Bis zum Jahre 1956 habe ich nur gute Erinnerungen an meine Kindheit.
1956 wurde meine Mutter schwer krank mit einem Hirntumor. Sie war oft im Krankenhaus. Mein Vater hat mir dann erzählt sie müsse am Kopf operiert werden, ein Tumor würde entfernt.
Meine Mutter ist nicht mehr aus der Narkose aufgewacht, im Juni 1957 ist sie gestorben. Ich bin statt zur Schule- jeden Tag mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren, habe dort das Grab meiner Mutter besucht, ich war verzweifelt. Weil mein Vater arbeiten musste kam ich in einen Schülerhort, es hat mir dort nicht gefallen, ich konnte meinen Vater überreden nicht mehr hin zu müssen.
Mein Vater hat eines Abends Papiere für die Lebensversicherung geordnet. Ich saß mit am Tisch und habe auf einem Formular das Wort „Adoption“ und meine Vornamen gelesen. Ich habe meinen Vater gefragte, was das Wort bedeutet, er hat mir keine Antwort gegeben. Er hat alles schnell zusammengeräumt und wieder weggeschlossen. Meiner Freundin erzählte ich davon. Wir konnten dann herausbekommen, dass Kinder adoptiert würden, die keine Eltern mehr hätten.
Ich kann mich nicht erinnern was der Anlass war, als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam stand ein Mann und eine Frau vor der Haustüre, die haben mir erzählt wir würden zu meinem Vater ins Geschäft fahren und uns dort darüber unterhalten, was mit mir geschehen solle.
Wir sind nicht zu meinem Vater gefahren sondern sie haben mich zu Nonnen gebracht. Dort war ich vier Wochen. Ich durfte eine Woche lang ein spärlich eingerichtetes verschlossenes Zimmer, nur zu den Mahlzeiten und um zu beten in der Kapelle verlassen (Ich durfte nicht zur Toilette sondern musste einen Nachttopf benutzen). Es waren schwangere Mädchen und Mädchen die schon Babys hatten, dort. Ich war 12 Jahre, trotzdem haben die Mädchen mich gefragt, ob ich auch schwanger sei.
Eine Frau vom Jugendamt hat mich nach Lahr/Schwarzwald gebracht und mir erzählt, dass mein Vater dieses Heim für mich ausgesucht hätte und es mir bestimmt gefallen würde. Es war das evangelische Waisenhaus in Lahr, überwiegend waren dort Diakonissen. Die Oberin sagte, wenn ich mich anständig verhalten würde, könnte ich auch von meinem Vater besucht werden, aber erst wenn ich mich eingelebt hätte. Auf meine Frage, wann das denn sei, antwortete sie mir, sie würden mir meine Ungezogenheiten schon austreiben, ich hätte nur zu sprechen, wenn ich gefragt würde. Wieder wurde ich eingesperrt und bekam die Mahlzeiten auf das Zimmer. Das Zimmer hatte nur ein Eisenbett, keinen Stuhl und keinen Tisch oder Schrank. Das Licht konnte nur von draußen an- und ausgemacht werden und das vergitterte Fenster, fast ganz oben an der Decke, hatte keinen Griff zum aufmachen, an der Tür war ein Spion. In diesem Zimmer sollte ich noch viele Tage und Nächte verbringen.
Nach einer Woche kam ich dann in einen Schlafsaal mit 12 Betten, alle Mädchen waren älter als ich, die Älteste war damals schon 18 und hatte ein Kind, das auch im Waisenhaus in der Säuglingsabteilung war. Dieses Mädchen war Bärbel und immer, wenn sie bestraft wurde, durfte sie ihr Kind für mehrere Wochen nicht sehen, nachts hat sie immer geweint. Eigene Kleider durften nicht getragen werden, wir hatten alle eine Anstaltstracht (dunkelblaugraue steife Kleider mit gestreiften Schürzen an. Jedes Mädchen hatte eine Nummer, ich die Nummer 61. Nacht´s wurde die Tür im Schlafsaal abgeschlossen, wenn man auf Toilette musste, gab es dafür einen Eimer. Jeden Tag gingen alle 12 Mädchen gemeinsam in den Waschraum und einmal in der Woche konnte man duschen. Für mich war das anfangs ungewohnt und ich genierte mich, als die Schwester, die uns beim waschen beaufsichtigte das merkte, musste ich mich vor allen Mädchen ganz nackt ausziehen und mich waschen und zwar so wie die Schwester es sagte, manche Mädchen haben betreten weggesehen und manche haben gekichert, mir war das sehr peinlich, ich habe geweint.
Im Heim war eine Schule, alle 8 Klassen in einem Raum. Ich ging zunächst in die 5. Klasse, insgesamt waren wir ca. 30 Mädchen von der 1. bis zur 8. Klasse.
Ich hatte keine Probleme mit dem Lehrstoff sondern mit der Lehrerin, sie war keine Diakonisse. Als ein neues Mädchen aus Mannheim kam, ihr Name war Roswitha (auch 12 Jahre alt), sie weinte viel und hatte Heimweh. Sie hat erzählt, ihre Mutter sei in Amerika und würde sie bald holen. Ihre Oma wurde krank und darum hätte das Jugendamt sie abgeholt und nach Lahr gebracht. Das Schlimmste war, sie war Linkshänderin. In Mannheim war das in der Schule wohl kein Problem, aber im Heim sehr wohl. Immer wenn sie den Füllhalter in der linken Hand hatte und erwischt wurde, bekam sie nicht nur Tatzen auf die Hände, nein überall hin, auch auf den Körper und den Kopf. Mit der rechten Hand konnte sie nur langsam schreiben, darum wurde sie auch nie mit uns anderen fertig und musste immer nachsitzen. Oft bekam sie dann nichts mehr zu essen. Mir tat sie leid, ich habe darum etwas für sie abgeschrieben, nicht zu schön, dass man es nicht sofort merken sollte und das wurde mir dann zum Verhängnis. Alle beide haben wir kräftig den Rohrstock zu spüren bekommen und alle beide wurden wir eingesperrt, natürlich getrennt. Die Striemen vom Rohrstock hat man bei mir lange gesehen. Zu mir hat die Lehrerin gesagt ich wäre verlogen und ein durchtriebenes Subjekt (ich wusste gar nicht was das war), weil ich vorgetäuscht hätte, dass Roswitha das selbst geschrieben habe. Ich wäre ein hinterhältiges Früchtchen, sagte die Oberin zu mir und sie hoffe, dass ich im Arrest zur Besinnung käme und bis dahin seien Briefe und Besuche gestrichen. Briefe schreiben waren nur alle vier Wochen und Besuch nur alle viertel Jahr erlaubt. Alle Briefe wurden gelesen und manchmal auch nicht abgeschickt. Eines Abends, als mich eine Schwester zum Waschraum brachte, wurde sie von jemand gerufen und ließ mich alleine im Umkleideraum der nicht abgeschlossen war. Die Schwestern konnte man immer beim gehen hören, weil alle einen großen Schlüsselbund an ihrer Schürze befestigt hatten, der immer klimperte. Ich bin weggelaufen, am Zaun lehnte das Fahrrad von einer Schwester, ich habe es genommen ( gestohlen) und bin durch den Stall hinten um das Haus herum abgehauen. Ich wollte zu meinem Vater nach Karlsruhe, die Richtung kannte ich und habe auch nach Hause gefunden. Mein Vater war nicht glücklich mich zu sehen, aber doch froh, dass mir nichts passiert war.
Er hat mich wieder zurück gebracht. Ich habe ihm erzählt was passiert war, er hat mir nicht geglaubt, er sagte, ich hätte eine blühende Phantasie und so schlimm könne es doch nicht sein.
Ich bin wieder zurück ins Heim gekommen, mein Vater hat mich hingebracht und so lange er dabei war, ist auch nichts passiert. Ich kam aber dann doch wieder für eine Woche in das Zimmer mit den vergitterten Fenstern und in die Schule durfte ich auch nicht, weil ich das Fahrrad gestohlen hatte. Wir haben es natürlich sauber geputzt wieder zurückgebracht und ich hatte mich auch entschuldigt.
Jeder musste ein Amt übernehmen, d.h. nach der Schule in der Küche, Waschküche, in den Ställen oder bei den Kleinkindern und Säuglingen helfen.
Im Sommer mussten wir auf dem Feld helfen, das war anstrengend, aber trotzdem schön. Eines mittags wurde mir so schlecht und ich musste mich übergeben (wir hatten schon seit morgens Heu gewendet und aufgeladen), ich hatte Fieber und ich sollte im Schatten liegen bleiben, man könnte niemand entbehren bei der Heuernte, wenn ich schon nicht mehr arbeiten könnte, solle ich mich wenigstens ruhig verhalten. Offensichtlich habe ich mich ruhig verhalten, ich kann mich erst wieder an den übernächsten Tag erinnern, ich lag im Bett mit Wadenwickeln und ein Arzt war da. Meine Frage, was ich denn hätte und warum ich in dem Zimmer mit den vergitterten Fenstern wäre, wurde mir nicht beantwortet. Erst als ich wieder gesund war, haben mir die anderen Mädchen im Speisesaal erzählt, ich hätte einen Hitzschlag gehabt und wäre ohnmächtig gewesen.
Besuchstag, aber mein Vater kam nicht. Anrufen konnte man damals nicht, wir hatten zu Hause kein Telefon. Ich habe die Schwester gebeten doch bei meinem Vater auf der Arbeit anzurufen, weil er nicht mehr geschrieben hatte, die Antwort war: der wird schon wissen warum er nicht kommt, kein Wunder bei so einem frechen Kind, ich solle kein Theater machen. Die Angst um meinen Vater hat mich wieder veranlasst die Flucht zu ergreifen. Dieses Mal hat mich ein Lastwagenfahrer bis nach Karlsruhe mitgenommen. Als ich nach Hause kam, war eine Frau bei meinem Vater. Er hat mit mir geschimpft und mich wieder zurückgebracht. Für mich brach damals eine Welt zusammen, mein Vater war alles was ich hatte und ich dachte er hat mich nicht mehr lieb. Ich habe erst später verstanden, dass mein Vater nicht alleine leben wollte.
Ich sollte ein Treppenhaus putzen und habe das wohl nicht gut genug gemacht, so dass eine Schwester mich ausgeschimpft und geschlagen hat, dabei bin ich die Treppen runtergefallen, weil sie mich gestoßen hatte, dafür wurde ich wieder eingesperrt. Die anderen Mädchen, vor allem die Älteren, haben einen Plan zur Flucht ausgeheckt. Im Schlafsaal sollten wir nicht sprechen, aber wir taten es trotzdem. Erst wollten die Mädchen mich nicht mitnehmen, aber weil ich so verzweifelt war und weil ich schon mehrmals weggelaufen war, haben sie mich doch mitgenommen. Wir haben uns in einem leer stehenden Winzerhäuschen im Weinberg versteckt, weil die älteren sagten, wir würden auf den Straßen gesucht werden. Beim Äpfel stehlen hat uns wohl ein Landwirt gesehen und es der Polizei gemeldet. Ich habe fast nichts mitbekommen, ich kam mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus und mir wurde eine Metallspäne rausoperiert, die wohl beim Sturz im Treppenhaus in mein Bein gekommen war. Noch im Krankenhaus kam mein Vater. Ich musste nicht mehr zurück, aber nach Hause durfte ich auch nicht. In Lörrach wohnte ein Bruder meines Vaters und dort wäre ein gutes Kinderheim, die Tüllinger Höhe dort würde er mich hinbringen.
Es war ein gutes Heim. Wir hatten einen blinden Hausvater, wenn man sich ordentlich benahm, durfte man ihm vorlesen oder ihn zum Zahnarzt und Friseur begleiten oder einfach mit ihm spazieren gehen. Wir waren 57 Mädchen im Alter von 6 bis 16 Jahren, jedes kannte er an der Stimme. Es gab eine Heimschule, aber wir konnten auch in die Mittelschule und ins Gymnasium nach Lörrach gehen. Morgens wurden wir mit einem VW-Bus hingefahren, aber mittags mussten wir den Weg zu Fuß zurücklaufen. Sonntags durfte ich öfters zu meinem Onkel und manchmal kam auch mein Vater.
Mit 15 wurde ich konfirmiert und habe ich im selben Jahr die Schule abgeschlossen. Ich wollte Hotelkauffrau werden, das ging erst mit 18 Jahren. Alle Erwachsenen erklären mir, es wäre gut, wenn ich noch ein Haushaltsjahr machen würde. Damals konnte man nicht viel dagegen sagen, aber ich fühlte mich wieder einmal abgeschoben. Ich machte bei einer Hauswirtschaftslehrerin für ein halbes Jahr die Hausarbeit und kümmerte mich um ihre drei Kinder, was ich sehr gerne tat. Im Monat habe ich 30.– DM bekommen und Rentenbeiträge wurden abgeführt, die brachte ich damals immer selbst zur AOK. Ich ging in Lörrach in eine Jugendgruppe der ev. Kirche, dort wurde eine Fahrt (für wenig Geld), zu einer kirchlichen Veranstaltung nach Karlsruhe angeboten, dafür habe ich mich angemeldet und konnte dann mitfahren. Ich hatte nicht vor, zu der Veranstaltung zu gehen, ich wollte nach Hause, ich hatte lange nichts von meinem Vater gehört. Um 10.00 Uhr waren wir in Karlsruhe, ich wusste, dass um 16.00 Uhr der Bus zurückfahren würde.
Mein Vater war nicht alleine. Wieder war eine Frau bei ihm. Ich habe meinem Vater Vorwürfe gemacht und er hat mir gedroht, dass er mich wieder in ein Heim bringen würde. Ich habe ihn angelogen und gesagt ich hätte ein Woche Urlaub. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet. Zum ersten Mal hat er mir erzählt, dass (seine verstorbene Frau) nicht meine Mutter, sondern meine Großmutter war und dass er mit ihrer Tochter aus erster Ehe, ein Verhältnis hatte und ich das Ergebnis wäre. Er hätte meine Mutter überredet mich zur Adoption freizugeben und seine Frau hatte er überredet einzustimmen und mich großzuziehen. Für mich war das alles zu viel. Plötzlich war meine Mutter nicht mehr meine Mutter. Wir hatten einen furchtbaren Streit und ich war sehr wütend, ich kam mit der Situation nicht zurecht.
Ich war meinem Vater zu anstrengend. Er hat mich wieder vom Jugendamt abholen lassen und so kam ich nach Leonberg in ein Erziehungsheim für schwer erziehbare Mädchen. Dieses Haus (Margaretenheim) wurde von Diakonissen geleitet und mit solchen hatte ich nur schlechte Erfahrungen gemacht. Ich wurde wieder eingesperrt , Schläge gab es nicht, aber man hatte andere Methoden uns gefügig zu machen z.B. wenn Badetag war, musste man als Zweite in ein Badewasser steigen, in dem vorher schon ein anderes Mädchen gebadet hatte, ich habe mich geweigert, weil mich das geekelt hat. Danach war wieder Arrest angesagt. Ich wurde auch gefragt, ob ich schon Geschlechtsverkehr gehabt hätte, ich habe dies wahrheitsgemäß verneint und trotzdem musste ich zu einer Untersuchung, nicht zu einem Frauenarzt sondern zu einem ganz normalen prakt. Arzt. Er hat mich auf einem Sofa in seiner Praxis untersucht, zu der Schwester hin, hat er nur den Kopf geschüttelt. Man hat mir ganz klar gesagt, je weniger Schwierigkeiten ich mache, um so schneller wäre ich wieder draußen, aber mit einem Jahr müsste ich mindestens rechnen (15.4.61 bis 20.5.62). Ich lag in einem Vier-Bett-Zimmer und war wieder die Jüngste (16 Jahre). Eines Nachts bin ich aufgewacht, weil ein anderes Mädchen zu mir in mein Bett kam und mich streicheln wollte. Ich habe so lange Radau gemacht bis eine Schwester kam. Darauf hin kam ich dann in ein 6-Bett-Zimmer und man hat mir vorgeworfen, ich hätte das Mädchen wohl zu seinen Handlungen ermuntert. Danach hatte ich noch ein paar unschöne Begegnungen mit anderen Mädchen, die mich auch belästigt und bedroht haben.
Im Heim war eine Näherei, Wäscherei und eine Bügelstube, die Aufträge für Kundschaft erledigten. Ich wurde der Näherei zugeteilt. Erst lernte ich Herrenhemden nähen, danach kam ich zum Weißzeug sticken. Ich bin ganz sicher, dass ich Aufträge für Kundschaft erledigen musste, weil ich mehrere ganze Aussteuern gestickt habe. Es war immer gut, wenn ein Mädchen einen Auftrag alleine bearbeitete, weil jedes Mädchen seine eigene Art zu sticken hatte. Manchmal, besonders in der Vorweihnachtszeit wurde vorgelesen, ich habe mich auch einmal zum Vorlesen gemeldet, da hat Schwester Margarethe gesagt : “Nein, nein Heidelore, dich kann ich nicht lesen lassen, dein Auftrag muss noch vor Weihnachten fertig werden“. Ich habe auch Monogramme in Bettwäsche, Handtücher und Taschentücher gestickt. Die Taschentücher waren von einem Textilgeschäft in Leonberg, für deren Kunden haben wir die Monogramme gestickt. Meistens wurde die Bettwäsche auch im Nähsaal genäht, das musste man immer am Anfang machen, weil man da nicht viel falsch machen konnte, es waren ja nur gerade Nähte. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber an den 28. Oktober 1961 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war der Tag an dem mein Vater gestorben ist. Ich musste zur Schwester Oberin ins Büro, sie hat mir erzählt, dass mein Vater von einem Auto auf dem Zebrastreifen erfasst worden wäre und bewusstlos liegen geblieben wäre, der Fahrer hätte Fahrerflucht begangen und später sei noch ein Lastwagen über ihn gefahren, der Fahrer hätte wegen Nebel nichts gesehen. Mein Vater war sehr schwer verletzt, man musste beide Beine amputieren er hatte auch innere Verletzungen. Das Krankenhaus hatte gebeten, dass ich komme. Natürlich durfte ich nicht zu meinem Vater nach Bühl. Mein Vater starb dann noch in derselben Nacht. Jetzt war ich ganz alleine und sehr verzweifelt. Getröstet hat mich niemand, sondern wieder einmal eingesperrt, weil ich mit meiner Weinerei die anderen gestört hätte. Zur Beerdigung durfte ich nicht.
Meine richtige Mutter schrieb mir einen Brief. Wenn ich wollte könne ich zu ihr, ihrem Mann und ihren Kindern kommen, sie würden für mich eine Arbeit in der Fabrik finden und ich könnte ihr unter die Arme greifen, weil sie wieder ein Kind erwartete (das 4.).
Man hat mir dann erzählt, dass ich einen Vormund vom Jugendamt Karlsruhe hätte und nur der hätte zu bestimmen. Meine Mutter kannte ich nicht, ihren Mann auch nicht und in eine Fabrik wollte ich auch nicht. Ich durfte einen Brief an meinen Vormund schreiben. Im Dezember habe ich den Brief geschrieben, im Januar kam mein Vormund ins Heim. Ebenfalls im Januar kam ein Mädchen (20 Jahre) mit Namen Elfriede nachts ins Krankenhaus. Nur sie und eine Schwester erledigten den Pfortendienst für die Kunden (der war ganz extra eingerichtet, dass die Kunden uns nicht sehen konnten). Nachts hatten wir schon Unruhe auf den Gängen vernommen, die Schlafräume waren alle abgeschlossen, wir haben auch das Martinshorn des Krankenwagens gehört, mussten uns aber bis zum Morgen gedulden bis wir etwas erfahren konnten. Dies war zunächst sehr spärlich, man hat erzählt, Elfriede sei ohnmächtig geworden, man habe sie ins Krankenhaus bringen lassen. Erst später haben wir so nach und nach erfahren, dass sie sich mit Rattengift vergiften wollte, warum konnten wir nicht erfahren, es gab nur Spekulationen, sie hätte sich vielleicht beim Kirchgang oder den Chorproben verliebt. Sie hat überlebt, ich habe sie nie mehr gesehen, als ich Ende März 19962 entlassen wurde, war sie noch immer nicht zurück im Heim. Da fragt man sich doch, was muss sie wohl erlebt haben, dass sie nicht mehr leben wollte, sie war doch erst 20 Jahre alt. Was war dabei, wenn sie sich vielleicht verliebt hatte, mit 20 war das doch ganz normal – oder? Wenn ich mir das heute überlege, bin ich ja vergleichsweise noch gut davon gekommen.
April 1962 habe ich dann in Stuttgart meine Lehre als Großhandelskauffrau begonnen. Ich wohnte in einem Lehrlingsheim, war aber für die damalige Zeit o.k.. Ich habe noch während meiner Ausbildung geheiratet, meinem Mann habe ich erzählt das Margaretenheim in Leonberg sei eine Haushaltsschule gewesen, weil ich mich geschämt habe. Ich habe trotz früher Heirat meine Lehre zu Ende gemacht, Gott sei Dank, denn ich musste immer arbeiten. Ich habe später mit meiner Mutter Kontakt aufgenommen und wir haben zusammen – bis zu ihrem Tod – ein gutes Verhältnis hinbekommen. Auch heute stehe ich mit meinen Halbgeschwistern in enger Verbindung.
Wenn ich heute über mein Leben nach den Heimen nachdenke, stand bei mir immer im Vordergrund es allen recht machen zu wollen und wenn etwas nicht gut gelaufen ist, immer die Schuld bei mir zu suchen. Ich bekomme heute noch manchmal Gänsehaut wenn ich Schlüsselgerassel höre und es gibt in meiner Wohnung keine geschlossenen Türen.
Meine Ehe war bestimmt nicht schlechter als viele andere, aber sie war nicht annähernd so, wie ich mir eine Ehe vorgestellt hatte. Ich musste immer der Motor der Familie sein, alles musste von mir geregelt werden. Ich habe viele Jahre nachts gearbeitet, damit ich am Tage für meine Jungs Zeit hatte. Meine beiden Schwiegereltern haben beide in unserem Haushalt gelebt, weil beide so krank wurden, dass sie sich alleine nicht mehr versorgen konnten. Ich habe darum nur halbtags gearbeitet. Für meine Jungs waren die Eltern meines Mannes sehr wichtig, sie liebten sie sehr. Für mich waren sie ebenfalls wichtig, weil sie mir oft, als sie noch gesund waren, auf meine Jungs aufgepasst haben. Mein Mann hat neben uns, sein eigenes Leben gelebt. Nach 22 Jahren habe ich einen Schlussstrich unter meine Ehe gezogen und meinen Mann verlassen . Meine Söhne waren 21 und 18 Jahre alt, der jüngere Sohn hat noch 7 Jahre bei mir gelebt, der ältere blieb zunächst bei meinem Mann und ist dann zu seiner Freundin gezogen.
Meine Jugend war ab meinem 12. bis zum 17. Lebensjahr alles andere als schön und ich fühlte mich mehr als einmal misshandelt und das von Diakonissen, in deren Obhut ich mich zu einem lebenstüchtigen Menschen hätte entwickeln sollen. Dass mein Leben dennoch lebenswert geworden ist, habe ich wohl meiner Veranlagung und der liebevollen Erziehung bis zu meinem 12. Lebensjahr zu verdanken. Und später waren es immer wieder meine Kinder, für die ich gerne gesorgt habe, um ihnen das zu ersparen. Was mir in den beschriebenen 5 Jahren passiert war.
Heute bin ich 61 Jahre alt, habe zwei Kinder erzogen, meine beiden Schwiegereltern in meinem Haushalt betreut, versorgt und gepflegt, dabei 17 Jahre von meinen 39 Berufsjahren halbtags gearbeitet, um wieder einmal, dieses Mal wegen meines Alters, aus dem Berufsleben abgeschoben zu werden, natürlich mit legalen, gesetzlichen Mitteln, wie z.B. der Altersteilzeit, zu der ich vom Arbeitgeber genötigt wurde.

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