt (…).

Das Heim, in dem ich arbeitete, war ein katholisches Heim. Gott war das Fundament der Erziehung! (…) Durch die Drohung mit Gott hatten wir die Kinder unter Kontrolle, auch ihre Gedanken und Gefühle. Ist das nicht das Ziel jeder konfessionellen Erziehung, jedes konfessionellen Heimes? (…)

Erst vor kurzem hatte ich wieder einen dieser Träume: Ich sah wieder, wie ich einen etwa sieben Jahre alten Jungen bei der Selbstbefriedigung erwischte. Ich war außer mir und stellte ihn zur Rede. Doch das Kind begriff nichts. Meine Wut wurde immer größer, und ich zog ihn an den Haaren in den Duschraum. Dort habe ich kaltes Wasser in eine Wanne einlaufen lassen und den Jungen mit Gewalt dort hinein gezerrt und ihn viele Male untergetaucht. (…) Es sind schreckliche Szenen, ich weiß! Doch was hilft das denn heute noch den Betroffenen – nichts! (…)

Wir haben viele Fehler gemacht. Es war für die Kinder teilweise eine furchtbare, grauenhafte Zeit; es war ein großes Vergehen ihnen und Gott gegenüber. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich weiß, was es für ein Kind bedeutet, überhaupt in einem Heim leben zu müssen und dann noch unter solchen schlimmen Bedingungen. Ich kann es, wenn überhaupt, nur erahnen. (aus: Homes 1984).

Wie dieser Nonne geht es anderen Erzieherinnen und Erziehern, die mir berichtet haben, dass sie noch heute, nach Jahrzehnten, in Albträumen von den Bildern ihrer Gewalttätigkeit gegenüber Kindern und Jugendlichen gepeinigt werden. In der Anhörung des Petitionsausschusses berichtete ein Petent über ein Gespräch mit einem seiner ehemaligen Erzieher. Dieser hatte ihm gesagt:

„Die Gesamtheit musste ja funktionieren, sonst waren da sehr schnell chaotische Zustände, die man zu verhindern hatte. Wenn man als Erzieher einen Ruf hatte, bei dem geht es drunter und drüber, das war ein schlechtes Image für einen selber, von daher stand man schon unter dem Zwang, in seiner Gruppe Ordnung zu haben, und das ließ sich bei der Masse von Kindern oft nur mit Gewalt durchsetzen. (…) Ich sage heute, ich habe mich schuldig gemacht, das tut mir heute noch weh, die Jahre, die man da Menschen misshandelt hat, aber als eigene Entlastung kann man sagen:

Es war damals in der Zeit noch so, und die Zustände waren einfach heillos. Was da für Deformierungen von jungen Menschen passiert ist, das kann man nicht wieder gutmachen, das ist schuldhaft, nur dass man es nicht als Schuld einsieht von den Mitarbeitern, die dieses System verkörpert haben, das wird heute noch nicht als Schuld gesehen, ich persönlich muss sagen: Ich sage mir manchmal, was sind wir doch für erbärmliche Leute gewesen, dass wir so reagieren mussten. Man hätte ja auch auf die Barrikaden gehen können.“

Der Beitrag ehemaliger Erzieherinnen und Erzieher wird für die zeitgeschichtliche Einordnung der Heimerziehung und für die aufklärende Arbeit des Runden Tisches unverzichtbar sein.

Resümee

Die Behauptungen, „Die Zeiten waren nun einmal so…“ und „Die Heimerziehung war auch nicht anders als die in der Gesellschaft üblichen Verhältnisse“ und „Man kann nicht mit Maßstäben von heute die Heimerziehungspraxis der vierziger bis siebziger Jahre beurteilen“, werden durch eine zeithistorische Einordnung der Heimerziehung widerlegt. Diese Behauptungen sind aber auch bezogen auf das gesetzlich festgelegte Ziel der Heimerziehung und ihr formuliertes Selbstverständnis nicht haltbar.

Die Heimerziehung hatte den eindeutig definierten Auftrag, die Kinder und Jugendlichen, die zum ganz großen Teil aus „unterpriviligierten Lebensverhältnissen“ kamen, nicht noch unter diese Verhältnisse zu drücken, sondern sie darüber hinaus zu heben und ihnen eine Perspektive auf ein gelingendes Leben auf der Ebene des durchschnittlichen Reproduktionsniveaus der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu eröffnen

Literatur

Damm / Fiege / Hübner u.a. (1978). Jugendpolitik in der Krise – Repression und Widerstand in Jugendfürsorge – Jugendverbänden – Jugendzentren – Heimerziehung. Materialien zum Jugendhilfetag 1978. Frankfurt am Main

Homes, Markus (1984). Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft? Frankfurt am Main

Kappeler, Manfred / Keune, Wilhelm (1964). Ist eine Tätigkeit im Heim für den Sozialarbeiter noch interessant? In: Unsere Jugend 12/1964Müller-Kohlenberg, Hildegard (1972). Das Berufsbild des Heimerziehers. Eine empirische Untersuchung in Heimen für erziehungsschwierige Jugendliche. Weinheim und Basel

Thiersch, Hans (1977). Kritik und Handeln – interaktionistische Aspekte der Sozialpädagogik. Neuwied

(Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kappeler gehalten am „Runden Tisch“, 02./03.04.2009)

In den fünfziger bis siebziger Jahren war die Heimerziehung/Fürsorgeerziehung das wichtigste Teilsystem der Kinder- und Jugendhilfe und zugleich sein Schluss-Stein, von dem her das ganze sogenannte „Vor-Feld“ bestimmt wurde.

Das Unrecht, das Kindern und Jugendlichen in diesem System zugefügt wurde, ist nicht nur die Schuld einzelner Menschen. Diese Schuld betrifft die Vergangenheit der Bundesrepublik insgesamt, einen großen Abschnitt ihrer Geschichte. Sie verdunkelt die nachfolgende Gegenwart und macht Vergangenheitsschuld zu einem generationenübergreifenden Thema in der Sozialen Arbeit.

Der juristische Schuldbegriff bezieht sich „auf Handlungen und Unterlassungen, die im Widerspruch zu Normen des geltenden Rechts stehen“, der alltägliche Begriff der Schuld bezieht sich auf die Verletzung anderer Normen, „Normen der Religion, der Moral, des Takts, der Sitte und des Funktionierens von Kommunikation und Interaktion.

Beide Male wird an das eigene Verhalten eines Einzelnen angeknüpft und für den Schuldvorwurf vorausgesetzt, dass der Einzelne sich normwidrig verhalten hat, obwohl er zu normgemäßem Verhalten fähig war.“ (Schlink 2002, 12).

Die Behauptung, die TäterInnen seien „Kinder ihrer Zeit“, sie handelten in Übereinstimmung mit den „gängigen Vorstellungen von Erziehung und mit dem vorherrschenden Bild von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen“, sie hätten in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung nur die Erziehung praktiziert, die auch außerhalb der Einrichtungen in der Gesellschaft „üblich“ gewesen sei, bezweckt eine Generalamnestie, die das „System“ entlasten soll. Es kann nachgewiesen werden, dass es zu allen Zeiten, besonders aber in der Deutschen Nachkriegsgeschichte, eine entwickelte Kritik an menschenunwürdigen und unter sozialpädagogischen Gesichtspunkten kontraproduktiven Verhältnissen, Sichtweisen und Methoden gegeben hat. Es gab zu jedem einzelnen Kritikpunkt Verbesserungs- beziehungsweise Veränderungsvorschläge und es gab eine alternative Praxis, bis hin zu als Modelleinrichtungen zur Reform der Heimerziehung konzipierten Heimen. Die wissenschaftlich-fachliche Kritik und die alternative Praxis als praktische Kritik können dokumentiert werden.

Die Landesjugendämter als „Fürsorgeerziehungs-Behörde“ waren gesetzlich verpflichtet, die Minderjährigen, für die Fürsorgeerziehung angeordnet war oder freiwillige Erziehungshilfe vereinbart wurde, während der ganzen Zeit ihres Heimaufenthalts persönlich zu begleiten und sich über ihr Wohlergehen ständig zu informieren. Die kommunalen Jugendämter, die Kinder auf der Grundlage der Paragraphen 5 und 6 des Jugendwohlfahrtsgesetzes in Heimen „unterbrachten“, waren verpflichtet, sich über die Wirkungen der Heimerziehung auf diese Kinder auf dem Laufenden zu halten. Die Vormünder, die ihre Zustimmung zur „Unterbringung“ gaben, waren verpflichtet, ihre Mündel auch während ihres Heimaufenthalts zu begleiten, sich um ihr Wohlergehen zu sorgen und sie vor Schädigungen zu schützen.Da alle „unehelich geborenen“ Kinder bis in die siebziger Jahre hinein automatisch einen Amtsvormund bekamen und diese Kinder eine sehr große Gruppe in der Heimund Fürsorgeerziehung bildeten, trug das „Vormundschaftswesen“ insgesamt eine große Verantwortung für sehr viele Kinder und Jugendliche. Die Vormundschaftsrichter, die Fürsorgeerziehung anordneten, waren verpflichtet, die Jugendlichen anzuhören und sich ein umfassendes Bild von ihrer Situation zu schaffen. Die Jugendrichter, die im Wege eines Jugendstrafverfahrens Fürsorgeerziehung verhängten, waren verpflichtet, zu prüfen, ob die Anstalten, in die die Jugendlichen eingewiesen wurden, dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht gerecht werden konnten. Die öffentlichen und freien Träger der Heime waren verpflichtet, für optimale Rahmenbedingungen (Zustand und Einrichtung der Gebäude, leibliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen, Möglichkeiten zur Schul- und Berufsausbildung) und für eine das Wohl der Kinder achtende und die Belastungen aus ihrer Vergangenheit überwindende Erziehung durch qualifiziertes Personal Sorge zu tragen. Die Heimleitungen waren verpflichtet, für die Umsetzung der entwickelten erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Standards durch ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu sorgen und darauf zu achten, dass die Würde der Kinder und Jugendlichen durch „harte Erziehungsmaßnahmen“ nicht verletzt wurde. Die Erzieherinnen und Erzieher waren verpflichtet, in ihrem unmittelbaren Umgang mit den Kindern und Jugendlichen eine unterstützende und behütende Pädagogik zu praktizieren, im Geiste des Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Auf allen diesen Ebenen von Verantwortlichkeit haben sich Verantwortliche „normwidrig“ verhalten. Sie sind schuldig geworden, weil sie zu „normgemäßem Verhalten“, zu dem sie das geltende Jugendrecht und die in der Kinder und Jugendhilfe auch damals schon entwickelten Standards verpflichteten. Ein Anwalt St Gallen kann helfen, diese Rechte durchzusetzen.

a

Gegen das ihnen in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung zugefügte Unrecht haben Kinder und Jugendliche zu allen Zeiten, also auch schon vor der Heimkampagne Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, Widerstand geleistet. Die Zeugnisse dieses Widerstands, diese Kritik an einer menschenfeindlichen „Schwarzen Pädagogik“ in Einrichtungen der Jugendhilfe“ müssen gesammelt und dokumentiert werden. Sie sind ein authentischer Beleg für das Unrechtssystem, für die Stimme der Opfer, die in der Fach- und allgemeinen Öffentlichkeit hätte gehört werden können, aber nicht gehört wurde.

a

An diesem Punkt geht es um gesellschaftliche, historische Schuld, die analysiert werden muss. Es geht um die Offenlegung der Ideologien, Strukturen und Interessen, die dieses System produzierten und aufrecht erhielten und es geht darum, aus dieser Analyse für Theorie und Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe heute pädagogische und politische Konsequenzen zu ziehen:a) Bezogen auf die moralische und materielle „Wieder-Gut-Machung“ in der Form von vorbehaltloser Entschuldigung für das zugefügte Leid und materieller Entschädigung für zerstörte Lebenschancen und konkrete finanzielle Einbußen, zum Beispiel bei der Höhe der Rente.

Schuld haben nicht nur die unmittelbaren Täter, sondern auch die Verantwortlichen für das „System der Totalen Institutionen“ und alle, die Widerstand und Widerspruch unterlassen haben, obwohl sie dazu fähig waren. Die Grundlage für ihre Schuld ist die Norm: Verbrechen nicht nur nicht zu begehen und sich nicht an ihnen zu beteiligen und nicht von den Taten anderer zu profitieren, sondern ihnen mit Widerstand und Widerspruch entgegen zu treten. Das hat nichts mit „Kollektivschuld“ zu tun (vgl. Schlink a.a.O.).

Die Angehörigen der nächsten Generationen in der Jugendhilfe, das wären auf jeden Fall alle Professionellen unterhalb des fünfzigsten Lebensjahres, sind weder TäterInnen noch TeilnehmerInnen oder NutznießerInnen des Jugendhilfeunrechts der dreißig Jahre nach Krieg und Faschismus in Deutschland, noch konnten sie diesem Unrecht durch Widerspruch und Widerstand begegnen. Dennoch sind sie aufgefordert, sich betreffen zu lassen und als Angehörige eines Hilfesystems und einer Profession, die das Unrecht an Kindern und Jugendlichen zu verantworten hatte, Kritik und Scham bezogen auf diese Vergangenheitsschuld zum Ausdruck zu bringen. Ihre Betroffenheit kann sich zeigen bei der Konfrontation mit allen Spuren dieser Geschichte der Jugendhilfe: Dokumenten, Berichten, vor allem aber in der Begegnung mit den Opfern, die sie nicht meiden sondern suchen sollten.

a

Sie können dem Selbstgerechten und Selbstzufriedenen auftrumpfen, dem Verharmlosen, der zweiten Viktimisierung der Opfer, dem Sich-Herausreden mit der Rede „vom bedauerlichen Einzelfall“, an ihrem Arbeitsplatz, aber auch in der Fach- und allgemeinen Öffentlichkeit entgegentreten. Sie können auch die Selbstorganisation der Ehemaligen aus der Heim- und Fürsorgeerziehung unterstützen, zum Beispiel bei der Suche und Sicherung von historischen Materialien in den Institutionen der Jugendhilfe, besonders bei der Entdeckung und Sicherung von Akten der Jugendämter, des Vormundschaftswesens, der Gerichte, der Psychiatrie und der Heime beziehungsweise ihrer Träger selbst. Die Beteiligung der jüngeren Generation in der Jugendhilfe hat berufsethische Begründungen und ist ein Ausdruck des Respekts, der Wertschätzung, des professionellen Takts.

a

Es gibt auch berufliche Anstandsregeln für die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit.Die dominante Reaktion der Politik in Deutschland nach 1945, schreibt Bernhard Schlink, sei die umfassend praktizierte Strategie des „Aussitzens der schuldbeladenen Vergangenheit“ gewesen, in der Hoffnung, dass mit der Zeit die „Angelegenheit“ erledigt sein werde. Bezogen auf zeitgeschichtliche Vorgänge und Erfahrungen werde die „Halbwertzeit der Erinnerung“ immer kürzer. Es besteht die Gefahr, dass die Kinder- und Jugendhilfe der Gegenwart diesen Umgang mit der Vergangenheitsschuld wiederholt. Die Reaktionen auf die Initiative des Vereins der ehemaligen Heimkinder und auf die Versuche einzelner Ehemaliger, für das erfahrene Leid Genugtuung zu bekommen, sind dafür ein bedrückendes Beispiel.

a

Auch von Fachkräften der Jugendhilfe habe ich gehört, dass sie von alledem nichts wussten und sich nicht vorstellen können, dass es „so etwas“ in der demokratischen Bundesrepublik gegeben haben könnte. Systematische Missachtung der Menschenrechte und Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen in der Geschichte der Bundesrepublik passt nicht in das Bild, in den Trend zur Herstellung einer bundesrepublikanischen Identität nach dem Untergang der DDR. Dafür ist nur das Unrecht der SED-Diktatur, auch auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe, speziell der Heimerziehung, nützlich und willkommen. Alle Versuche der Verharmlosung, der Minimierung, der Legitimation, und des Leugnens beziehungsweise Nicht-Wissens sind Bestandteile einer Identitätspolitik, die nicht zuletzt von Vergangenheitsschuld entlasten soll. Während diese Entlastung bezogen auf Krieg und Faschismus mit dem Hinweis, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erst danach und als Alternative zu dem Vor-Her begonnen habe, wofür regelmäßig als Beleg das Grundgesetz mit seinen die Menschenwürde schützenden Freiheitsrechten bemüht wird, bei den heute Gesellschaft und Staat tragenden Altersgruppen weitgehend funktioniert, wird das massenhafte Unrecht an Kindern und Jugendlichen innerhalb der nach-faschistischen, demokratisch verfassten Geschichte der Bundesrepublik zu einem wirklichen Problem für die Identitätspolitik; auch für die Kinder- und Jugendhilfe und darüber hinaus der ganzen Sozialen Arbeit.

a

Diese Identitätspolitik versucht, den Zusammenhang von Schuld und Geschichte zu zerreißen. Aber dieser Zusammenhang lässt sich nicht zerreißen, er lässt sich nur verleugnen. Was für die Rechtswissenschaft nach 1945 die „Naturrechtsrenaissance“ (Schlink) als vermeintliche Alternative zum NS-Rechtspositivismus war, das war für die Soziale Arbeit die zentrale Kategorie „Hilfe“ und die Selbstdefinition als „helfende Profession“. Aber auch die eugenische bevölkerungspolitische Orientierung der Sozialen Arbeit bis 1945 und in Teilen darüber hinaus operierte im Zeichen der „Hilfe“. Mit dieser Selbstdefinition, die als das „Eigentliche“ der Sozialen Arbeit von den Anfängen bis zur Gegenwart verstanden wird, wird versucht, die Integrität der Profession gegen die historische Schuld zu setzen und damit diese zu leugnen. Rechtshistorisch gäbe es einen weitergefassten Begriff von Verantwortung, Haftung und Sühne als er in unserem juristischen Schuldbegriff enthalten sei, schreibt Bernhard Schlink. Das Problem liege darin, dass das kollektive Eintreten für eine Schuld, die lediglich individuell und subjektiv definiert wird, nicht vorgesehen sei und im Verantwortungs-Horizont nicht erscheine.

Da für die Angehörigen der nachgeborenen Generationen, die Übernahme von Verantwortung für die Geschicke der Opfer nicht aus einem individuellen Schuldbegriff abgeleitet werden könne, müsse es, so Schlink, aus einem Verantwortungsbegriff beziehungsweise einem Verantwortungsbewusstsein hergeleitet werden, das sich mit der Verantwortung des Gemeinwesens für das Leiden der Opfer und seine „annäherungsweise Behebung“ ethisch begründen lässt. Im Opferentschädigungsgesetz, in der Arbeit des „Weißen Ringes“ kommt dieser Gedanke zum Ausdruck. Allerdings beziehen sich diese Ansätze nicht auf Unrecht, das Einzelnen oder Gruppen im Namen des Staats geschehen ist. Sie setzen immer den Einzeltäter und die Einzelfallprüfung voraus. Dass sich die politischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland mit der Anerkennung und Entschädigung von Unrecht auseinander setzen müssen, das in ihrem eigenen Namen geschehen ist, wie es bei den ehemaligen Heimkindern/ Fürsorgezöglingen der Fall ist, ist, soweit ich sehen kann, bislang noch nicht vorgekommen. Das erklärt meines Erachtens auch die politische Brisanz des Vorgangs.Es handelt sich um einen echten Präzedenzfall, dem weitere folgen können:Knastopfer, Psychiatrieopfer, Opfer des Pflegesystems.Bezogen auf das nationalsozialistische Deutschland und die DDR gibt es eine Reihe von Unrechtstatbeständen, für die politische und juristische „Lösungen“ gefunden wurden. Aber das waren in jedem Fall Opfer von Unrechtsstaaten, von Unrechtsystemen, von Staaten also, zu denen sich, wie gesagt, die Bundesrepublik Deutschland als Alternative und, historisch betrachtet, als deren Überwindung, nicht aber als deren Nachfolge betrachtet. Das genau ist das Problem. Die Heimerziehung in den vierziger bis siebziger Jahren als ein postfaschistisches System zu bezeichnen, das strukturell auf die Missachtung von Menschenwürde und Menschenrechten angelegt war, was wissenschaftlich unschwer zu belegen ist, wird von PolitikerInnen und Jugendhilfe-Verantwortlichen in der Regel mit Empörung zurückgewiesen (vor allem bezogen auf die von Jugendlichen geleistete Zwangsarbeit in der Fürsorgeerziehung), ebenso auch das Aufzeigen von Übereinstimmungen der Heimerziehung West mit der Heimerziehung Ost. In diesem historisch-politischen Abwehrsyndrom liegt neben der Angst vor Entschädigungszahlungen die Hauptbarriere. Sicherlich ist auch beides miteinander verknüpft: Die ideologische Abwehr dient der Legitimation der Ablehnung von finanziellen Forderungen der Opfer. Dem kann entgegengehalten werden, dass die Träger der Jugendhilfe (die öffentlichen und privaten) für die in ihrem Namen und ihrer Verantwortung geschehenen Unrechtshandlungen den einzelnen Opfern gegenüber haften müssen, weil sie eine Solidar- und Wirtschaftsgemeinschaft mit den einzelnen Heimen, in denen Kinder und Jugendliche geschädigt wurden, gebildet haben und ohne Unterbrechung dreißig Jahre lang aufrecht erhalten haben. Sie haben gemeinsam von dem Geschehen in den Heimen profitiert: ideologisch-politisch und materiell. Die Träger haben die Einrichtungen begünstigt und die Bestrafung der TäterInnen systematisch vereitelt. Das hat die historische Forschung inzwischen eindrucksvoll belegt. Vielleicht ist der Begriff „Staatsverbrechen“ hier angebracht. Da die Exekutive in Form der Landesjugendämter und Jugendämter immer beteiligt war, müssen hier in einem demokratischen System der Gewaltenteilung Legislative und Judikative die Haftung der Träger der Jugendhilfe politisch und rechtlich durchsetzen.

Dabei liegt aus rechtlichen und aus Zeitgründen die Priorität zum Handeln bei der Legislative. „Die Netze der Schuld“, schreibt Bernhard Schlink, „zu denen sich Handlungen derart verflechten, reichen weit. In ihnen verfängt sich nicht nur der Täter, sondern jeder, der zum Täter in Solidargemeinschaft steht und diese nach der Tat aufrechterhält.Gerade dieser Zusammenhang zeigt, dass sich der Schuldbegriff nicht nur an den Normen des geltenden Rechts, sondern auch an anderen Normen anknüpft.“ (Schlink 2002) An den schon erwähnten Normen der Religion und der Moral, des Takts und der Sitte sowie des Funktionierens von Kommunikation und Interaktion.Jede einzelne dieser Normen ist von den öffentlichen und privaten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe massiv und dauerhaft in der Heimerziehung der fünfziger bis siebziger Jahre verletzt worden. Die weitgehend kritiklose Solidarität zwischen öffentlichen und privaten Trägern der Jugendhilfe im Falle der Heimerziehung/ Fürsorgeerziehung richtete sich faktisch gegen Kinder und Jugendliche. Sie war selbst eine Norm, die dieses Verhältnis jahrzehntelang stabilisierte. Sie wurde kontrafaktisch und lernunwillig von den Verantwortlichen durchgehalten und konnte und kann nur durch massiven politischen Druck von außen (Heimkampagne in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren und gegenwärtig die Initiative der Ehemaligen mit breiter Medienunterstützung) aufgebrochen werden. Weil das so war, muss die Verantwortung für die Dominanz der Schwarzen Pädagogik in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung auch beiden, öffentlichen und freien Trägern gleichermaßen, zugerechnet werden. Diese Zurechnung resultiert nicht aus einer besonderen Moral. „Es sind die Regeln, nach denen Kommunikation und Interaktion funktionieren. Wenn Aufrechterhaltung und Herstellung von Solidarität nicht Aufrechterhaltung und Herstellung von Verantwortungsgemeinschaft, von Gemeinschaft des Tragens von Folgen und Vorwürfen ist, dann ist sie nichts.“ (Schlink 2002) Die in der Vergangenheit praktizierte unkritische Solidarität wirkt auch in der Gegenwart. Das Nicht-Verurteilen, Nicht-Lossagen, die Perpetuierung der Leiden der Opfer stiftet neue Schuld. Das Nicht-Lossagen, verstrickt in alte und fremde Schuld, und zwar so, dass es neue, eigene Schuld erzeugt. Ein Beispiel dafür ist ein Papier des „Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz“ aus dem September 2006, in dem für den Bereich der Katholischen Jugendhilfe „Sprachregelungen“ formuliert sind. Bezogen auf die nicht-sozialversicherte und nicht-entlohnte Zwangsarbeit heißt es da: „In den damaligen Heimen waren Kinder und Jugendliche nicht als Arbeitskräfte eingesetzt. Es war jedoch üblich, dass die in den Heimen lebenden jungen Menschen in der Garten- und Landwirtschaft mitgeholfen haben. Das entsprach in alle Regel dem Maß, wie es zu dieser Zeit auch in Familienhaushalten üblich war.

In den damaligen Erziehungsheimen, in denen Jugendliche untergebracht waren, gab es eine Arbeitstherapie. Das Ziel war, Jugendlichen (ab vierzehn Jahren) zu helfen, einen Arbeitsplatz zu bekommen beziehungsweise ihren Arbeitsplatz behalten zu können. Damit diese Arbeitstherapie möglichst realitätsgerecht geschah, wurden auch Aufträge der Industrie ausgeführt. (…) Die Heime waren keine Wirtschaftsbetriebe, sie verfolgten vielmehr pädagogische Zwecke, die man heute im Rahmen der Gemeinnützigkeit ansiedeln würde. Die von den jungen Menschen erarbeiteten Erträge dienten ausschließlich der Finanzierung ihres Heimaufenthalts.“Zum Umgang mit der eigenen Vergangenheitsschuld heißt es in diesem Papier: „Trotz allem Bedauern über das Schicksal einzelner ehemaliger Heimkinder können weder die Deutsche Bischofskonferenz als Ganze noch Kardinal Lehmann als der Vorsitzende eine grundsätzliche Entschuldigung aussprechen. Bei den beschriebenen Misshandlungen und Demütigungen handelt es sich um Verfehlungen einzelner Personen und um das Schicksal einzelner Menschen. Dafür können sich nur die damals Verantwortlichen selbst oder stellvertretend für sie die Leitungen der entsprechenden Einrichtungen oder Orden individuell bei den Betroffenen entschuldigen. Misshandlungen und Demütigungen von Kindern in Heimen können keiner Grundhaltung zugeschrieben werden, die durch die Kirche vorgegeben oder die von der Kirche gefordert worden wäre.“

Zu der erwarteten Frage „Wodurch unterschieden sich Heime in kirchlicher Trägerschaft von anderen?“ wird empfohlen zu antworten, „dass in kirchlichen Heimen nicht anders erzogen und mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wurde, als in der damaligen Gesellschaft sonst auch. Die den Heimen heute oft zur Last gelegten strengen Erziehungsmethoden waren allgemein üblich und nicht besonders kennzeichnend für kirchliche Heime.“In solchen Formulierungen, die auch von Repräsentanten des Diakonischen Werks Deutschland und von Vertretern der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und der Jugendministerkonferenz zu hören sind, wird die Solidargemeinschaft mit den Tätern aufrecht erhalten. Bei den kirchlichen Organisationen wiegt das besonders schwer, denn sie haben in allen nachzulesenden Begründungen für ihre Dominanz in der öffentlichen Erziehung behauptet, dass gerade sie den besonderen auf Wertschätzung und Liebe gegründeten Werten des Christentums verpflichtet sind und sich darum besser als weltanschaulich neutrale Träger für die Erziehung vernachlässigter Kinder und Jugendliche eignen würden. In der katholischen und der evangelischen Theologie sind die Begriffe Schuld, Schuldbekenntnis, Demut und Buße von allergrößter Bedeutung. Die Repräsentanten der Kirche und ihrer Wohlfahrtsverbände zeigen von diesen christlichen Kardinaltugenden keine Spur. Sie müssen sich an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen, aus denen ihnen eine besondere Schuld erwächst.Die Glieder der Solidargemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe, die nicht durch eigene Taten schuldig geworden sind, müssen sich dennoch mit der Vergangenheitsschuld des Systems, das sie heute noch repräsentieren, auseinander setzen.Sie laden eigene Schuld auf sich, wenn sie auf den Vorwurf nicht dadurch antworten, dass sie sich von der fremden Schuld lossagen. Für diese Form der Verstrickung in Schuld gibt es in Deutschland ein Beispiel von historischer und epochaler Bedeutung:Dass die Deutschen, die vor 1945 nicht Täter und Beteiligte waren, indem sie sich danach von den Tätern und Beteiligten nicht losgesagt haben, zu Schuldigen wurden. Dass die Deutschen sich nicht oder nur halbherzig vom NS-System losgesagt haben, unterliege keinem historischen Zweifel mehr, schreibt Bernhard Schlink. Diese Tatsache hat im Umgang mit den Opfern der NS-Verbrechen in der Deutschen Nachkriegsgeschichte verheerende Folgen für die Opfer und für die politische Kultur in Deutschland gehabt. Ich will betonen, dass es mir bei diesem Vergleich nicht um die faktische Identität von NS-Jugendhilfe und Jugendhilfe der Bundesrepublik Deutschland geht, sondern um die strukturelle Übereinstimmung im Umgang mit Schuld und mit Opfern. Und noch ein Faktum ist hier von großer Bedeutung:Wir wissen, dass die Leiden, die Erfahrungen, die Traumatisierungen der Opfer sich in den Kindern der Opfer und in ihren Kindeskindern auf die eine oder andere Weise fortsetzen. „Oft sind sie auf ähnlich hilflose und verzweifelte Weise vom Leiden ihrer Eltern gezeichnet. Dass die Leiden der Opfer über zwei Generationen weiter wirken, ist ein weiterer Grund, der es verbietet, den so sehr gewünschten Schluss-Strich unter eine Geschichte der Vergangenheit zu setzen. Sie bleibt, ob wir das nun anerkennen oder nicht, eine Geschichte der Gegenwart.“ (Schlink 2002). Bezogen auf die NS-Täter trifft diese Verstrickung in Vergangenheitsschuld auch auf deren Kinder und Enkelkinder zu, die, so Schlink, ein schweres Erbe zu verarbeiten haben. Ob es auch Kinder und Enkelkinder von Jugendhilfe-TäterInnen gibt, weiß ich nicht. Wenn wir im übertragenen Sinne als solche, die Frauen und Männer des beruflichen Nachwuchses in der Jugendhilfe annehmen, haben wir Älteren meines Erachtens ihnen gegenüber zumindest eine Verantwortung bezogen auf die finsteren Zeiten der Professionsgeschichte, für die wir selbst noch Zeitzeugen sind, in denen wir auf die eine oder andere Weise Akteure waren. Diese Verantwortung haben auch diejenigen, die, obwohl sie Nachgeborene sind, heute leitende Funktionen in den Organisationen haben, zu deren historischer Kontinuität auch das Unrecht an den Kindern und Jugendlichen der Heimerziehung und Fürsorgeerziehung der Jahrzehnte nach 1945 bis in die siebziger Jahre gehört.

Die Kinder und Jugendlichen, die in jenen Jahrzehnten in der Heim- und Fürsorgeerziehung leben mussten, sind heute überwiegend im Alter zwischen fünfzig und siebzig Jahren. Sie fordern mit Recht eine aktive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, die auch die Geschichte der Jugendhilfe ist, und einen praktischen Beitrag zur Entschuldigung und Entschädigung. Die Kinder- und Jugendhilfe heute sollte auf allen Ebenen und mit allen ihren Funktionsträgern sich dieser Vergangenheitsschuld und den aus ihr resultierenden Forderungen ohne Vorbehalte stellen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur der Bundesrepublik heute leisten.

Literatur:
Zwei Fachzeitschriften mit Schwerpunktheften zum Thema: Jugendhilfe. Dezember 2007.
Forum Erziehungshilfe. April 2008.

Zum Umgang mit der Geschichte in der Sozialen Arbeit vgl. die Zeitschrift Widersprüche.
Heft 101: Geschichten und Geschichte der Sozialen Arbeit.

Zur Verstrickung der Sozialen Arbeit in Vergangenheitsgeschichte vgl. Kappeler, Manfred (2000). Der schreckliche Traum vom vollkommenen Menschen – Rassenhygiene und Eugenik in der Sozialen Arbeit. Marburg und

Schlink, Bernhard (2002). Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht. Frankfurt am Main

(Papier von Prof. Dr. Manfred Kappeler anlässlich eines ExpertInnengespräches in Kooperation zwischen AFET und der Universität Koblenz Landau, 05.03.2008)

Die Antwort ist einfach. Zum Kinderf……

Zehntausende Kinder in Irland sind sexuell, körperlich und emotional missbraucht worden – von Nonnen, Pfarrern (d.h: von katholischen „Priestern“) und anderem Personal der (katholischen) Kirche. Und das über Jahrzehnte hinweg. Jeweils in Internaten, Schulen und Wohnheimen, die in erster Linie für die Kinder der Armen, für die Verwundbaren und Unerwünschten hätten Sorge tragen sollen. Das erfährt man aus einem 2600 Seiten-Report, der in Dublin erschienen ist.  

Ich lese darüber in der Online-Ausgabe der New York Times. Das Bild dieser Institutionen, das sich aus dem Bericht ergibt, meint das Blatt, ähnele mehr den Waisenhäusern aus den Romanen eines Charles Dickens, als dem von Schulen des 20. Jahrhunderts. Hier wurde Liebesentzug und Grausamkeit nicht nur gelegentlich und nebenbei, sondern systematisch und organisiert ausgeteilt.

„Ein Klima der Angst, geschaffen durch umfassende, überzogene und willkürliche Strafmaßnahmen, durchzog die meisten dieser Institutionen“, stellt der Bericht fest. In jenen Schulen, die nur von Jungen besucht wurden, heißt es zudem, war der sexuelle Missbrauch der Schüler „endemisch“, d. h. in diesen Bereichen durchgängig üblich.

Der Bericht, den eine staatlich eingerichtete Kommission in neunjähriger Arbeit zusammenstellte, sollte eigentlich dazu dienen, ein schwarzes Kapitel der irischen Geschichte aufzudecken und zugleich ein für allemal den Sargdeckel des Vergessens darüber zu schließen. Das hat nun wiederum die Gruppen der Opfer und Betroffenen in Rage gebracht, da der Bericht sich über die Täter ausschweigt. Es werden keine Namen genannt. So können sie auch nicht gerichtlich belangt werden. Der Bericht taugt als gerichtliche Handhabe also nur wenig.

Dass dies so ist, verdankt sich einem erfolgreichen juristischen Eingreifen der „Christian Brothers“, jenes religiösen Ordens, der viele dieser Jungenschulen betrieben hat und – in letzter Instanz eben erfolgreich – nun dafür sorgte, dass die Identität der Schuldigen gelöscht wurde. Bereits 2003 war die erste Vorsitzende der Kommission zurückgetreten, weil das irische Erziehungsministerium sich weigerte, grundlegend wichtige Dokumente herauszurücken. Der Bericht bezieht sich auf die Zeit von den Dreißigerjahren bis in die Neunzigerjahre, als die letzte dieser Institutionen geschlossen wurde.

Hier wurde zum ersten Mal gezeigt, welche Ausmaße das Problem in Irland angenommen hatte, und in welcher Art und Weise Regierung und Kirche hier zusammen und „dicht“ hielten, um dieses Missbrauchssystem weiterhin am Leben zu erhalten. Die katholische Kirche, um die es hier – man muss schon sagen: selbstverständlich – wieder geht, hat durch diese Offenbarung einiges an moralischer Autorität und politischer Macht in Irland eingebüßt – meint zumindest die New York Times.

Der Bericht kritisiert das irische Erziehungsministerium, dem die Aufsichtspflicht für diese Schulen oblag, insbesondere wegen seiner „zahnlosen“ Kontrollen, seiner Bereitwilligkeit, eklatante Probleme zu ignorieren und sich jederzeit der Autorität der Kirche zu beugen.

Die Dokumentation basiert auf alten innerkirchlichen Aufzeichnungen über unterdrückte Missbrauchsfälle und zum Teil auch anonyme Zeugenaussagen von 1.060 früheren Schülern, die in insgesamt 216 unterschiedlichen, meist kircheneigenen Schulen untergebracht waren, darunter auch Reformatorien und so genannte industrielle Schulen, die dazu dienten, vernachlässigte, verwaiste oder sich selbst überlassene Kinder zu versorgen.

Die meisten dieser früheren Schulkinder sind heute zwischen 50 und 80 Jahren. Rund 30.000 solcher Kinder sind im Laufe von sechs Jahrzehnten in solche Schulen gesteckt worden, oft gegen den Willen der Eltern, aber auf Druck der ortsansässigen Pfarrer hin. Gewöhnlich deshalb, weil die Familien zu arm waren, um sich der Kinder anzunehmen. Auch wenn ein Kind aus einer außerehelichen oder unehelichen Beziehung der Mutter stammte, oder wenn das eine oder andere Elternteil krank war, zur Trunksucht neigte oder die Kinder misshandelte, und wenn die Kinder selber kleine Diebstähle begangen oder die Schule geschwänzt hatten – in all diesen Fällen wurden die Kinder an solche Institutionen verwiesen. Viele dieser einstigen Schüler sagten aus, sie hätten erst Jahrzehnte später erfahren, wie sie eigentlich mit richtigem Namen hießen, während umgekehrt ihre Eltern ohne Erfolg versucht hätten, ihre Kinder aus der Obhut des Staates zurückzufordern.

Dickens-Zustände

Eine Litanei von Strafen, die an ein Kriegsgefangenenlager erinnert, wie die New York Times meint, hätten die Schüler in den Jungenschulen erdulden müssen, darunter: Prügel, Stockschläge, gewalttätige und körperliche Angriffe, Schläge mit der Hand, Fußtritte, Ziehen an den Ohren und Haaren, Rasieren des Kopfes, Schläge auf die nackten Fußsohlen, Verbrennungen, Verbrühungen, Stiche, harte Schläge im unbekleideten Zustand, gezwungenermaßen Knien oder in bestimmten Körperhaltungen längere Zeit über Verharren, Übernachten im Freien, übermäßig kalte oder heiße Bäder oder Duschbäder, vor dem Schlagen mit dem Schlauch kalt abgegossen werden, geschlagen werden, während man an Haken an der Wand hängt, die Hunde auf sich gehetzt bekommen, geknebelt oder gefesselt werden, bevor man geschlagen wird, körperliche Angriffe von mehr als einer Person und mit Objekten beworfen werden.

Einige dieser Schulen funktionierten im Grunde wie Kinderfabriken. In einer der Schulen, Goldenbridge, arbeiteten bereits siebenjährige Mädchen täglich mehrere Stunden lang in der Herstellung von Rosenkränzen (auf Draht aufgeschnürten Gebetsperlen) – und hatten richtige Arbeitssolls zu erfüllen. 600 Perlen an Werktagen, 900 an Sonntagen.

Mädchen wurden routinemäßig sexuell missbraucht, oft von mehr als einer Person, und zwar, dem Bericht zufolge, „in Schlafsälen, Schulen, Fahrzeugen, Badezimmern, in den Schlafräumen der Erzieher, in den Kirchen, den Sakristeien, auf den Feldern, in den Dielen, in den Wohnräumen der Geistlichkeit, an Urlaubssorten und im Beisein der Paten und Dienstgeber.“

Der Vatikan, so meinte die New York Times, hätte dazu keine Stellungnahme abgegeben. Aber die Chefs der verschiedenen geistlichen Orden – die während der Untersuchung oft darauf bestanden hatten, dass es sich hier um ein Relikt aus vergangenen Zeiten handelte, wo noch andere gesellschaftliche Standards gegolten hätten – offerierten ihre allerunterwürfigsten Entschuldigungen, nicht ohne geflissentlich darauf hinzuweisen, dass diese Dinge nun als längst überwunden anzusehen seien.

Kardinal Sean Brady, der katholische Primat über ganz Irland, äußerte in einer Mitteilung, er sei „profoundly sorry and deeply ashamed“ – und fügte hinzu: „Ich hoffe, dass die Veröffentlichung des heutigen Berichts dazu beitragen wird, die Wunden der Opfer zu heilen und die Fehltritte der Vergangenheit aufzuklären.“

David Clohessy, Leiter einer Gruppe, die sich Survivors Network of Those Abused by Priests (Netzwerk Jener, die von Priestern missbraucht wurden und es überlebt haben) nennt, sagte, der Bericht wäre seiner Aufgabe nicht nachgekommen, die Schuldigen der Gerechtigkeit zuzuführen, aber er hätte immerhin klar darauf hingewiesen, wo die Schuld zu finden sei – bei der Kirche. In einem Interview sagte er, „während grässliche, von überall hereinkommende Berichte über sexuellen Missbrauch und seine Vertuschungen bedauerlicherweise ziemlich alltäglich sind, ist das Wichtige hier, dass ein Gremium unmissverständlich festgestellt hat, dass das ganze Mit-dem-Finger-auf-andere-deuten-und-anderen-die-Schuld-zuschieben-und-nach-Entschuldigungen-suchen der Kirchenhierarchie nichts als eine betrügerische Finte ist.“

Die Kommission wurde IM JAHR 2000 ins Leben gerufen, nachdem es in den Neunzigerjahren eine Aufsehen erregende Serie von Rundfunkprogrammen und Fernsehdokus gegeben hatte, in denen sich abzeichnete, dass es ein schreckliches Geheimnis gab, über das die gesamte irische Gesellschaft jahrzehntelang Stillschweigen bewahrt hatte. Als die Details darüber, was in diesen Kinderheimen stattgefunden hatte, offenbar wurden, entschuldigte sich im Jahr 1999 Bertie Ahern, der damalige Premierminister, in aller Form bei den Opfern dieses sexuellen und körperlichen Missbrauchs. Seit damals sind die Anschuldigungen und die Frage nach der gerichtlichen Verfolgung der Täter ein XXXX-Thema in Irland geblieben – aber auch unter irischen Auswanderern in anderen Teilen der Welt. Im Jahr 2002 zahlte die katholische Kirche in Irland 175 Millionen Dollar an die Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der Kirche. Eine andere Gruppe hat bisher 1.5 Milliarden Dollar an 10.000 Missbrauchsopfer in staatlichen und kirchlichen Institutionen ausgezahlt.

Terence McKiernan, der Präsident von BishopAccountability.org, einer amerikanischen Gruppe, die ein Internetarchiv zum Thema sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche unterhält, äußerte sich dahingehend, dass der Bericht nicht weit genug gegangen sei und deshalb als Fehlschlag gelten müsste: „Der Bericht ist bedeutsam dahingehend, dass er eine detaillierte Anatomie vorlegt, wie und in welchen Institutionen der Missbrauch stattgefunden hat“, sagte er in einem Interview mit der New York Times. „Das Problem ist nur, dass man fast 10 Jahre damit verbringt und wer weiß wie viel Geld, ausgibt, und am Schluss kommt man trotzdem nicht zu dem Punkt, wo man genau sagen kann, wer an dem Ganzen Schuld war.“


Deutschland, Österreich und Neuseeland

So weit meine hingeschluderte Wiedergabe des Berichts über die irischen Verhältnisse, der mich aus New York in Neuseeland erreicht. Ich schicke ihn weiter an einen deutschen Freund, der mir antwortet:

„Tja, ist normal. Gab’s in D-land auch. Ein Kumpel von mir hat solche Zustände in Aachen im Höfer Haus erlebt. Der war allerdings nicht lange dort. Hat einem „Bruder“ die Nase geknickt und ist abgehauen. Hat sich dann mit 14 alleine durchgeschlagen. Die Brüder haben die Institution ca. 10 Jahre später wegen Geldmangel geschlossen. Es gab keine Anklagen oder Untersuchungen, alle haben den Mund gehalten… „

Das war vor ungefähr 30 Jahren. Ich erinnere mich jedoch auch an ein katholisches Kinderheim im Burgenland, Österreich, wo noch vor knapp sieben Jahren die Heimleiterin den Kindern einen einzigen Unterhosenwechsel pro Woche gestattete, und wo ein erwiesener Päderast, nachdem er sich an einigen der jungen Burschen vergangen hatte, stillschweigend an die nächste Institution weiter gereicht wurde. Als „Erzieher“. Auch mit dem Essen war es wie bei Dickens. Die Heimleitung speiste fürstlich, die Kids bekamen irgendwas Grausliges. Warum niemand sich was zu sagen getraut hat? Ja, wenn man zwei Kinder zu versorgen hat und weit und breit keinen anderen Job findet, hält man eben brav die Klappe. Wer will schon im katholischen Österreich gegen die Kirche und die Caritas den Mund aufreißen? Der hervorragende österreichische Kriminalfilm „Silentium“ nach einer Vorlage von Wolf Haas thematisiert genau diesen Bereich und verstößt damit gegen mehr Tabus, als es in ganz Hollywood überhaupt gibt.

Dennoch: einen Skandal irgendwelcher Art gab es nicht. Die katholische Kirche hat gelernt, Angriffe einfach ins Leere laufen zu lassen. Und sie weiß, sie hat die jeweilige Staatsmacht (in Österreich) fest im Griff. Man denke nur an den Wiener Oberpäderasten, Kardinal Nuntius Hans Hermann Groer, der schon im halbsenilen Zustand krebskranken Kindern an die Schwänze fasste und dann eilends in eine geschlossene Abteilung im Vatikan entführt wurde, um nur ja keinen Wirbel entstehen zu lassen. Mehr von solchen Geschichten gibt es bei rockundliebe.de.

Das Problem ist natürlich ein internationales, aber es ist auch ein spezifisch katholisches. Ich erinnere hier an den Film Freeway II, den man nur mit starken Nerven ertragen kann. Das als Kind sexuell gequälte Opfer wird selbst in der Folge zum Täter. Aber die besonders explosive, die explosivste Mischung ist dabei immer die aus irischen und katholischen Elementen. Wenn der Katholizismus als solcher bereits eine schlimme Sache ist – der irische ist es um so mehr. Der irische Katholizismus ist „Bad News Catholicism“. Das hängt sicher historisch damit zusammen, dass der Katholizismus in Irland der älteste in Europa ist. Wer im Religionsunterricht in Deutschland aufgepasst hat, wird sich erinnern, dass es IRISCHE Missionare waren, die den heidnischen Germanen einst den wahren Glauben nahe brachten, nicht etwas römische. Irische Katholiken zeichneten sich durch einen besonderen Fanatismus aus, der sich bis heute nicht allein durch die jahrzehntelangen Bombardements und Attentate in Irland und andernorts manifestiert, sondern ebenso durch genau diese Quällust und sexuelle Abartigkeit, die wir aus dem obigen Report kennen lernen.

In Neuseeland, besteht ein Drittel der Bevölkerung aus Katholiken – sofern man die Anglikaner nicht auch als Katholiken rechnen möchte, dann wären es noch mehr -, und die meisten regulären Katholiken sind auch irisch oder irischstämmig. Eine Freundin, die, als Nicht-Katholikin, an einer katholischen Schule Musik unterrichtete, legte nach einem Jahr den Job nieder, weil sie die Grausamkeit und Gehässigkeit der frommen Schwestern einfach nicht mehr mit ansehen konnte. Ein befreundeter Lehrer, Katholik, später Parlamentsabgeordneter der Labour Partei, erzählte mir einmal, wie zu seiner Schulzeit die Klassenlehrerin, eine Nonne, ins Klassenzimmer gekommen sei und den Kids folgende Frage vorgelegt hätte: „Wenn jetzt in diesem Moment ein Kommunist mit einem Maschinengewehr ins Klassenzimmer rein käme – wer von euch würde sich für Jesus Christus freiwillig totschießen lassen?“ – „Ich! ICH!“ hätten darauf hin übereifrig die Streber gerufen. Dann sei einer nach dem anderen aufgestanden, bis zuletzt jedes Kind gestanden hätte. „Brav! Jetzt dürft ihr euch wieder setzen.“

Das ist christlicher Islamismus. Was die katholische Kirche in Neuseeland unverwundbar macht, ist indessen, dass sie in ihren Schulen gezielt auf intelligente und talentierte Schüler Jagd macht – ein frühes Headhunting – und diese Leute fördert, indem sie ihnen ein Jura-Studium ermöglicht und sie in Folge in Chefetagen katapultiert. Ich würde nicht sagen, dass alle Rechtsanwälte in Neuseeland Katholiken sind, aber da, wo es ums Eingemachte geht, stehen katholische Rechtsanwälte bereit, katholische Interessen zu verteidigen. Ein Report wie der jetzt in Irland zustande gekommene wäre in Neuseeland undenkbar.

Krimineller irischer Katholizismus in den USA

Und ebenso in Amerika. Der irische Katholizismus ist der gleiche, dem wir in Amerika begegnen – umgetopft, verpflanzt – in Nordamerika, vor allem in den USA. Nicht umsonst zahlte die amerikanische katholische Kirche hunderte Millionen Dollar an Entschädigungsgeldern an Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Kriminell war der irische Katholizismus in Amerika bereits zur Zeit der Gangs – zu sehen in Frederic M. Thrashers bahnbrechender Studie The Gang (1927) über Jugendbanden in Chicago -, aber das Thema lässt sich fast nur in einem „fiktiven“ Rahmen festmachen, alles andere würde einem Autor Kopf und Kragen kosten. A Season in Purgatory (1993) von Dominick Dunne zeigt, wie eine katholische Familie, die sehr der Kennedy-Familie ähnelt, mit Geld und der Rückendeckung durch den Kardinal und den Papst selbst, verbrecherische Machenschaften in Amerika deckt – verdeckt, zu-deckt – selbst den Sexualmord eines Familienmitglieds jahrzehntelang vertuschen und zuletzt sogar einen Freispruch erwirken kann. Dunnes Bruder John Gregory Dunne schrieb True Confessions, als Film mit Robert de Niro und Robert Duvall, wo der Priester und der Cop, zufällig ungleiche Brüder, aufeinander stoßen. Der Rechtsbewahrer und der Rechtsverdreher – zwei Seiten der gleichen Münze, des irisch-amerikanischen Katholizismus.

Ich bin überzeugt, dass der Motor des Katholizismus, das, was ihn zu einer verbrecherischen Krankheit werden lässt, seine verbogene und verkrampfte und krankhaft verdrehte Sexualität ist. Wer sich die Songs von „Crowded House“ reinzieht, einer neuseeländischen Band der katholischen Gebrüder Finn, mag sich fragen, worum es da denn die meiste Zeit eigentlich geht? Um Seelenpein, um verklausulierte, nur für Katholiken verständliche Geheimnisse, um lebenslang herumgeschleppte Qualen. Um das Leiden an der Sexualität.

Selbst da, wo sich im katholischen Irland Sexualität scheinbar frei und fröhlich austobt, ist sie eingezwängt von den Nippelklammern des Katholizismus. Wenn man an einen deutschen katholischen Schriftsteller denkt – sucht man lange, kommt man vielleicht auf Heinrich Böll, und unterdrückt ein gelangweiltes Gähnen. Einen irischen Schriftsteller, der nicht katholisch ist, der nicht in jedem zweiten Satz mit Sex und Katholizismus ringt, gibt es gar nicht.

Hier ein paar Auszüge aus den überschwänglichen Liebesbriefen von James Joyce, der zufällig kein Päderast war, an seine Frau:

7. August 1909Hast Du Dich zuvor von irgendjemand anderem ficken lassen, ehe Du damals zu mir gekommen bist? Du sagtest mir, dass ein Herr namens Holohan (ein braver Katholik, natürlich, der seinen Osterpflichten gewiss regelmäßig nachkommt) Dich ficken wollte, als Du in diesem Hotel dort warst, unter Verwendung dessen, was man einen „Pariser“ nennt. Hat er es denn getan? Oder hast Du ihm nur erlaubt, Dich zu streicheln und mit seinen Händen an Dir herumzufummeln?

Und auch hier, wie in allen weiteren Zitaten, immer wieder die Verquickung aus sexuellen Vorstellungen mit religiösen, er stellt sich seine Frau als Hure, als Heilige, und fast durchgängig als Mädchen vor, ihr Körper gilt ihm als Kapelle, oder der Sexualakt gilt als sündig und anstößig, als „säuisch“, und strafwürdig, man findet durchweg die Vermengung des sexuellen mit dem religiösen Diskurs. Kaum anders (als die Briefe von Joyce an Nora Barnacle) darf man sich auch die internen Monologe irischer Kinderschänder vorstellen.[1]

Ich dachte, ich würde ein paar Einsichten zu diesem Thema bei Karl-Heinz Deschner finden, der die – man muss schon fast sagen – sehr „spaßige“ „Kriminalgeschichte des Christentums“ verfasst hat. Es ist aber keine „Sexualgeschichte des Katholizismus“ geworden. Da muss wohl noch ein anderer kommen. So finden sich bei Deschner zu dem Wort „Zölibat“ (in der digitalisierten Ausgabe, die man bei Zweitausendeins für „nen Appel und n Ei“ erstehen kann) knapp ein Dutzend Aufscheinungen, allesamt aus längst vergangener Zeit. Immerhin erfährt man, dass das Zölibat nicht in erster Linie deshalb eingeführt wurde (spät, nach Jahrhunderten erst) weil dadurch die Priester zu weltabgewandten Heiligen werden sollten, sondern, um das Geld, den Besitz, das Erbe der Kirchenleute innerhalb der Kirche zu bewahren. Die Kinder der Priester wurden automatisch enterbt. Ob hinter der Kinderquälerei, die wir nun einmal offiziell aus Irland bestätigt bekommen haben, nicht vielleicht URSPRÜNGLICH die Absicht stand, die unehelichen Blagen der Geistlichen zentral zu versorgen und vielleicht auch – indem man sie als kleine Teufel, Ausgeburten der priesterlichen Sünde ansah – sie vorzeitig zu entsorgen? Weil Kinder von Frauen gezeugt werden, und Frauen „Teufel“ sind?

So erzählt uns Deschner, Pius II. (1458-1464), sei ursprünglich ein Pornograph gewesen, bevor er Papst wurde und:

„Als ein befreundeter Priester seine Dispens vom Zölibat erbittet, drängte er ihn zwar zur Enthaltsamkeit, mahnend, alle Weiber wie die Pest zu fliehen, jede Frau für einen Teufel zu halten. Aber, setzt er gleich hinzu, der Dispens Wünschende werde jetzt freilich sagen, „seht, wie streng ist doch (Pius II). Jetzt preist er mir die Keuschheit und ganz anders redete er zu mir in Wien und in Neustadt.“ Es ist wahr, aber die Jahre nehmen ab, der Tod rückt heran. Elend und der Gnade Gottes verlustig ist derjenige Mensch, der nicht zuweilen in sein Inneres einkehrt, nicht sein Leben bessert und nicht an das denkt, was er in dem künftigen Leben sein wird. Ich muss bekennen, ich habe es satt und überdrüssig. Die Venus ekelt mich an. Freilich nehmen auch die Kräfte ab. Mein Haar ist grau, meine Nerven sind ausgetrocknet, mein Gebein ist morsch und mein Körper übersäet mit Runzeln. Ich kann keinem Weibe mehr zur Lust dienen und keine mir. Von nun an diene ich mehr dem Bacchus als der Venus. Der Wein ernährt mich, erfreut und ergötzt mich und macht mich selig. Dieser Saft wird mir bis zum Tode süß sein. Wahr ist es, mich flieht mehr die Venus als ich sie.“

Schön, aber über die kriminelle Energie, die das Zölibat in die katholische Kirche transportierte, erzählt uns Deschner wenig. Es gibt nur eine einzige Eintragung zum Thema „Päderast“ – und zwei zum Wort „schwul.“ Dazu gibt es z. B. diese Textstelle:

„Barbo, der spätere Papst Paul II. (1464-1471), sah es gerne, wenn nackte Männer auf die Folter gespannt und gemartert wurden. Er war schwul und trug eine päpstliche Tiara, die, Zeitzeugen zufolge, „an Wert den eines Palastes übertraf“. Er plünderte die päpstliche Kasse, um seine Protz- und Prunksucht zu befriedigen […] Paul II. starb angeblich an einem Herzinfarkt, während er mit einem seiner Lieblingslustknaben Analverkehr hatte.“

Nun, damit ist uns wenig gedient. Ich denke, wo Katholiken heute ansetzen müssten, weiter zu denken, ist dieser Punkt: Die katholische Kirche hat sich in ihrer langen Geschichte eindeutig als verbrecherische Organisation erwiesen. Darin ist sie nicht anders als jede andere Religion oder Religionsorganisation der Welt. Der Islam kennt den islamistischen Terror, kennt die alltägliche Gewalt gegen die Frau. Der Hinduismus kennt die Verehrung der Kuh, aber tötet Babys, wenn sie Mädchen sind, streut Säure in die Gesichter von Frauen, verbrennt Witwen. Das Judentum kennt Martin Buber und Ariel Sharon.

Mein Fazit: Die katholische Kirche muss das Zölibat abschaffen, sie muss die Diffamierung und Diskriminierung von homosexuellen Männern und Frauen abschaffen, sie muss ihre Angst vor der Sexualität überhaupt, ihren Hass auf die Sexualität von Frauen und Männern, aufgeben, die Vorstellung aufgeben, dass „alles, was mit der Sexualität zusammenhängt, schmutzig“ ist. Sie muss den Papst als quasi lebende Reinkarnation eines Apostels abschaffen, sie muss katholische Priesterinnen einführen, sie muss männliche Priester mit Familie einführen, sie muss ihre unausstehliche Verlogenheit abschaffen, ihre Machtpolitik, ihre kriminellen finanziellen Machenschaften und ihre Unterstützung jeden Unrechtssystems auf der Welt. Sie muss ihre Mitschuld an den größten Völkermorden aller Zeiten eingestehen, sie muss ihre Mitschuld am Antisemitismus, ihre aktive Unterstützung des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus eingestehen und sich davon in einem gigantischen globalen Entschuldigungsgestus befreien. Sie muss den Vatikan abschaffen. Sie muss sich von Grund auf erneuern. Sie braucht eine umfassende, komplette Reformation. Eine Rundumerneuerung. Nicht, um eine „neue protestantische“ Kirche zu werden, sondern um überhaupt eine katholische Kirche bleiben zu können. Schade, schade, schade – dass der deutsche Papst nicht einmal den ersten Schritt in diese Richtung wagen wird.

Link zum irischen Report (pdf-Datei) 2.600-Seiten-Report.

Ein Gastbeitrag von Tom Appleton.

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Mein Name ist Dietmar Krone. Ich wurde 1954 in Remscheid geboren.
Von März 1968 bis August 1973, stand ich unter Aufsicht der staatlichen Fürsorge. Es war Fürsorgeerziehung angeordnet. Einweisungsgrund: Sittliche Verwahrlosung. Die Sittliche Verwahrlosung begründete man damit, dass ich Schulter lange Haare trug, die sogenannte Negermusik hörte, und in der Schule Lernschwierigkeiten hatte. In der Schule fehlte ich öfters, da ich auf Grund körperlicher Misshandlungen oft im Krankenhaus war. Mutter war alleinprügelnd, da meine Vater früh verstarb. In einer überfallartigen Aktion, wurde ich im März 1968 von Polizisten festgenommen, und in ein Polizeipräsidium verbracht. Nach 5 Tagen Einzelhaft, teilte mir ein Jugendrichter folgenden Wortlaut mit. Im Namen des Volkes ergeht folgender Beschluss; “Der minderjährige Dietmar Krone geb. am 10.05.1954, wird auf Grund sittlicher Verwahrlosung, bis zur Vollendung seines 21. Lebensjahres, in eine geschlossene Erziehungsanstalt eingewiesen. Es ist Fürsorgeerziehung angeordnet.”

Zuvor wurde ich in eine Geschlossene Nervenklinik eingeliefert, wo man mich mit Elektoschocks, Gehirnwasserpunktion, straffer Fixierung an das Bett, so wie der Verabreichung enormer Mengen Psychopharmaka, quälte. Man wollte mich offenbar mit diesen Mitteln wieder in die Bahnen von Recht und Ordnung lenken.

Nachdem ich dort 6 Monate festgehalten wurde, überführte man mich direkt in das Erziehungsheim nach Süchteln. Dort angekommen, wurde ich der Gruppe von meinem zukünftigen Gruppenleiter, als geisteskranker vorgestellt. In einem Kellerraum, musste ich mich vor anderen völlig entkleiden. Mein Kopfhaar, wurde mir brutal entfernt. Ich wurde mit einem Wasserschlauch abgespritzt, und dann mit einem Desinfektionspulver überworfen. Vor allen Gruppenmitgliedern, mußte ich mir meine Schambehaarung entfernen.Nachdem mir die Heimordnung ausgehändigt wurde, bekam ich einen blauen Arbeitsanzug verpasst. Meine Schuhe bestanden aus ein paar glatten Holzbrettern mit Riemen, um ein Entweichen zu verhindern. Dann wurde mir sofort ein Arbeitsplatz zugewiesen.

Die ersten drei Monate, habe ich im freien alte schmiedeeiserne Zäune und Gitter, mit einer Drahtbürste vom Rost befreien müssen. Es gab weder Handschuhe noch sonstige Schutzvorrichtungen, um die Lunge zu schützen. Dann habe ich viele Monate Elektroteile für die Industrie montiert. Im Sommer mußte ich bei den Bauern auf den Feldern sehr hart arbeiten. Von 7.30 Uhr 18. Uhr Kartoffeln auflesen, oder Obst und Gemüse ernten. Der Heimträger bekam von den Bauern 3 DM pro Kind und Stunde, Wir Kinder wurden mit 4 Pfennig pro Stunde entlohnt. Bereits bei den kleinsten Verstößen gegen die Heimordnung, wie z.B. mit jemandem bei der Arbeit zu sprechen, folgten harte Strafen. Boxhiebe, Tritte, Ohrfeigen, das verdrehen und hochziehen an den Ohren, Anne rumdrehen, so wie stunden oder tagelanges einsperren, bei völliger Dunkelheit in die Besinnungszelle bei Wasser, und trockenem Brot. 

Unser Gruppenleiter, brachte auch öfters seinen Stolz darüber zum Ausdruck, dass er bei der Hitlerjugend war. Bei Adolf, hätte man uns alle durch den Schornstein gejagt, wie andere. Was er genau sagte, möchte ich jetzt hier nicht wiederholen müssen. Da hätte Zucht und Ordnung geherrscht. Die körperliche Züchtigung durch die Erzieher ging so weit, dass ich heute noch 5 Narben vorzeigen kann, die durch körperliche Misshandlungen im Heim entstanden sind. Mein linkes Schultergelenk wurde zertreten, weil mir 2 Teller aus der Hand fielen, und zerbrachen. Meine Schulter hatte sofort operativ behandelt werden müssen. Es gab im Heim keinen Arzt, statt dessen sperrte man mich 3 Tage und Nächte in die Dunkelzelle, wo ich auf Grund von Knochenbrüchen, Muskel und Sehnenabrissen an den Knochen, höllischste Schmerzen aushalten musste. Ich schrie vor Schmerzen, aber niemand brachte mir schmerzstillende Medikamente. Trotz starker Schmerzen, musste ich am vierten Tag wieder arbeiten. Das Gelenk ist schief zusammengewachsen. Seit dem, bin ich linksseitig behindert. Schulunterricht gab es im Heim nicht. Ich habe nicht einmal einen Volksschulabschluss. Mein letztes Zeugnis, belegt den Besuch der dritten Klasse. Das hat mir im weiteren Leben viel Unannehmlichkeiten bereitet. Die nicht eingezahlten Beiträge, fehlen mir heute an meiner Rente. Ich bin ausgebeutet, und misshandelt worden. Ich bin zum Krüppel getreten worden, und wurde sexuell mehrfach missbraucht. 

Mir wurden heimlich Medikamente in das Essen gemischt, wie z.B. Valium, Librium und Hengolin, etc. Nachdem ich von einem Erzieher so zugerichtet wurde, dass ich durch einen Schock tagelang nicht ansprechbar war, steckte man mich in die geschlossene Psychiatrie. Dort sollte ich die Welt des Schreckens kennen lernen. Auf Grund meiner schlechten Verfassung, verbrachte ich dort 18 Monate. Nur durch die Initiative eines Arztes, eines Krankenpflegers und eines Anwalts, wurde die Rückführung in das Heim verhindert. Erst im September 1973, konnte ich die Anstalt als freier Mensch verlassen, und in das damalige Westberlin reisen. In Berlin, hatte ich enorme Schwierigkeiten einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, da ich nicht einmal einen Volksschulabschluss nachweisen konnte, und aus einem Erziehungsheim kam. Ich habe nur Arbeit bekommen, die andere nicht machen wollten. Die psychischen, und seelischen Schäden, die mir im Heim zugefügt wurden, sind nicht reparabel. Bis zum heutigen Tag, bin ich immer noch in psychotherapeutischer Behandlung. Ein Gutachten belegt, dass eine Heilung der vielen Traumen ausgeschlossen ist. Eine Heilung der zertretenen Schulter, ist unmöglich.

Als völlig gesunder Mensch, kam ich ins Heim. Als ich dieser Hölle wieder entkam, war ich schwerbehindert. Die Grundlage für ein normales Leben, wurde mir durch den Heimaufenthalt auf Lebenszeit zerstört. Ich bin seit vielen Jahren berentet, und habe einen Schwerbehindertengrad von 70 %.
Im Erziehungsheim 


Man schob mich ab ins Erziehungsheim,
6 Jahre, stand auf dem Schein.
Auf Staatskosten würde ich hier leben
dafür könnte ich auch arbeiten,
und mich auch regen.
Den ganzen Tag, von früh bis spät
für 4 Pfennig die Stunde,
so wie es hier steht.
Prügel gab es fast jeden Tag,
so viel, und oft, wie der Erzieher mag.
Du bist kein Mensch, du bist nichts wert, du bist nur Dreck,
drum nahm man dich, aus der Gesellschaft weg.
Das du hier bist, hat schon seinen Grund, jetzt geh an die Arbeit, und halt deinen Mund.
Wie ein Tier, sperrten sie mich ein,
dabei wollt ich doch frei -und geborgen sein.
Nun war ich hier, allein, verlassen,
alle schienen mich zu hassen,
niemand hat sich sehen lassen.
Zu Weihnachten, kam keine Post, und kein Paket, jeder aus dem Weg mir geht.
Für jede Kleinigkeit,
egal was immer,
sofort in das Besinnungszimmer.
Und die Seele schreit vor Not,
nur Wasser gab´s, und trocken Brot.
Dort war es dunkel, still und kalt,
kein freundlich Wort im Heime schallt.
Und jeden Tag, erneut und wieder,
du bist kein Mensch, du bist zuwider.
Du landest wieder in den Gassen
dich wird man nie in Ruhe lassen,
du landest ganz bestimmt im Knast,
weil du keinen Charakter hast.
Aus dir wird nie was, du bist nur Dreck,
drum bist du hier, sperrt man dich weg.
Und die Moral von der Geschieht,
ich hab´s erlebt, ist kein GEDICHT.

Dietmar Krone

Sehr geehrte Damen und Herren des Bundestages,

mein Name ist Eleonore Fleth. Ich bin 57 Jahre alt, habe 4 Kinder und lebe mit meinem Mann in Elmshorn, in der Nähe von Hamburg.

Von 1963-1965 lebte meine Mutter mit drei Kindern getrennt von unserem Vater in Merklinghausen bei Attendorn im Kreis Olpe. Mein Vater zahlte unregelmäßig Unterhalt und meine Mutter reichte die Scheidung ein. Aus einem mir nicht bekannten Grund bestand schon aus der Vergangenheit Kontakt zum Jugendamt. Weshalb, ich weiß es nicht. Es geht aus meiner Akte auch nicht hervor. Es gab auch den „ bösen „ Nachbarn, dem es nicht gefiel wie wir lebten. Vorweg, meine Eltern ließen sich erst nach 27 Ehejahren scheiden. Meine Geschichte und Erfahrungen mit der Heimunterbringung in den 60er Jahren, von der ich Ihnen gleich berichten werde, erzähle ich auch im Namen meiner inzwischen verstorbenen Schwester Heidi, die das gleiche Schicksal erleiden musste wie ich. Vorweg sei auch noch erwähnt, dass dies natürlich nur ein Bruchteil dessen ist, was ich in dieser Zeit im Heim erlebt habe. Meine Schwester war gerade 14 Jahre alt und ich 15.
Am 19. Februar 1965 wurden wir in die Bodelschwingsche Anstalten Bethel in das evangelische Mädchen und Frauenheim Ummeln gebracht, dass der Fürsorgeerziehung des Landschaftsverbandes Westfalen –Lippe unterstellt war, bis zum 06.03.1969, also mehr als 4 Jahre wurden wir in dem Heim, das ein geschlossenes Haus für schwer erziehbare Mädchen war, festgehalten. Unterbringungsgründe waren z.B. Straffälligkeit, nicht zu arbeiten, usw. Doch meine Schwester und ich waren nie straffällig, noch haben wir sonst irgend etwas getan, was eine Unterbringung hätte rechtfertigen können. Für uns war es völlig unverständlich was hier geschah. Erst heute weiß ich, dass §64 des Jugendwohlfahrtgesetz angewandt wurde. Dieser Besagt, dass er erst zur Anwendung kommen darf, wenn vorher alle anderen Möglichkeiten von Seiten des Jugendamtes ohne Erfolg blieben. In unserem Haus habe ich nie eine Fürsorgerin gesehen oder gesprochen, auch gab es keine richterliche Anhörung. Im Folgenden werde ich Ihnen in sehr kurzen Auszügen erzählen wie es in dem Heim zuging.
Die Bedingungen, die ich dort vorfand, sind unvorstellbar. Nach der Aufnahme wurden mir, ohne das ein Arzt mich untersucht hat, Beruhigungsmittel verabreicht. Dies ist aktenkundig und somit belegbar. Untergebracht war ich, wie alle anderen auch, in einer Einzelzelle mit gekalkten Wänden. Dort befand sich ein Bett, ein Stuhl, eine Blechschüssel zum Waschen und als Toilette diente ein Kindernachttopf. Die Fenster waren verschlossen und es gab nur eine kleine Lüftungsmöglichkeit von 20 x 10 cm. Die Zellentür hatte von innen keine Klinke und es gab auch keine Klingel für den Notfall.
Täglich musste ich 12 Stunden in der Großküche arbeiten, sieben Tage die Woche. Später arbeitete ich in der Großwäscherei, in der die Wäsche von Kunden geliefert wurde. Einmal in der Woche musste ich in einem Privathaushalt im Dorf Ummeln arbeiten. Vor jeder Mahlzeit mussten wir beten und sonntags zur Kirche gehen.
Post wurde zensiert. Einmal im Monat durfte ich einen Brief nach Hause schreiben, dieser Verließ das Haus, wenn überhaupt nur nach Zensur. Es gab keinen Ausgang, kein Taschengeld oder etwa neue Kleidung.
Für versuchtes Ausbrechen, Regelverstöße oder Taten die den Diakonissen missfielen, wurde man in eine so genannte „Klausur“ gesperrt, zur Besinnung, für mindestens drei Tage: Kein Fenster durch das man schauen konnte, am Tag nur auf dem Stuhl sitzen. Schalldichte Wände und Türen. Es war grausam.
In der gesamten Zeit des Heimaufenthalts hatten wir nur einmal Besuch von unserer Mutter.
Während der Heimzeit Ich habe keine Schule oder Berufsschule besuchen können, jegliche Bildung wurde mir verwehrt. Ohne irgendeine Vorbereitung auf ein selbständiges Leben wurde ich nach einem Arbeitsurlaub und mehr als vier Jahren im Alter von 19 nach Hause zu meinen Eltern entlassen.
Diese qualvolle Zeit der Einsperrung, die grauenhaften Bedingungen der Unterbringung und die menschenunwürdige Behandlung haben mein weiteres Leben sehr stark geprägt. Meine Familie ist daran zerbrochen. Meine jüngste Schwester hat eine starke Persönlichkeitsstörung und drei missglückte Suizidversuche hinter sich.
Folgen dieser beschriebenen traumatischen Ereignisse sind schwere physische und psychische Auswirkungen. Seit dreißig Jahren leide ich an massiven Schlafstörungen und an Fibromyalgie, ich habe qualvolle Schmerzen im ganzen Körper. Die Schmerzen waren oft so stark, dass ich meinen Alltag kaum bewältigen kann. Außerdem habe ich seit 30 Jahren Herzrhythmusstörungen und muss bei starken Anfällen Beta – Blocker einnehmen.
Ich leide an Ängsten, vor allem wenn es Dunkel wird. In geschlossenen Räumen gerate ich in Panik. Körperliche Nähe kann ich nur schwer ertragen. Ständig laufe ich mit dem Gedanken umher für alles Verantwortlich zu sein.
Versagensängste und das Gefühl ständig allen etwas beweisen zu müssen, bloß keine Fehler zu machen und über das Maß hinaus zu arbeiten begleiten mich seit der Unterbringung im Heim.. Eine Therapie brachte keinen Erfolg.
Trotz alledem bin ich nicht an dieser Zeit zerbrochen. Mein fester Wille hat mir die Kraft gegeben diese schlimme Zeit zu überstehen und es mir ermöglicht eine tolle Familie zu haben, meinen vier Kindern eine gute Schul- und Berufausbildung mit ins Leben zu geben und drei abgeschlossene Berufe zu haben. Nicht zuletzt deshalb arbeite ich wahrscheinlich im sozialen Bereich und leite seit vielen Jahren eine Wohnunterkunft für Obdachlose und Zuwanderer und zurzeit das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg, um diesen Menschen Verständnis entgegenzubringen und sie ein wenig unterstützen zu können.
Ich fordere für die qualvollen Jahre der Heimunterbringung:
1. eine Entschädigung wegen Freiheitsberaubung und Menschenrechtsverletzung
2. Wiedergutmachung,
3. die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen,
4. Lohn und Gehaltnachzahlung für die Zeit im Heim,
5. eine Rehabilitation sowie
6. eine Bestrafung der Personen, die damals diesen Beschluss gefasst haben.
Erst wenn Sie mir diese Forderungen erfüllen, habe ich überhaupt eine Chance meinen Frieden zu finden, um mit diesen schrecklichen Erlebnissen abschließen zu können.
Vielen Dank.

Meine Damen und meine Herren,
Sie haben in den letzten Minuten Berichte gehört, die sich in den 50er und 60er Jahren abgespielt haben, in einer Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland Wirtschaftswunderland war, in einer Zeit, in der viel von Aufbau, von Entwicklung in die Zukunft, von Familiensinn und anderen Dingen gesprochen wurde, in der Werte etwas galten und in der man stolz auf seine deutsche Identität war.
Auch in meiner Familie sprach man von diesen Werten, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon keine Familie im herkömmlichen Sinne für mich gab. Meine Eltern trennten sich, als ich 5 Jahre alt war. Meine Mutter war von diesem Zeitpunkt an damit beschäftigt, weit weg in Bayern mit einem anderen Mann ihr Leben zu genießen. Mein Vater, Rechtsanwalt und Notar, musste die Restfamilie ( seine Mutter, also meine Großmutter und mich) ernähren und war mit meiner Erziehung total überfordert. Diese Erziehungsfunktion übernahm meine Großmutter, die aber zu diesem Zeitpunkt schon 70 Jahre alt und ebenfalls total überfordert war. Fazit: Als ich schließlich nach ständigem Schulwechsel mit Mühe und Not den Hauptschulabschluß geschafft hatte und in die Pubertät kam, wurde ich „lästig“. Ich schwänzte eine angefangene kaufmännische Lehre, trieb mich mit Gleichaltrigen herum und revoltierte gegen das Torsoelternhaus. Mein Vater wusste mit mir nichts weiter anzufangen und ließ sich vom Jugendamt dazu überreden, mich in „Freiwillige Erziehungshilfe“ zu geben.
Dass bedeutete, Vater stimmte einer Heimunterbringung zu.
Zunächst einmal kam ich in das Heim „Heidequell“ des Johanniswerkes Bielefeld. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich eingesperrt und das schlimmste daran war, dass ich nicht einmal wusste warum. Also lief ich von dort weg zurück nach Hause. Aber mein Vater brachte mich zurück mit der Begründung, es wäre für mein weiteres Leben besser, wenn ich etwas „Zucht und Ordnung“ lernen würde. Außerdem seien dort im Heim alle sehr nett und auf mein Wohlergehen bedacht. Das merkte ich nachdem mein Vater fort war. Essensentzug und Freizeitverbot war die Folge der „Fürsorge“. Ich lief kurze Zeit später wieder weg nach Hause, wurde wiedergebracht, die Strafen verschärften sich und das ging mehrere Male so. Mir wollte nicht in den Sinn, dass mein Vater und meine Großmutter mich nicht haben wollten. Schließlich wurde die „Fürsorge“ verstärkt und mit Einwilligung meines Vaters kam ich in das Heim „Eckardsheim“, ein geschlossenes Heim der Bethelschen Anstalten, in dem man im Straßenbau arbeiten musste und drakonische Strafen (Prügel, Essensentzug, Schlafentzug etc) an der Tagesordnung waren. Für mich war noch unverständlicher, warum ich jetzt in ein solches Heim musste. Also lief ich wieder von dort weg nach Hause, wurde zurückgebracht und erfuhr entsprechende „Fürsorge“. Auch hier geschah das mehrmals, bis mit Einverständnis meines Vaters entschieden wurde, dass ich jetzt in ein Heim müsse, aus dem ich nicht mehr weglaufen könne und das mir arbeiten beibringen solle. Ich kam nach Freistatt im Teufelsmoor, einer weiteren Einrichtung der Bethelschen Anstalten, der in den anderen Heimen immer wieder angedrohten „Endstation“. Wenn ich geglaubt hatte, viel schlimmer als in Eckardtsheim könne es dort nicht sein, hatte ich mich sehr getäuscht. Es folgte ein Jahr unsäglicher körperlicher und seelischer Qualen, Erniedrigungen, Schläge und Folterungen. Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst Aufstand. – Kurze Schilderung eines Tagesablaufes –
Trotz der Abgeschiedenheit gelang es mir nach drei Monaten von dort mit blutigen Füßen und wund geschlagenem Rücken nach Hause zu fliehen. Mein Vater und das Jugendamt glaubten meine Schilderungen nicht, es war doch eine christliche Anstalt, dort kam so etwas nicht vor. Also wurde ich zurück gebracht, mit verheerenden Folgen für mich selber und meine Kameraden. (Schilderung)
Nach knapp drei Jahren ständiger Angst vor christlicher „Fürsorge“ in christlichen Heimen, nach drei Jahren verlorener Kindheit, nach drei Jahren christlichen Arbeitslagers ohne Lohn und Perspektive wurde ich 1964 nach Hause entlassen, weil mein Vater nun glaubte, ich hätte jetzt das nötige Rüstzeug für das Leben und könne nun wieder zu Hause sein.
Als ich aus dem Heim entlassen wurde, war ich körperlich und seelisch ein Wrack. Ich war verängstigt, unselbständig und konnte niemandem in die Augen schauen.
Zu Hause blieb ich nur noch Monate. Ich nahm mein Leben in die eigenen Hände und absolvierte ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ in Hamburg und danach eine Krankenpflegeausbildung. Nach 15 Jahren Krankenhaus hatte ich das Bedürfnis, mehr aus meinem Leben zu machen. Über den 2. Bildungsweg machte ich Abitur nach und studierte anschließend Sozialwissenschaften und Psychologie. 10 Jahre arbeitete ich nach Abschluß des Studiums als Gesundheitswissenschaftler bei der AOK, machte mich anschließend im Gesundheits- und Bildungsbereich selbständig, beriet Firmen und Weiterbildungsinstitutionen und trainierte Führungskräfte in Kommunikation, Personalmanagement und Verkaufspsychologie. Meine Kunden waren Firmen wie Kraft, VW, Bertelsmann, Siemens, SAP und andere.
Persönliche Schicksalsschläge veränderten vor einigen Jahren mein Leben, Scheidung und Schulden machten aus mir einen Hartz IV Empfänger.
Mein ganzes Leben lang hat mich die Angst aus Freistatt begleitet, Fluchtverhalten in bestimmten Situationen, Aggressionen gegen mich selber und Andere waren die Folge. Daraus resultierend auch oft Ortswechsel und innere Unruhe. Tiefergehende persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, lernte ich erst sehr spät in meinem Leben.
Die Zeit im Heim habe ich 40 Jahre verdrängt, erst durch das Buch von Peter Wensierski wurde diese Zeit wieder schmerzhaft bewusst und plötzlich waren alle diese schrecklichen Erlebnisse wieder präsent. Eine Einladung der Diakonie Freistatt, sich der Vergangenheit zu stellen und diese Heimstätte heute zu besuchen, nahm ich an, einmal weil ich endlich innere Ruhe erreichen wollte, aber auch, weil mich die sozialwissenschaftliche Seite interessierte.
Warum hat es 40 Jahre gedauert, bis dieses Kapitel in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt hat? Warum haben die Opfer 40 Jahre geschwiegen? Wie konnten solche menschenverachtenden Geschehnisse in christlichen Institutionen vorkommen? Warum fällt es den Entscheidungsträgern aus Politik und Kirche heute so schwer, dieses geschehene Unrecht an Tausenden von ehemaligen Heimkindern zuzugeben und die Opfer für diese Zeit zu entschädigen?
Viele meiner Leidensgenossen aus dieser Zeit wurden in den Heimen wesentlich schwerer traumatisiert und geschädigt als ich. Ihnen und mir kann diese verlorene Jugendzeit nicht wiedergegeben werden. Aber ich stehe heute hier vor Ihnen, weil ich meinen wissenschaftlichen Sachverstand und meine persönliche Betroffenheit dazu nutzen möchte, dass die Opfer dieser Zeit das Unrecht anerkannt bekommen und Entschädigung erhalten und
dass so etwas wie in den 50er und 60er Jahren in Heimen nie wieder passiert. Ich steuere mein Teil dazu bei, indem ich mich im Verein ehemaliger Heimkinder engagiere, indem ich in Freistatt mit Unterstützung der heutigen Leitung dort ein Dokumentationszentrum aufbaue und indem ich helfe in den heutigen Kinder- und Jugendheimen Möglichkeiten der Selbstbeteiligung von Jugendlichen wie etwa Jugendparlamente einzurichten.
Und Sie, meine Damen und Herren Politiker möchte ich bitten, sich ebenfalls dafür einzusetzen, dass die Opfer von damals Wiedergutmachung erlangen, damit sie ihren Lebensabend in Ruhe und Würde erleben können. In anderen Ländern Europas ist diese Wiedergutmachung erfolgt, in Deutschland warten die Opfer von damals auf ein Zeichen von Ihnen.

Danke dass Sie mir zugehört haben.

Zuerst möchte ich Ihnen sagen, dass der Vortrag etwas ausführlicher ist und dass der Heimaufenthalt nicht nur für mich sondern auch für meine im Vincenzheim geborene Tochter Auswirkungen auf unser ganzes Leben hatte, was unweigerlich zusammenhängt.
Mein Name ist M. E. Ich wurde 1943 in H. geboren und war das 6. Kind einer streng katholischen Familie.
Meine Mutter starb 1949. Im gleichen Jahr heiratete mein Vater eine Frau, die uns eine gute Mutter war. Aus diese Ehe gingen noch zwei Kinder hervor. Mein Vater war selbstständiger aus Schlachter und später Metzger bei der Bundeswehr. Wie auch zwei Schwestern kam ich mit 14 Jahren in Stellung um die Hauswirtschaft zum erlernen. Ich hatte von Kindheit an eine empfindliche Haut, starken Juckreiz durch Putzmittel. Nach eineinhalb Jahren brach ich die Ausbildung ab und ging wieder nach Hause.
Kurz nach meinem 16. Geburtstag verliebte ich mich in einen 24-jährigen kanadischen Soldaten. Ich war sexuell unerfahren. Ende November 1959 bemerkte ich, dass ich schwanger war. Als mein Vater davon erfuhr, schlug er wie von Sinnen auf mich ein und benachrichtigte das Jugendamt. Noch am gleichen Tag wurde ich in ein Haus für obdachlose Frauen und Mädchen nach dieser Lohn gebracht. Heiraten durfte ich nicht.
Am 1. März 1960 wurde ich von einem Polizeibeamten und einer Fürsorgerin in ein evangelisches Entbindungsheim nach Soest gebracht. Von da aus dann Anfang April 1969 ins Vincenz-Heim in Dortmund. Ich bekam die obligatorische Heim- Kleidung.
Blaukariertes Kleid mit Puffärmeln. Darüber ein Schürze aus gleichem Stoff. Ich kann in die Aufnahme Stationen. Zu Schwester Alexa und Nivella. Da saß ich nun stundenlang in einer Gruppe von etwa 20 Mädchen und häkelte weiße Batisttaschentücher. Die Nonne saß dabei, passte auf und betete ihren Rosenkranz. Die einzige Abwechslung war, fromme Lieder zu singen, ab und zu im Keller des Morgens stundenlang Kartoffeln schälen. Und Sonntag nachmittags Hofgang in Reih und Glied.
Alle paar Wochen kam ein alter Frauenarzt. Er untersuchte uns im Beisein der Schwester.
Als ich im achten Monat war, wurde ich ins Krankenhaus zur Untersuchung gebracht. Es war eine Steißlage. Von da an drängte mich die Schwester immer mehr, zur Beichte zu gehen. Ich hatte mich vorher schon geweigert.
Deshalb kam ich für einen Tag in die Klabause. Es war eine kleine Zelle mit einer Holzpritsche. Für die Notdurft einen Blecheimer.
Eines Samstag morgens bekam ich einen Zettel und Bleistift, und ich wurde im Schlafsaal eingesperrt. Dort sollte ich meine Sünden aufschreiben. Des Nachmittags dann in Reih und Glied in die Appelle zum Beichten.
Als ich an der Reihe war, kniete ich nieder und las vor: „Ich habe Unschamhaftes getan“. Der Priester fragte in welcher Stellung. Da ich nicht wusste was das war fragte ich: „Was ist das?“
Mit den schmutzigsten Ausdrücken erklärte er mir dann, was eine Stellung ist. Einzelheiten möchte ich mir und Ihnen ersparen..
Als ist mir zu viel wurde, lief ich weinend aus dem Beichtstuhl auf dem Flur. Schwester Alexa kam hinter mir her. Sie legten den Arm um meine Schulter und sagte: „Wenn Dir bei der Geburt was passiert, kannst du ohne Sünden vor den Herrn treten“. Ich konnte ihr doch nicht sagen was passiert ist, sie hätte mir nicht geglaubt .
In einem 1976/77 umgeschrieben Lied heißt es: “ Pater Fürbaß kommt viermal im Jahr und ist dann für die Beichte da. Der Pfaffe ist ein geiler Bock und schaut den Mädchen unteren Rock.
Am 2. August waren wir des Morgens in der Kapelle. Während der Wandlung war knieen Pflicht. Ich hatte plötzlich einen starken Schmerz im Unterleib und setzte mich hin. Sofort hatte ich Schwester Vincentines spitzen Finger im Rücken und sie sagte: „Hinknieen!“. Etwa 10 Minuten später war der Schmerz wieder war. Ich stand auf und ging aus der Kapelle. Schwester Vincentine kam hinterher und beschimpfte mich. Sie sagte, ich solle auf dem Flur hin und her gehen und ging wieder.
Nach einiger Zeit kam der Schmerz wieder. Mir lief Flüssigkeit die Beine runter und der Fußboden war nass. Ich hielt vor Schmerz meinen Bauch und suchte eine Toilette. Aber alle Türen waren verschlossen. Etwas später kamen alle aus der Kapelle raus. Ein Mädchen musste mir einen Eimer mit Wasser, Aufnehmer und Schubber holen, und ich musste alles sauber machen.
Etwa um 11 Uhr wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Die letzten Minuten vor der Geburt war ich bewusstlos. Sie haben das mir das Kind an den Beinen aus den Körpern gerissen. Um 13:05 Uhr wurde meine Tochter geboren.
Ich nannte sie M., nach meiner verstorbenen Mutter. Im Krankenhaus konnte ich stillen. Nach 10 Tagen wurde ich vom Heim wieder abgeholt. Noch am gleichen Tag wurden wir mit zusammengerollten Windeln die Brüste hoch gebunden und ich musste im Bügel-Saal arbeiten.
Des Sonntags durfte ich meine Tochter für eine Stunde sehen.
In dem vorhin zitierten Text heißt es dazu:
“Und hat ´ne Frau ein Kind bekommen,
dann wird es ihr gleich weggenommen,
die Kinder werden isoliert, dreimal zum wickeln vorgeführt.”
Bald wurde ich in eine andere Gruppe verlegt. Ich war in sechs verschiedenen Gruppen. Meine Arbeitseinsätze waren im Bügel-Saal, in der Näh-Stube, im Keller Kartoffeln schälen. Täglich der gleiche Trott. In zweier Reihen zur Kapelle, zur Arbeit, einmal wöchentlich Hofgang. Wo uns hohe Mauern daran hindern sollten, auszureissen. Des Samstags baden 10 min. Hygiene war Mangelware. Intimpflege war nicht möglich. Dementsprechend rochen wir auch. Wenn wir unsere Regel hatten, bekamen wir drei Mal täglich gestrickte Baumwollbinden, wo noch Spuren von den Spuren von der Vorbenutzerin dran waren.
Wenn ich meine Hände und Arme wegen ständigem Juckreiz blutig gekratzt hatte, bekam ich Teersalbe und im Streifen gerissene alte Bettlaken. Wir mussten täglich bis zu 10 Stunden arbeiten. Samstags bis Mittags. Es gab eine Notensystem. Arbeits-, Fleiß-, Höflichkeits- und Sauberkeitsnoten. Für jede Note 5 Pfennig pro Tag. Bei den geringsten Verfehlungen wurde das gestrichen.
Jede Nonne hatte ständig ein Notizbuch bei sich. Da wurde jede Verfehlung notiert. Oft wurden mir die Besuche bei meiner Tochter gestrichen, weil ich Widerworte gegeben hatte oder das Redeverbot missachtete.
Den Teller leer essen war Pflicht. Wir mussten so lange sitzen bleiben bis der Teller leer war. Das Essen war oft mit dicken fetten Schweineschwarten gekocht. Auch wenn die Mädchen schon auf dem Teller ungebrochen hatten, der Teller musste leer gegessen werden
Alle paar Wochen wurde in der unteren Etage einen Stand aufgebaut, an dem wir uns Seife, Shampoo, Süßigkeiten, Niveacreme oder eine Haarbürste kaufen konnten. Durch das strenge Notensystem war es mir oft nicht möglich, Shampoo und Zu kaufen. Dann musste ich und auch die anderen Mädchen uns die mit Kernseife oder Schmierseife waschen.
Mehrmals haben Mädchen versucht, sich das Leben zu nehmen, oder haben versucht auszureißen. Danach haben wir sie nicht wieder gesehen.
Wahrscheinlich haben wir auch Medikamente bekommen. Wenn der Kaffee des Mordens komisch schmeckte und schaumig war, sagten wir: „Jetzt haben wir wieder Hengolin bekommen.“ Nach einigen Monaten hatten viele Mädchen 10 bis 20 kg zugenommen. Zu trinjen gab es nur zu den Mahlzeiten. Auch im Sommer bei der Hitze im Bügel-Saal.
Es waren aber nicht alle Schwestern so schlimm wie Alexa und Vincentiene. Schwester Manuela die die Theresien-Gruppe leitete, war nicht so streng und tröstete uns, wenn wir traurig waren. Das Redeverbot nahm sie nicht so genau. Dafür wurde sie von Schwester Vincentine im Beisein der Mädchen gerügt.
Wenn ich meine Tochter besuchte, stand sie und auch die anderen Kinder schaukelnd und mit dem Kopf wackelnd im Bett. Sie waren mit Windeln an den Gitterbetten angebunden. Spielsachen waren kaum vorhanden.
Im Herbst 19 und 61 wurde ich nach Allen bei Rühnern verlegt, auf den Strüvernhof. Ein großer Bauernhof der zum Vincenzheim gehörte. Dort musste ich auf dem Feld arbeiten. Kartoffeln auflesen und Runkeln ziehen, im Schweinestall und im Kuhstall arbeiten. Das Heim war Selbstversorger. Denn auch Obst und Gemüse und Salat wurden Saisongemäß geerntet. Zwei civil beschäftigte Frauen brachten die Ware täglich nach Dortmund. Während dieser Zeit habe ich meine Tochter nicht gesehen.
Bei meiner Entlassung war ich 181/2 Jahre alt. Ich habe dann in einer Fabrik gearbeitet in der Elektrogeräte hergestellt wurden. Meinen Lohn musste ich zu Hause abgeben. Damit ich meine Tochter am Wochenende besuchen konnte, putzte ich nach Feierabend die Büroräume. Das Geld bekam ich separat ausgezahlt.
Nach etwa acht Wochen habe ich dann einen Platz im Iserohner Waisenaus gefunden. Als ich meine Tochter abholte war sie ein 11/4 Jahr alt. Sie konnte noch nicht alleine laufen. Sie schwankte beim Gehen hin und her. Die Schwester in der Kleinkinder-Abteilung sagte zu mir: „Geh´ mal mit ihr zum Arzt, da stimmt was nicht.“ Das Waisenaus stellte Sie den Kinderarzt Doktor Tigges vor. Die Praxis benachrichtigte mich telefonisch auf meiner Arbeitsstelle.
Der Arzt erklärte mir an Hand einer Röntgenufnahme, dass meine Tochter eine doppelseitige Hüftgelenksluktuation hätte, die in seltenen Fällen bei der Geburt vorhanden sei, aber durch die Steißlage und die dadurch komplizierte Geburt begünstigt würde. Sie kam sofort nach Dortmund in die orthopädischen Klinik. Dort wurde sie unter Narkose eingerenkt und lag dann Wochen lang im Gipsbett. Die Ärzte im Krankenhaus sagten mir, die Schäden hätten schon viel früher festgestellt werden müssen, weil diese schäden bei Lageanomalien bekannt seien.
Danach nahm das Waisenhaus in Iserlohn sie nicht wieder auf. Sie kam zurück ins Vincenzheim. Dort blieb sie bis zum 1. November 1963. Einen Tag nach meiner Heirat holten wir sie ab.
Es folgten bis zum 12. Lebensjahr drei schwere Operationen. Mit 16 wurden Ihr Schrauben entfernt. Sie ist von Kind an zu 80 Prozent schwerbehindert. Sie war ein sehr schwieriges Kind. Besuchte die Sonderschule. Ich war oft überfordert. Heute weiß ich, dass die ersten Lebensjahre eines Kindes sehr prägend sind. Ich habe immer noch große Schuldgefühle.
Vor 13 Jahren sagte sie mir: „Mutti, Du hast mich nie geliebt.“ Seit dem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr.
Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, hat mich der Heimaufenthalt doch sehr stark geprägt.
Alle Autoritäten sind mir zuwider! Um jede Kirche mache ich einen großen Bogen! Wenn ich einer Nonne oder einen Priester begegne, habe ich sofort negative Erinnerungen an Zwang, Drangal und Demütigung.
Meine Kinder habe ich nicht religiös erzogen, aber ihnen Achtung vor Menschen beigebracht.
Meine beiden Töchter S. und P. haben Fachabitur und arbeiten in sozialen Berufen. Mein Sohn A. hat Mittlere Reife und ist Einzelhandelskaufmann. Nur bei M. ist viel schief gelaufen.
Was ich auf Ihre frühkindlichen Erlebnisse zurückführe.
Vielen Dank

Sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrte Damen und Herren
Ich bin Nr. 34, Neuer!
In meiner öffentlichen Biographie heißt es unter Anderem: Michael-Peter Schiltsky 1947 Geboren in Holzminden, 1967 Abitur. Dann Studium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und der Germanistik an der Universität in Karlsruhe Geschäftsführer und künstlerischer Leiter einer Galerie in Karlsruhe Langjähriger Lehrauftrag an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim Gastprofessur an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim Interimsgeschäftsführer im Badischen Kunstverein in Karlsruhe Gastprofessur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Stipendium Cité Internanionale des Arts in Paris Werkvertrag mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz – Mitglied im Deutschen Künstlerbund Arbeiten in öffentlichen Sammlungen unter Anderen Staatsgalerie Stuttgart, Kunsthalle Mannheim, Kunsthalle Karlsruhe, Sprengelmuseum Hannover, Sammlung Schloss Salder Salzgitter, Sammlung der Stadt Kassel
Meine private Biographie ist wesentlich von der Heimzeit von 1957 bis 1967 geprägt.
Bevor ich ins Heim kam, hatte ich bei Frau Bernazkon im Hinterzimmer ihres Kollonialwarenladens drei Apfelsinenkisten als Bett, eine Decke als Matratze eine Decke als Zudeck.
Meine Mutter arbeitete damals als Propagandistin, sie war im Dritten Reich als Lehrerin ausgebildet, nach dem Krieg aber nicht wieder in den Dienst übernommen worden.
Eines Nachts, kam sie an, holte mich von meinen Apfelsinenkisten, nahm mich mit in ein Hotel in Gelsenkirchen-Buer und brachte mich nach einigen Tagen in das Knabenheim Westuffeln in Werl. Mein Vater war zu der Zeit bereits todkrank und lag im Krankenhaus, er starb ein halbes Jahr später.
In einem imposanten Bau mit Park und Gartenanlagen bekam ich, weil das Haus voll belegt war, im Krankenzimmer ein Bett zugewiesen. Ich sollte knapp 3 Wochen später 10 Jahre alt werden. Nach den langen Monaten auf den Apfelsinenkisten schien dies erst eine deutliche Verbesserung meiner Situation zu sein, zumal es auch regelmäßig zu essen gab.
Doch dann kam gleich in den ersten Tagen jemand nachts in den dunklen Raum und legte sich zu mir ins Bett.
Ein Ereignis das für mich nicht einzuordnen war: Jemand legt sich zu mir und ist fast zärtlich, was ich über ein ganzes Jahr oder länger gar nicht erlebt hatte, und dann: Da stimmt etwas nicht: da tut etwas weh und ist nicht in Ordnung, und das will ich auch nicht, und gleichzeitig auch: Das darfst du keinem sagen. Eine ambivalente Situation: Zuwendung, die man gleichzeitig nicht will. Das dauerte so lange, bis ich in den kleinen Schlafsaal verlegt wurde.
Jahre später, das Geschehene ist ganz weit weggeschoben, ich liege mit einem lieben Menschen im Bett, und sie fasst mich an der falschen Stelle an, und ich werde starr. Von einem Moment auf den anderen ist alles zu. Ich war nicht drauf gefasst und hatte auch keine Möglichkeiten, mich darauf vorzubereiten, es überfiel mich mit Macht, einer Macht, die mich noch heute bannt.
Anderen die auch in dieser Zeit in Westuffeln gewesen sind, ist Ähnliches widerfahren. Noch in den sechziger Jahren wurde einer der Erzieher, die in Westuffeln gearbeitet hatten, wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener rechtskräftig verurteilt.
Wir erhalten auch sehr häufige Hinweise auf sexuellen Missbrauch, sowohl in den Mädchen als auch in den Knabenheimen, wobei man sich vergegenwärtigen muss, dass dieser Missbrauch durch Machtmissbrauch erst möglich wurde. Die Namen der Betroffenen, die von Übergriffen durch Salesianer, Diakone, Beichtväter und anderen berichten, sind uns bekannt. Frauen, die von gynäkologischen Zwangsuntersuchungen berichten, erzählen auch, dass diese in der Form, in der sie stattgefunden haben, als sexueller Missbrauch empfunden wurden.
Jedes Kind bekam bei seiner Aufnahme in Westuffeln eine Nummer – die Nummer, die gerade durch Entlassung frei geworden war, meine Nummer war Nr. 34. Wenn man hier neu ankam, dann war man Neuer: Neuer komm her, Neuer mach das, Neuer lauf dahin, man hatte keinen Namen, sondern man war „Neuer“, das hat sich erst geändert, wenn man einen anderen verprügelt hatte, erst dann bekam man einen Namen.
Nach knapp eineinhalb Jahren war ich dann soweit, dass ich einen zusammengeschlagen habe, und ich weiß noch, ich habe nur noch dessen Haare genommen, und den Kopf auf den Boden geknallt, wenn nicht welche gekommen wären und hätten mich weggezerrt, wäre das wahrscheinlich sehr schlimm ausgegangen. Ab da war ich dann nicht mehr Neuer. Da man aber meist einen Spitznamen bekam, gab ich mir selbst einen, indem ich mich mit meinen dritten Vornamen ansprechen ließ: Emil.
Schläge waren an der Tagesordnung, wenn man erwischt wurde, ist man schon verdroschen worden, und wenn der Erzieher gemeint hat, das war jetzt etwas Schlimmeres, dann wurde das dem Hausvater gemeldet, und dann durfte man im Speisesaal vor dem Personaltisch den Arsch blank ziehen. Das Schlimme waren nicht die Schläge, die man dann aufgezählt bekam, sondern die Tatsache, dass man vor den einzigen weiblichen Personen, die es im gesamten Heimgelände gab, nämlich dem Küchenpersonal, die Hosen runter lassen musste.
Das Heim war Selbstversorger. Die Kinder (6 -14 jährig) mussten täglich mehrere Stunden arbeiten: in der Küche, beim Kartoffelschälen, in den großen Gartenanlagen, im Gewächshaus, im Park oder in den Ställen bei den Schweinen, den Hühnern, Schafen und Eseln. Der Tag begann mit der Arbeit vor dem Frühstück, jeden Morgen alle Räume, die von den Kindern benutz wurden Staub wischen, fegen, wischen, bohnern. Erst danach ging es in den Speisesaal zur täglichen Haferschleimsuppe mit Brot zum reinbrocken. Gegessen wurde von Blechtellern.
In der Saisonzeit, wenn zum Beispiel das in der damaligen Zeit noch übliche Rüben vereinzeln, Heuwenden oder Kartoffelnlesen notwendig war, wurden wir mit einem Traktor geholt und zu den Feldern der Stiftungsratsmitglieder gefahren, Mitgliedern des Kuratoriums gefahren. Die Schule fiel dann aus.
Das Geld, was es dafür gegeben hat, haben wir nie zu sehen bekommen. Angeblich war es so, dass es eine Mark gegeben hat, eine Mark pro Tag, aber die Mark ist dann vom Hausvater einbehalten worden, mit der Begründung, das ist dann für die, die gar nichts haben, für die Weihnachtsgeschenke. Doch von dem Geld fürs Rüben vereinzeln, Heuwenden, Spargelstechen oder Kartoffellesen haben wir Kinder nie etwas erhalten. Der Stadtarchivar von Werl hat mir erzählt, dass man damals 5 DM pro Tag bei den Bauern erhalten habe.
Unter den Jungen existierte eine rigide Hackordnung. Der Stärkste hatte das Sagen. Und die Rangfolge wurde mit Fäusten und Tritten blutig ausgekämpft. Daraus ergab sich auch eine Art Kapo-System, das von den Erziehern offenbar gewünscht war.
Doch manchmal gab es auch Solidarität mit den Schwächeren wie beispielsweise im Umgang mit Bettnässern:
Es muss einfach so gewesen sein, dass wir Kinder gemerkt haben, dass es nicht in Ordnung war, dass Bettnässer mit dem nassen Laken über dem Kopf Spießruten laufen mussten, und haben einen Weckdienst eingerichtet, also Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben organisiert, dass die Kinder von welchen wir wussten, dass sie ins Bett machen, geweckt und auf die Toilette gebracht wurden. Das haben wir mehrere Jahre so durchgehalten.
Solidarität war auch dann möglich, wenn es gegen die Erzieher ging: zum Beispiel als entdeckt wurde, dass jemand in der Vorratskammer genascht hatte. Da saßen 50 Kinder dann zur Strafe einen ganzen Sonntag von morgens bis abends, ohne Essen, mit dem Finger auf dem Mund und sagten nichts, obwohl jeder wußte, wer das gewesen ist, und es war klar; man sagt das nicht.
Schläge waren an der Tagesordnung.
Einer der Erzieher, Günter Matschke, den ich in Westuffeln erlebt habe, hat zu den Zuständen dort 2004 folgendes gesagt:
„Die Gesamtheit musste ja funktionieren, sonst waren da sehr schnell chaotische Zustände, die man zu verhindern hatte. Wenn man als Erzieher einen Ruf hatte, bei dem geht es drunter und drüber, das war ein schlechtes Image für einen selber, von daher stand man schon unter dem Zwang, in seiner Gruppe Ordnung zu haben und das ließ sich bei der Masse von Kindern oft nur mit Gewalt durchsetzen.“
Matschke spricht rückblickend, von Kasernenhof-Pädagogik, die nicht nur in Westuffeln, sondern in fast allen Heimen jener Zeit geherrscht habe.
„Ich sage heute, ich habe mich schuldig gemacht, das tut mir heute noch weh, die Jahre, die man da Menschen misshandelt hat,
aber als eigene Entlastung kann man sagen: es war damals in der Zeit noch so und die Zustände waren einfach heillos.
Was da für Deformierungen von jungen Menschen passiert ist, das kann man nicht wiedergutmachen, das ist schuldhaft, nur dass man es nicht als Schuld einsieht von den Mitarbeitern, die dieses Systeme verkörpert haben, das wird heute noch nicht als Schuld gesehen, ich persönlich muss sagen: Ich sage mir manchmal, was sind wir doch für erbärmliche Leute gewesen, dass wir so reagieren mussten. Man hätte ja auch auf die Barrikaden gehen können.“
Der „Hausvater“, der von 1959 bis 1969 Westuffeln leitete, sagte mir, als ich Ihn vor einigen Jahren besuchte und mit meinen Erinnerungen an das Heim konfrontierte: „So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, sogar aus Dir ist doch noch was geworden.“
Am Tag meiner Konfirmation 1962 war meine Mutter das zweite Mal in Westuffeln und hat mich abgeholt. Ein Berufsberater, der mir eine Stelle als Werkzeugmacher beschafft hatte, hatte mir erklärt, ich könnte auch versuchen die Prüfung für ein Aufbaugymnasium zu machen.
Der Lehrer der uns in der Heimschule in Westuffeln alle zusammen, 50 Kinder, erstes bis achtes Schuljahr in einem Raum unterrichtet hatte, hatte seine Arbeit gut gemacht, ich habe die Aufnahmeprüfung für das Staatliche Aufbau-gymnasium mit Heim in Nagold bestanden und ging, nach eigenem Entschluss, von meiner Halbwaisenrente bezahlt, noch einmal ins Heim, von 1962 bis 1967. Dort machte ich das Abitur.
Diese Fünf Jahre Heimerfahrung stellten alles auf den Kopf, was ich in den fünf Jahren zuvor erlebt hatte.
Hier durfte ich ein Instrument lernen müssen.
Hier durfte ich ins Theater gehen müssen.
Hier durfte ich in Vorträge gehen müssen.
Hier durfte ich Literatur lesen müssen.
Hier durfte ich im Schulchor singen müssen
Hier durfte ich in der Literarischen Arbeitsgemeinschaft arbeiten müssen
Hier durfte ich mit der Theaterarbeitsgemeinschaft Stücke aufführen müssen
Hier durfte ich ins Konzert gehen müssen
Hier durfte ich Gedichte schreiben müssen
Hier durfte ich lernen müssen, dass die Fähigkeit zum Widerspruch erarbeitet werden will, um zu einem mündigen Bürger heranwachsen zu können.
Hier wurde nie jemand von einem Erzieher geschlagen, es gab ohnehin nur die Lehrer als Erzieher.
Hier wurde versucht uns mit Musik, Literatur, Theater und Kunst, Geschichte und dem was sonst noch für das Abitur wichtig war, die Freude an Bildung zu vermitteln.
Eines der größten Verbrechen, das in vielen der Heime begangen wurde, war die Verhinderung von Bildung!
Für mich sind die Jahre in Nagold der Beweis dafür, dass es auch in anderen Heimen anders hätte zugehen können, wenn man den Kindern und Jugendlichen Achtung entgegen gebracht hätte.
Nicht vergessen werden darf die Problematik der Nachopfer, die bereits angedeutet wurde, zu der ich aber noch einen Aspekt hinzufügen muss: Die Gewalt, die wir mit in unsere Beziehungen genommen haben. So bin ich in Konfliktsituationen gewalttätig gegen meine Frau und meine Kinder geworden, und zwar in einem Maße, dass aus meiner Sicht, eine Strafverfolgung hätte nach sich ziehen müssen. Und das als Jemand, der sich immer gegen Gewalt gewandt, aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigert hat. Ich verdanke es meiner Frau und meinen Kindern, dass wir gemeinsam, durch lange Arbeit einen Weg gefunden haben, aus diesem Teufelskreis herauszutreten. Mit den Worten eines anderen Betroffenen muss ich jedoch sagen: „Ich bin eine Zeitbombe!“
Wie ein Alkoholiker sagt, ich bin so und so lange trocken, so kann ich zwar sagen, ich bin seit 26 Jahren „Gewaltfrei“, der Alkoholiker hat aber den klei nen Vorteil, sagen zu können, ich darf keinen Alkohol trinken,
ich werde nie wissen, ob ich nicht doch wieder in eine Situation gerate, in der meine Angst, verlassen zu werden, mein Gefühl nichts wert zu sein, mich wieder hilflos zuschlagen lässt. Mein Verstand sagt mir, das wird nicht mehr geschehen, mein Gefühl sagt oft, setz dich in eine Ecke und warte bis Du vertrocknest.
Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis zu einem Satz, den wir oft, auch aus dem Justizministerium der BRD, zu hören bekommen haben:
Der Spruch: „Die Zeiten waren damals so.“ stellt eine unverschämte Verharmlosung von Verbrechen wider die Menschlichkeit dar.
Bereits 1950 heißt es in einem Erlass des Sozialministeriums in NRW bezogen auf körperliche Züchtigung: „…dass ich nunmehr anordnen kann, dass auf dieses Strafmittel völlig verzichtet wird. Ich bitte daher aus allen Hausordnungen, soweit darin noch die Möglichkeit einer körperlichen Züchtigung vorgesehen ist, diesen Passus zu streichen.“
Das Väterliche Züchtigungsrecht wurde 1957/58 ersatzlos gestrichen. Es war Verfassungswidrig.
Das Grundgesetz der BRD, mit den darin enthaltenen Menschenrechten, gilt seit 1949. Ich habe darin keine Stelle finden können, in der festgestellt wird, dass Kinder keine Menschen sind, also die Menschenrechte für sie keine Gültigkeit hätten. Was allerdings fehlt, ist der Hinweis, dass die gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich dazu verpflichtet ist, dafür Sorge zu tragen, dass Kinder ihre Menschenrechte auch verwirklichen können.
Wenn jemand dergleichen, wie es hier heute vorgetragen worden ist, einem Erwachsenen angetan hätte, so wäre dies, auch damals bereits, bezogen auf die Schläge, Körperverletzung oder, bezüglich der Unterbringung in Besinnungszimmern Freiheitsberaubung, im Falle des sexuellen Missbrauchs, Vergewaltigung, also eine Straftat, wenn nicht gar ein Verbrechen gewesen! …….
Es muss in Deutschland endlich ein Rechtsbewusstsein für die Rechte der Kinder entstehen, in dem unmissverständlich deutlich gemacht wird, dass die Menschenrechte uneingeschränkt für alle Menschen, also auch für Kinder gelten!
Es muss in Deutschland endlich ein Unrechtsbewusstsein dafür entstehen, dass die Verletzung der Menschenrechte ein Verbrechen, die Verletzung der Menschenrechte von Kindern ein Verbrechen an der Menschheit ist!
Nicht die Kinder, die damals „zum Schutz vor Verwahrlosung“ ins Heim kamen, waren verwahrlost, sondern die Gesellschaft, die zugelassen hat, dass Kinder und Jugendliche so behandelt worden sind, wie es Ihnen heute vorgetragen wurde; diese Gesellschaft war eine verwahrloste Gesellschaft. Es ist nun an Ihnen, meine Damen und Herren, gemeinsam mit uns, die wir als Zeitzeugen in der Verantwortung stehen, Mahner zu sein, dafür Sorge zu tragen, dass so etwas in Deutschland nicht wieder geschehen wird.
Kein Kind kann sich seine Einzigartigkeit bewahren, wenn alle Kinder immer artig sein müssen! 

1. Einweisung in ein Kinderheim.

Im September 1963 wurde mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich wegen dramatischer familiärer Gründe auf Anraten des Jugendamtes in einem Kinderheim abgegeben. Zwei weitere jüngere Geschwister verblieben vorerst noch zu Hause. Weder wurden wir darauf vorbereitet, noch zu einem späteren Zeitpunkt darüber informiert. Was mir wichtig ist: Anscheinend konnte man damals Kinder per Gesetz als Sache behandeln. Dort machte ich meinen Hauptschulabschluß (damals Volksschule), und verließ das Kinderheim(mein jüngerer Bruder blieb zurück) im Frühjahr 1966, mit fließendem Übergang, da ich einen Ausbildungsplatz mit Unterkunft vermittelt bekam über das Arbeitsamt, als Floristin. Während des 1. Ausbildungsjahres zeigte mein Chef und Ausbilder ein reges sexuelles Interesse an mir, welches sich im Laufe der Zeit stark zuspitzte, und mit versuchter Vergewaltigung endete.
In meiner Not wußte ich mir keinen anderen Rat, als von dort weg zu laufen, und nahm den Arbeitsplatz nicht wieder nicht wieder auf. Meine Großmutter, der einzig intensive familiäre Kontakt für mich während dieser Zeit, erzählte ich das Drama. Diese riet mir, mich an das Jugendamt zu wenden, um die Hilfe zu bekommen, die jetzt bitter nötig wäre. Da ich sehr verängstigt war, und der Gedanke an das Jugendamt nicht gerade vertrauen in mir weckte, bot meine Großmutter mir an dort hin mit zu gehen, und mich nicht allein zu lassen. Auf dem Jugendamt versuchte ich so gut es mir möglich war, meine Situation verständlich zu machen, worauf hin sie mir einen neuen Arbeitsplatz anboten. Wir besprachen einen Termin für den nächsten Tag, an dem die Dame des Jugendamtes mich zwecks Vorstellung bei einer neuen Arbeitsstelle abholen würde.
Dass ich nun als sittlich und moralisch gefährdete Jugendliche in ein Erziehungsheim eingewiesen werden sollte war mir nicht bewußt. Zudem wußte ich nicht, das man als junge Heranwachsende mit Gefängnis bestraft wird, weil man sexuell genötigt und fast vergewaltigt wurde. Den richterlichen Beschluß für eine Einweisung halte ich heute in meinen Händen.

2. Erziehungsheim Breitenau “Mädchenheim Fuldatal”, Guxhagen bei Kassel 

Am nächsten Morgen erschien ich zur abgemachten Zeit auf dem Jugendamt, und ich fuhr mit der Dame vom Jugendamt merkwürdigerweise zuerst zu einer ärtztl. Untersuchung, worüber ich nicht informiert wurde. Wir fuhren in ein Krankenhaus, wo ich gebeten wurde, in einem Wartezimmer einen Moment Platz zu nehmen. Ich war logischer Weise in dem guten Glauben, es ginge um meinen Arbeitsplatz. Als sich nach einiger Zeit nichts tat und ich die Toilette aufsuchen mußte, stellte ich fest, das die Türen verschlossen waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich (nach heutigen Masstäben) weder aufgeklärt, noch wußte ich was bei einem Gynäkologen vor sich ging, außerdem war ich noch Jungfrau. Nun wurde ich gebeten, mit zu kommen in das Untersuchungszimmer, wo ich, ohne Fragen zu stellen, alles über mich ergehen ließ. Zum Schluß wurde mir noch Blut entnommen, und wir fuhren nun zu meinem angeblich neuen Arbeitsplatz. Auf meine damalige emotionale Situation möchte ich hier nicht weiter eingehen, obwohl das gerade geschilderte schon Trauma genug ist für einen jungen Menschen. Mein Trauma sollte aber jetzt erst richtig beginnen.
Nach einer guten dreiviertelstunde Autofahrt sah ich schon von weitem riesige Mauern mit Stacheldraht bestückt, worauf wir jetzt zu fuhren. Die Fenster des Gebäudes waren vergittert und ich fragte mich was ich hier wohl soll???
Ich starrte die Frau vom Jugendamt an, und fragte sie warum ich in ein Gefängnis gebracht werde? Die junge Frau, vielleicht 25 Jahre, erklärte mir dies sei ein Erziehungsheim für junge Mädchen, und ich müßte nur einige Wochen hier bleiben, bis man einen geeigneten Arbeitsplatz für mich habe. Wir bogen in das große Tor ein und hinter mir schloßen sich die Pforten. Auf der Geschäftsstelle angekommen, gingen wir in das Büro der Heimleiterin, welche sich mir vorstellte als Leiterin des Institutes.
Von dem Aussehen der Heimleitung war ich schwer beeindruckt, als sie hinter ihrem Schreibtisch hervorkam, mit ihrem Kurzhaarschnitt, den markanten Gesichtszügen, und dem kühlen strengen Blick aus den Augenwinkeln. Gekleidet war sie mit grauem Rock, einer Bluse und schwarzer Lederjacke. Die junge Frau vom Jugendamt hatte sich schnell verabschiedet, und ich wurde nun von einer Schwester Namens Gertrud in Schwesternkleidung mit Häubchen abgeholt.
Sie ging mit mir über den Hof, indem sie mir erklärte ich würde jetzt untersucht. Im Untersuchungszimmer angekommen, mußte ich mich völlig nackt ausziehen, meine eigene Kleidung wurde mir weggenommen, und eine umfassende Körperinspektion wurde an mir vorgenommen. Dazu zählte die genaueste Überprüfung von Kopf und Filzläusen. Anschliessend bekam ich ein Nachthemd aus grauem Sackleinen, eine Baumwollunterhose, und einen Arbeitskittel, der als Morgenrock diente. Strümpfe gehörten nicht dazu, lediglich dünne Filzpantoffeln, zusätzlich Zahncreme und Bürste.
Anschliessend wurde ich in ein Zimmer geführt, rechts und links an der Wand jeweils ein Eisenbett mit dünner Decke, Kissen und grauen Bezügen. An den weiß getünchten Wänden ein oder zwei nichtssagende Bilder. Nachttische aus Holz, und die Schwester holte noch einen Nachttopf herbei. Dann wurde die Tür verschlossen, ich war allein auf der Isostation, wie ich dann später erfuhr, für insgesamt 10 Tage. Außer Mahlzeiten, hin und wieder etwas Literatur und einer nochmaligen ärztlichen Untersuchung hatte ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Die Fenster waren vergittert.
Nach 10 Tagen der Isolation kam ich in die Aufnahmegruppe. Hier wurden Kleinstteile für die Autoindustrie gefertigt und für Firmen die Fertigstellung von Besteckkästen im Akkord hergestellt. Arbeitszeiten waren von Montag bis Freitag, jeweils 8 Std. tägl. Eine Stunde Mittagspause. In der Herstellung gab es die Vorgabe, 300 Teile Vormittags fertig zu stellen, und 300 Teile Nachmittags. Es galt das absolute Redeverbot. Für die Herstellung von 400 Teilen pro 4 Std. Arbeitszeit bekam man 10 Pfennig zusätzlich, für weniger als 300 Teile 10 Pfennig Abzug. Für brechen des Schweigegebots gab es 50 Pfennig. Lohnabzug.
Der Speiseplan der Mittagsmahlzeiten bestand aus den drei Mal wöchentlich wiederkehrenden Suppen. Darunter jeden Mittwoch die leckere Brotsuppe. Wahrscheinlich kannte mein Vater diese aus Kriegszeiten und Gefangenschaft schon. Aber inzwischen war der Krieg schon mehr als 20 Jahre vorbei, und draußen tobte das Wirtschaftswunder inmitten einer Demokratie.
Ich habe hier viele Mädchen kommen und gehen gesehen, die sich ständig selbst verletzten, und immer wieder verzweifelt versuchten auszubrechen. Zu diesen Mädchen gehörte auch ich. Hier lernte ich homosexuelle Beziehungen kennen, von verzweifelten Menschen, die nach Zuneigung und Anerkennung schrien. Hier lernte ich, das es besser ist sich selber Schmerz zuzufügen, damit du den Schmerz der von außen kam nicht mehr spüren mußtest.
Die Post wurde kontrolliert und gelesen, Besuch war nur auf Antrag alle acht Wochen (von dafür ausgewählten Personen) erlaubt.
Meine Geschwister wußten nicht wo ich war. Für jeden sei es auch noch so ein geringer Verstoß gab es die Klabause(Isohaft). Ich habe Mädchen gesehen die für ein Stück Leberwurstbrot sexuellen Wünschen nach gaben, und eine Heimleitung, die in schwarzer Lederkleidung mit Peitsche herumlief, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
In der Aufnahmegruppe befanden sich im Durchschnitt 15 Mädchen. Insgesamt hatte das Erziehungsheim ca. 80 Plätze für junge Mädchen, durchschnittlich im Alter von 14 bis 20 Jahren. Ich selbst kann mich aber an ein 11jähriges hochschwangeres Mädchen erinnern, welche in unserer Gruppe arbeiten mußte, bis zu ihrer Niederkunft. Sehr oft war die Aufnahmekapazität erschöpft, wegen Überbelegung. Jeden zweiten Sonntag hatten wir Schreibtag. Jeder bekam ein Blatt und einen Kugelschreiber, wobei die Ausgabe gegen Unterschrift statt fand, und genauso wieder abgegeben werden mußten. Jeder Brief wurde gelesen, von Menschen, die uns betreuten, aber meistens über keine pädagogische Fachausbildung verfügten. Es war uns noch nicht einmal erlaubt, auch nur einen Kugelschreiber zu besitzen. Täglich wurde das Licht um Punkt 21.00 Uhr gelöscht, wobei die Lichtschalter sich ausserhalb der Zimmer befanden. Wenn wir überhaupt lesen durften, dann nur ausgesuchte Bücher, keine Zeitungen, Keine Illustrierten, Magazine. Radio hören, Nachrichten sehen war verboten.
Es war alles verboten, nichts war erlaubt. Wer in Breitenau die Pforten hinter sich geschlossen hatte, hatte keine Menschenrechte mehr, keine Selbstwürde, vor allem keinerlei Freiheit. Wenn man mal von draussen ein Päckchen erhalten hatte, musste das in Gegenwart des Personals geöffnet werden, der Inhalt wurde strengstens kontrolliert, Schokolinsen, Kaugummi usw. wurden weggenommen, von dem Rest was dann noch in dem Päckchen war, durfte man sich jeden Abend ein Teil geben lassen, aber nur wenn es dem Personal gepasst hat, denn man durfte sein eigenes Päckchen nicht behalten, es wurde eingeschlossen.
Zigaretten gab es gar keine, ausser ein Mädchen hat sich dafür mit einem aus der Landwirtschaft sexuell missbrauchen lassen, und dafür, wenn man dann beim Rauchen erwischt wurde noch mit mehreren Tagen Besinnungsstube bestraft.
Dieses Heim war mit einer sehr hohen Mauer umgeben, darauf viele Glasscherben und Stacheldraht, trotzdem haben immer wieder Mädchen versucht von dort zu fliehen, zogen sich dabei die schwersten Verletzungen zu, aber immer noch besser als dort eingesperrt zu bleiben. Eine Flucht gelang einem nur wenn man im Aussendienst arbeiten konnte, was aber auch sehr schwer war, da man immer stark bewacht wurde. Für einen Fluchtversuch gab es wie immer Besinnungsstube und drei Monate längeren Heimaufenthalt, für gelungene Flucht sechs Monate Verlängerung. Wo zu man noch sagen muss, das keiner der Mädchen nie wusste, wie lange der jeweilige Heimaufenthalt dauert.
In den Gruppen fanden unregelmässige Zimmerkontrollen statt wenn wir zur Arbeit waren, das wenige was wir sowieso nur besassen, war aus den Nachtschränken rausgerissen, die vier Monatsbinden die man für einen Monat bekam zerrissen, weil darin ja etwas verbotenes versteckt sein könnte.
Die Aufteilung der Schlafsäle war in Einzelzimmer, Dreibettzimmer bis Fünfbettzimmer eingeteilt. Für jeden Schlafsaal gab es einen Nachttopf, den man in einen Nachtschrank aus Holz stellen musste, dementsprechend hat er auch gestunken. Manchmal haben sich die Mädchen wegen Überfüllung des Nachttopfes nicht mehr getraut Ihre Notdurft zu verrichten, denn der letzte der dies gemacht hat, musste den Nachttopf entleeren. Wer Abends vergessen hatte den Nachttopf mit ins Zimmer zu nehmen, hatte Pech, denn die Tür die einmal abgeschlossen war, wurde vor dem anderen Morgen nicht mehr aufgeschlossen, da konnte man klopfen so viel man wollte.
Zu dem Tagesablauf gäb es noch zu sagen:
Morgens um sechs Uhr dreißig aufstehen, Bett aufstellen, das heisst drei Matratzen hochstellen,danach waschen unter Kontrolle des Personals, die auf einem Stuhl dabei saß und uns beobachte. Nach dem Waschen die Betten ordentlich machen, Frühstücken, um kurz vor acht Uhr in den großen Hof, wo sich alle Heiminsassinnen versammeln, in der Mitte die Heimleiterin, unter deren Regiment wurde ein Volkslied gesungen, danach bis zwölf Uhr zur Arbeit, Mittagessen,dreizehn Uhr wieder nach erneutem Singen arbeiten bis siebzehn Uhr, ab zur Gruppe, waschen, Schuhe putzen, Abendbrot. Danach konnte man Handarbeiten, wenn die Aufsicht gute Laune hatte auch mal Gesellschaftsspiele machen. Einundzwanzig Uhr Ende eines auch so monotonem Tag.
Gearbeitet wurde in der Industrie, Näherei, Waschküche, Küche, Altenheim, Gärtnerei, Feld, Kuh und Schweinestall.
Zu anderen Heiminsassinnen durfte man keine Freundschaft aufbauen, sonst war man gleich Lesbisch, und wurde sofort in eine andere Gruppe verlegt wo es nur Einzelzimmer gab.
Es gäbe dazu noch soviel zu sagen, aber da mich die ganze Geschichte nach dieser langen Zeit immer noch belastet, möchte ich jetzt dazu kommen wie es mir ergangen ist, als ich endlich nach 31 Monaten dieses ach so ehrenwerte Haus verlassen konnte.
Mit 45 DM wurde ich entlassen, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Angekommen Kassel- Hauptbahnhof. Wo sollte ich hin? Stundenlang hab ich dort im Wartesaal gesessen, bis sich ein junger Mann ansprach, dem ich im Laufe des Gesprächs sagte das ich kein Zuhause habe, der lud mich ein bei seiner Großmutter zu übernachten, ich nahm dankend an. Die erste Zeit war schön, es entwickelte sich eine Beziehung, jedoch nach 3 Monaten musste ich bitter erfahren, das ich an einen Zuhälter geraten bin, es hagelte nur noch Schläge, ich musste anschaffen gehen. Ich hatte wieder keine Wahl, habe mich in mein Schicksal ergeben, bis der Zuhälter inhaftiert wurde. Dann lernte ich meinen ersten Ehemann kennen,die Ehe habe ich nach 4 Jahren beendet, weil er mich nur belogen und betrogen hatte. Danach habe ich mich in der Gastronomie selbständig gemacht, immer wieder die falschen Männer kennengelernt, wieder in das Strichmilieu abgerutscht, mein derzeitiger Mann hat mich nur geschlagen, immer wieder krankenhausreif. Erst vor acht Jahren hat sich für mich mein Leben geändert, Ich bin jetzt seit sieben Jahren mit dem besten Mann zusammen, davon fünf Jahre verheiratet, mein Mann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, die ich sehr liebe und sie mich auch, habe jetzt sogar seit 9 Monaten eine Enkelin, mein ganzer Sonnenschein. Trotzdem kann ich diese schreckliche Zeit die davor war nicht vergessen. Wenn man mich nicht weggesperrt hätte, wäre mir das alles erspart geblieben, vor allen Dingen lag kein gravierender Grund vor. Heut zu Tage würde man diese Leute wegen Freiheitsberaubung anzeigen.
Anbei die Adresse von dem Kinderheim in dem meine Geschwister waren, ich hatte ja schon erwähnt, das wir an die Akten nicht ran kommen. 

Antroposophisches Kinderheim
Heimleiterin Johanna Eckhardt
Damals Bergstrasse 147
Heute Konrad-Adenauerstrasse 147
Kassel- Wilhelmshöhe Brasselsberg