1. Einweisung in ein Kinderheim.

Im September 1963 wurde mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich wegen dramatischer familiärer Gründe auf Anraten des Jugendamtes in einem Kinderheim abgegeben. Zwei weitere jüngere Geschwister verblieben vorerst noch zu Hause. Weder wurden wir darauf vorbereitet, noch zu einem späteren Zeitpunkt darüber informiert. Was mir wichtig ist: Anscheinend konnte man damals Kinder per Gesetz als Sache behandeln. Dort machte ich meinen Hauptschulabschluß (damals Volksschule), und verließ das Kinderheim(mein jüngerer Bruder blieb zurück) im Frühjahr 1966, mit fließendem Übergang, da ich einen Ausbildungsplatz mit Unterkunft vermittelt bekam über das Arbeitsamt, als Floristin. Während des 1. Ausbildungsjahres zeigte mein Chef und Ausbilder ein reges sexuelles Interesse an mir, welches sich im Laufe der Zeit stark zuspitzte, und mit versuchter Vergewaltigung endete.
In meiner Not wußte ich mir keinen anderen Rat, als von dort weg zu laufen, und nahm den Arbeitsplatz nicht wieder nicht wieder auf. Meine Großmutter, der einzig intensive familiäre Kontakt für mich während dieser Zeit, erzählte ich das Drama. Diese riet mir, mich an das Jugendamt zu wenden, um die Hilfe zu bekommen, die jetzt bitter nötig wäre. Da ich sehr verängstigt war, und der Gedanke an das Jugendamt nicht gerade vertrauen in mir weckte, bot meine Großmutter mir an dort hin mit zu gehen, und mich nicht allein zu lassen. Auf dem Jugendamt versuchte ich so gut es mir möglich war, meine Situation verständlich zu machen, worauf hin sie mir einen neuen Arbeitsplatz anboten. Wir besprachen einen Termin für den nächsten Tag, an dem die Dame des Jugendamtes mich zwecks Vorstellung bei einer neuen Arbeitsstelle abholen würde.
Dass ich nun als sittlich und moralisch gefährdete Jugendliche in ein Erziehungsheim eingewiesen werden sollte war mir nicht bewußt. Zudem wußte ich nicht, das man als junge Heranwachsende mit Gefängnis bestraft wird, weil man sexuell genötigt und fast vergewaltigt wurde. Den richterlichen Beschluß für eine Einweisung halte ich heute in meinen Händen.

2. Erziehungsheim Breitenau “Mädchenheim Fuldatal”, Guxhagen bei Kassel 

Am nächsten Morgen erschien ich zur abgemachten Zeit auf dem Jugendamt, und ich fuhr mit der Dame vom Jugendamt merkwürdigerweise zuerst zu einer ärtztl. Untersuchung, worüber ich nicht informiert wurde. Wir fuhren in ein Krankenhaus, wo ich gebeten wurde, in einem Wartezimmer einen Moment Platz zu nehmen. Ich war logischer Weise in dem guten Glauben, es ginge um meinen Arbeitsplatz. Als sich nach einiger Zeit nichts tat und ich die Toilette aufsuchen mußte, stellte ich fest, das die Türen verschlossen waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich (nach heutigen Masstäben) weder aufgeklärt, noch wußte ich was bei einem Gynäkologen vor sich ging, außerdem war ich noch Jungfrau. Nun wurde ich gebeten, mit zu kommen in das Untersuchungszimmer, wo ich, ohne Fragen zu stellen, alles über mich ergehen ließ. Zum Schluß wurde mir noch Blut entnommen, und wir fuhren nun zu meinem angeblich neuen Arbeitsplatz. Auf meine damalige emotionale Situation möchte ich hier nicht weiter eingehen, obwohl das gerade geschilderte schon Trauma genug ist für einen jungen Menschen. Mein Trauma sollte aber jetzt erst richtig beginnen.
Nach einer guten dreiviertelstunde Autofahrt sah ich schon von weitem riesige Mauern mit Stacheldraht bestückt, worauf wir jetzt zu fuhren. Die Fenster des Gebäudes waren vergittert und ich fragte mich was ich hier wohl soll???
Ich starrte die Frau vom Jugendamt an, und fragte sie warum ich in ein Gefängnis gebracht werde? Die junge Frau, vielleicht 25 Jahre, erklärte mir dies sei ein Erziehungsheim für junge Mädchen, und ich müßte nur einige Wochen hier bleiben, bis man einen geeigneten Arbeitsplatz für mich habe. Wir bogen in das große Tor ein und hinter mir schloßen sich die Pforten. Auf der Geschäftsstelle angekommen, gingen wir in das Büro der Heimleiterin, welche sich mir vorstellte als Leiterin des Institutes.
Von dem Aussehen der Heimleitung war ich schwer beeindruckt, als sie hinter ihrem Schreibtisch hervorkam, mit ihrem Kurzhaarschnitt, den markanten Gesichtszügen, und dem kühlen strengen Blick aus den Augenwinkeln. Gekleidet war sie mit grauem Rock, einer Bluse und schwarzer Lederjacke. Die junge Frau vom Jugendamt hatte sich schnell verabschiedet, und ich wurde nun von einer Schwester Namens Gertrud in Schwesternkleidung mit Häubchen abgeholt.
Sie ging mit mir über den Hof, indem sie mir erklärte ich würde jetzt untersucht. Im Untersuchungszimmer angekommen, mußte ich mich völlig nackt ausziehen, meine eigene Kleidung wurde mir weggenommen, und eine umfassende Körperinspektion wurde an mir vorgenommen. Dazu zählte die genaueste Überprüfung von Kopf und Filzläusen. Anschliessend bekam ich ein Nachthemd aus grauem Sackleinen, eine Baumwollunterhose, und einen Arbeitskittel, der als Morgenrock diente. Strümpfe gehörten nicht dazu, lediglich dünne Filzpantoffeln, zusätzlich Zahncreme und Bürste.
Anschliessend wurde ich in ein Zimmer geführt, rechts und links an der Wand jeweils ein Eisenbett mit dünner Decke, Kissen und grauen Bezügen. An den weiß getünchten Wänden ein oder zwei nichtssagende Bilder. Nachttische aus Holz, und die Schwester holte noch einen Nachttopf herbei. Dann wurde die Tür verschlossen, ich war allein auf der Isostation, wie ich dann später erfuhr, für insgesamt 10 Tage. Außer Mahlzeiten, hin und wieder etwas Literatur und einer nochmaligen ärztlichen Untersuchung hatte ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Die Fenster waren vergittert.
Nach 10 Tagen der Isolation kam ich in die Aufnahmegruppe. Hier wurden Kleinstteile für die Autoindustrie gefertigt und für Firmen die Fertigstellung von Besteckkästen im Akkord hergestellt. Arbeitszeiten waren von Montag bis Freitag, jeweils 8 Std. tägl. Eine Stunde Mittagspause. In der Herstellung gab es die Vorgabe, 300 Teile Vormittags fertig zu stellen, und 300 Teile Nachmittags. Es galt das absolute Redeverbot. Für die Herstellung von 400 Teilen pro 4 Std. Arbeitszeit bekam man 10 Pfennig zusätzlich, für weniger als 300 Teile 10 Pfennig Abzug. Für brechen des Schweigegebots gab es 50 Pfennig. Lohnabzug.
Der Speiseplan der Mittagsmahlzeiten bestand aus den drei Mal wöchentlich wiederkehrenden Suppen. Darunter jeden Mittwoch die leckere Brotsuppe. Wahrscheinlich kannte mein Vater diese aus Kriegszeiten und Gefangenschaft schon. Aber inzwischen war der Krieg schon mehr als 20 Jahre vorbei, und draußen tobte das Wirtschaftswunder inmitten einer Demokratie.
Ich habe hier viele Mädchen kommen und gehen gesehen, die sich ständig selbst verletzten, und immer wieder verzweifelt versuchten auszubrechen. Zu diesen Mädchen gehörte auch ich. Hier lernte ich homosexuelle Beziehungen kennen, von verzweifelten Menschen, die nach Zuneigung und Anerkennung schrien. Hier lernte ich, das es besser ist sich selber Schmerz zuzufügen, damit du den Schmerz der von außen kam nicht mehr spüren mußtest.
Die Post wurde kontrolliert und gelesen, Besuch war nur auf Antrag alle acht Wochen (von dafür ausgewählten Personen) erlaubt.
Meine Geschwister wußten nicht wo ich war. Für jeden sei es auch noch so ein geringer Verstoß gab es die Klabause(Isohaft). Ich habe Mädchen gesehen die für ein Stück Leberwurstbrot sexuellen Wünschen nach gaben, und eine Heimleitung, die in schwarzer Lederkleidung mit Peitsche herumlief, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
In der Aufnahmegruppe befanden sich im Durchschnitt 15 Mädchen. Insgesamt hatte das Erziehungsheim ca. 80 Plätze für junge Mädchen, durchschnittlich im Alter von 14 bis 20 Jahren. Ich selbst kann mich aber an ein 11jähriges hochschwangeres Mädchen erinnern, welche in unserer Gruppe arbeiten mußte, bis zu ihrer Niederkunft. Sehr oft war die Aufnahmekapazität erschöpft, wegen Überbelegung. Jeden zweiten Sonntag hatten wir Schreibtag. Jeder bekam ein Blatt und einen Kugelschreiber, wobei die Ausgabe gegen Unterschrift statt fand, und genauso wieder abgegeben werden mußten. Jeder Brief wurde gelesen, von Menschen, die uns betreuten, aber meistens über keine pädagogische Fachausbildung verfügten. Es war uns noch nicht einmal erlaubt, auch nur einen Kugelschreiber zu besitzen. Täglich wurde das Licht um Punkt 21.00 Uhr gelöscht, wobei die Lichtschalter sich ausserhalb der Zimmer befanden. Wenn wir überhaupt lesen durften, dann nur ausgesuchte Bücher, keine Zeitungen, Keine Illustrierten, Magazine. Radio hören, Nachrichten sehen war verboten.
Es war alles verboten, nichts war erlaubt. Wer in Breitenau die Pforten hinter sich geschlossen hatte, hatte keine Menschenrechte mehr, keine Selbstwürde, vor allem keinerlei Freiheit. Wenn man mal von draussen ein Päckchen erhalten hatte, musste das in Gegenwart des Personals geöffnet werden, der Inhalt wurde strengstens kontrolliert, Schokolinsen, Kaugummi usw. wurden weggenommen, von dem Rest was dann noch in dem Päckchen war, durfte man sich jeden Abend ein Teil geben lassen, aber nur wenn es dem Personal gepasst hat, denn man durfte sein eigenes Päckchen nicht behalten, es wurde eingeschlossen.
Zigaretten gab es gar keine, ausser ein Mädchen hat sich dafür mit einem aus der Landwirtschaft sexuell missbrauchen lassen, und dafür, wenn man dann beim Rauchen erwischt wurde noch mit mehreren Tagen Besinnungsstube bestraft.
Dieses Heim war mit einer sehr hohen Mauer umgeben, darauf viele Glasscherben und Stacheldraht, trotzdem haben immer wieder Mädchen versucht von dort zu fliehen, zogen sich dabei die schwersten Verletzungen zu, aber immer noch besser als dort eingesperrt zu bleiben. Eine Flucht gelang einem nur wenn man im Aussendienst arbeiten konnte, was aber auch sehr schwer war, da man immer stark bewacht wurde. Für einen Fluchtversuch gab es wie immer Besinnungsstube und drei Monate längeren Heimaufenthalt, für gelungene Flucht sechs Monate Verlängerung. Wo zu man noch sagen muss, das keiner der Mädchen nie wusste, wie lange der jeweilige Heimaufenthalt dauert.
In den Gruppen fanden unregelmässige Zimmerkontrollen statt wenn wir zur Arbeit waren, das wenige was wir sowieso nur besassen, war aus den Nachtschränken rausgerissen, die vier Monatsbinden die man für einen Monat bekam zerrissen, weil darin ja etwas verbotenes versteckt sein könnte.
Die Aufteilung der Schlafsäle war in Einzelzimmer, Dreibettzimmer bis Fünfbettzimmer eingeteilt. Für jeden Schlafsaal gab es einen Nachttopf, den man in einen Nachtschrank aus Holz stellen musste, dementsprechend hat er auch gestunken. Manchmal haben sich die Mädchen wegen Überfüllung des Nachttopfes nicht mehr getraut Ihre Notdurft zu verrichten, denn der letzte der dies gemacht hat, musste den Nachttopf entleeren. Wer Abends vergessen hatte den Nachttopf mit ins Zimmer zu nehmen, hatte Pech, denn die Tür die einmal abgeschlossen war, wurde vor dem anderen Morgen nicht mehr aufgeschlossen, da konnte man klopfen so viel man wollte.
Zu dem Tagesablauf gäb es noch zu sagen:
Morgens um sechs Uhr dreißig aufstehen, Bett aufstellen, das heisst drei Matratzen hochstellen,danach waschen unter Kontrolle des Personals, die auf einem Stuhl dabei saß und uns beobachte. Nach dem Waschen die Betten ordentlich machen, Frühstücken, um kurz vor acht Uhr in den großen Hof, wo sich alle Heiminsassinnen versammeln, in der Mitte die Heimleiterin, unter deren Regiment wurde ein Volkslied gesungen, danach bis zwölf Uhr zur Arbeit, Mittagessen,dreizehn Uhr wieder nach erneutem Singen arbeiten bis siebzehn Uhr, ab zur Gruppe, waschen, Schuhe putzen, Abendbrot. Danach konnte man Handarbeiten, wenn die Aufsicht gute Laune hatte auch mal Gesellschaftsspiele machen. Einundzwanzig Uhr Ende eines auch so monotonem Tag.
Gearbeitet wurde in der Industrie, Näherei, Waschküche, Küche, Altenheim, Gärtnerei, Feld, Kuh und Schweinestall.
Zu anderen Heiminsassinnen durfte man keine Freundschaft aufbauen, sonst war man gleich Lesbisch, und wurde sofort in eine andere Gruppe verlegt wo es nur Einzelzimmer gab.
Es gäbe dazu noch soviel zu sagen, aber da mich die ganze Geschichte nach dieser langen Zeit immer noch belastet, möchte ich jetzt dazu kommen wie es mir ergangen ist, als ich endlich nach 31 Monaten dieses ach so ehrenwerte Haus verlassen konnte.
Mit 45 DM wurde ich entlassen, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Angekommen Kassel- Hauptbahnhof. Wo sollte ich hin? Stundenlang hab ich dort im Wartesaal gesessen, bis sich ein junger Mann ansprach, dem ich im Laufe des Gesprächs sagte das ich kein Zuhause habe, der lud mich ein bei seiner Großmutter zu übernachten, ich nahm dankend an. Die erste Zeit war schön, es entwickelte sich eine Beziehung, jedoch nach 3 Monaten musste ich bitter erfahren, das ich an einen Zuhälter geraten bin, es hagelte nur noch Schläge, ich musste anschaffen gehen. Ich hatte wieder keine Wahl, habe mich in mein Schicksal ergeben, bis der Zuhälter inhaftiert wurde. Dann lernte ich meinen ersten Ehemann kennen,die Ehe habe ich nach 4 Jahren beendet, weil er mich nur belogen und betrogen hatte. Danach habe ich mich in der Gastronomie selbständig gemacht, immer wieder die falschen Männer kennengelernt, wieder in das Strichmilieu abgerutscht, mein derzeitiger Mann hat mich nur geschlagen, immer wieder krankenhausreif. Erst vor acht Jahren hat sich für mich mein Leben geändert, Ich bin jetzt seit sieben Jahren mit dem besten Mann zusammen, davon fünf Jahre verheiratet, mein Mann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, die ich sehr liebe und sie mich auch, habe jetzt sogar seit 9 Monaten eine Enkelin, mein ganzer Sonnenschein. Trotzdem kann ich diese schreckliche Zeit die davor war nicht vergessen. Wenn man mich nicht weggesperrt hätte, wäre mir das alles erspart geblieben, vor allen Dingen lag kein gravierender Grund vor. Heut zu Tage würde man diese Leute wegen Freiheitsberaubung anzeigen.
Anbei die Adresse von dem Kinderheim in dem meine Geschwister waren, ich hatte ja schon erwähnt, das wir an die Akten nicht ran kommen. 

Antroposophisches Kinderheim
Heimleiterin Johanna Eckhardt
Damals Bergstrasse 147
Heute Konrad-Adenauerstrasse 147
Kassel- Wilhelmshöhe Brasselsberg

Kommentar verfassen

Post Navigation